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StartseiteSport am WochenendeEin Toter, die Mafia und Fanbosse in Haft05.10.2019

Ermittlungen gegen Juventus-UltrasEin Toter, die Mafia und Fanbosse in Haft

Die Ermittlungen der "Operazione Last Banner" offenbaren das wahre Ausmaß der kriminellen Aktivitäten im Ultra-Umfeld von Juventus Turin. Es geht um Erpressung, illegale Ticketverkäufe und Verbindungen zur Mafia. Nach dem Tod des früheren Fanbeauftragten wird nun auch wegen Mordverdachts ermittelt.

Von Tom Mustroph

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Aufnahme der Curva Sud im Stadion von Juventus Turin mit dem Plakat einer Ultra-Gruppierung bei einem Meisterschaftsspiel der italienischen  Serie A (imago sportfotodienst / Daniele Buffa)
Curva Sud im Stadion von Juventus Turin: Festnahmen und Ermittlungen wegen Mordverdachts im Ultra-Umfeld (imago sportfotodienst / Daniele Buffa)
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Sich bei Juventus Turin um Fans zu kümmern, ist offenbar ein hochgefährlicher Job. Raffaello Bucci, bis Juli 2016 offizieller Verbindungsmann zwischen den Fangruppen und dem Klub, starb im selben Monat beim Sturz von einer Autobahnbrücke. Bis heute sind seine Todesumstände nicht nur ungeklärt, sondern auch von merkwürdigen Umständen begleitet.

Auch sein Nachfolger, Alberto Pairetto, wurde bereits von Ultragruppen massiv bedroht. Dass er nicht mehr lange leben werde, wenn er ihre Forderungen nicht erfülle, sagten ihm Ultra-Anführer bei persönlichen Treffen. Das geht aus den Dokumenten der "Operazione Last Banner" hervor. Im Rahmen dieser Operation wurden vor zwei Wochen die zwölf wichtigsten Anführer der organisierten Fangruppen in Haft genommen. Polizeichef Carlo Ambra:

"Es ist uns geglückt, nach 15 Monaten Ermittlungsarbeit mit ungefähr 225.000 abgehörten Telefonaten, mit Überwachungsmaßnahmen, Videoaufnahmen und Fotografien ein komplettes Panorama der kriminellen Aktivitäten der Ultra-Gruppen von Juventus zu zeigen."

Festnahmen von Juventus-Ultras

Die kriminellen Aktivitäten - das waren nach Erkenntnissen der Ermittler: Erpressung des Vereins, Gewaltausübung gegen andere Fans, Gewinne aus illegalem Ticketverkauf und Bedrohung der Angestellten der Imbissstände innerhalb des Stadions.

Seit die Polizei mit großem Aufgebot in dieser Operation "Last Banner" ermittelt, ist das auf den Rängen spürbar. Beim Champions League-Match gegen Bayer Leverkusen am Dienstag fehlten die Transparente der Juve-Fangruppen. Sie waren alle beschlagnahmt. Auch die Gesänge fielen leiser aus. Viele Fans sind schockiert - über die Verhaftungen und über die Gründe dafür. Manche fühlen sich vom Klub im Stich gelassen. Denn den Anstoß zu den Verhaftungen gab eine Anzeige des Vereins. Ihr Lebensgefährte sei vor allem enttäuscht vom Verein, sagte die Frau eines der einsitzenden Fanchefs dem Deutschlandfunk. Offiziell mag kaum jemand reden.

Italienische Polizei präsentiert der Presse in Turin Beschlagnahmungen nach den Festnahmen im Ultra-Umfeld von Juventus Turin (Imago Images / Giulio Lapone / Fotogramma)Beschlagnahmte Utensilien bei Juventus-Ultras: Verbindungen zur Mafia (Imago Images / Giulio Lapone / Fotogramma)

Die Probleme in der Juventus-Kurve sind dabei schon seit Jahren bekannt. 2016 deckte die Anti-Mafia-Ermittlung "Alto Piemonte" auf, wie ein Ndrangheta-Clan aus Turin ins Stadion drang und sogar als Vermittlerinstanz von Juventus selbst akzeptiert wurde. Juventus erhoffte sich vom Clan eine bessere Ruhigstellung renitenter Fangruppen. Paolo Verra, von Beruf Anwalt und aus Passion Juventus-Fan, über die Motive des Clans und der Fangruppen:

"Sicher hatten sie selbst finanzielle Interessen. Dann kann es sein, dass die verschiedenen Gruppen ein Interesse daran hatten, dass diese Ndrangheta-Familie die Kontrolle über die Kurve ausübte, um diese Erpressungen auszuführen und die ruhig zu stellen, die dagegen protestierten."

Erpressungen, Drohungen, illegale Ticketverkäufe

Mit Erpressungen meint Verra die Forderungen der Fan-Anführer nach Gratistickets für ihre Gruppen und andere Privilegien. Um ihre Forderungen durchzusetzen, sorgten sie dafür, dass im Stadion rassistische Gesänge zu hören waren mit dem Ziel, dass der Verein dafür sanktioniert wurde, etwa mit Geldstrafen, manchmal sogar mit der Komplettsperrung der Curva Sud. Dabei ging es ihnen nicht um die Inhalte der Gesänge, sondern schlicht darum, dies als Mittel der Erpressung zu nutzen und noch mehr Vergünstigungen zu erreichen, wie aus den Ermittlungsakten von "Last Banner" hervorgeht. Weil die Ultra-Anführer über Durchsetzungsmacht verfügten und andere Fans einschüchtern konnten, zum Teil mit gemieteten Schlägertrupps, machten viele mit. Beleidigende Gesänge gehören allerdings zum Repertoire vieler Fangruppen.

Die Gesänge der Fans waren schlichte Geldgier. Die von der Vereinsführung vergebenen Tickets wurden teuer weiterverkauft. Bis zu 100 Tickets erhielt jeder der fünf großen Fanklubs zeitweise. In manchen Verkaufsstellen wurden Tickets illegal nachgedruckt. Einzelne Fan-Anführer brüsteten sich mit Gewinnen von 20.000 bis 40.000 Euro pro Spieltag.

Tod des Fanbeauftragten ungeklärt

Der verstorbene Raffaello Bucci wollte bereits im Juli 2016 darüber auspacken. Bucci, Spitzname "Ciccio", war damals Fan-Verantwortlicher der Juventus, mit Büro im Allianz-Stadion und Dienstwagen der Juventus. Einen Tag vor seiner geplanten Aussage vor den Anti-Mafia-Staatsanwälten in Turin kam er aber ums Leben.

Paolo Verra war befreundet mit Bucci. Noch am Abend vor dessen Tod wollten sich beide treffen. Bucci kam aber nicht zu der Verabredung. Jetzt ist Verra Anwalt der früheren Lebensgefährtin von Bucci.

"Das Ziel der Lebensgefährtin ist, zu beweisen, dass er sich nicht umgebracht hat. Sie hat es sofort gesagt: Ich möchte nur eines Tages meinem Sohn sagen können, dass sein Vater sich nicht selbst getötet hat."

An der Selbstmordthese, an der die Staatsanwaltschaft Cuneo lange festhielt, gab es früh Zweifel.

"Auf der Autobahnauffahrt, die man nehmen musste, um zum Ort zu kommen, von dem aus er in die Tiefe stürzte, gab es eine Videokamera. Aber Aufnahmen wurden nicht gesichert."

Man weiß also nicht, ob Bucci allein oder in Begleitung zum Todesort kam. Laut Verra erfolgte auch die Autopsie nur lax. Nicht einmal ein Foto des Leichnams befinde sich in den Akten. Auf einer Aufnahme, die die Hinterbliebenen beim Waschen des Toten machten, seien hingegen Verletzungen im Gesicht aufgetaucht, die nicht mit dem Sturz von der Autobahnbrücke erklärt werden könnten, erzählt Verra.

"Dann gibt es den Fakt, dass es in den zwei Stunden vor dem Tod einen totalen Blackout in allen elektronischen Systemen der Turiner Polizei gab. Buccis Telefon wurde damals abgehört. Aber dieser Blackout hat verhindert, dass man das alles kennt."

Verbindungen zum Geheimdienst

Dieser Aspekt ist besonders pikant. Denn Bucci war auch Informant italienischer Geheimdienste. Er sollte über die Infiltration der Juventus-Kurve durch rechtsradikale Gruppen aus Osteuropa berichten. Sorgten die Geheimdienste für den Blackout? Paolo Verra sagt:

"Wer sich am meisten widerspricht, ist Alessandro d’Angelo, der Sicherheitschef der Juventus. Er sagte zunächst zur Witwe: ‚Ich muss dir noch ein paar Sachen von Ciccio geben. Ich habe sie im Auto gefunden.‘ Im Auto waren sie aber nicht. Woher hat er sie dann? ‚Ah, sie wurden auf dem Schreibtisch im Büro hinterlassen.‘ Aber wer hat sie dort hinterlassen? Warum erzählt er erst eine Geschichte, und dann eine andere?"

In Cuneo wurden die Ermittlungen wieder neu aufgenommen, dank eines neuen Generalstaatsanwalts. Der hat Erfahrung als Mafiajäger in Sizilien und ermittelt nun wegen Mordverdachts.

Juventus geht auf Distanz zu Ultras

In Turin geht Juventus inzwischen auf Distanz zu den Ultra-Gruppierungen, erstattete sogar Anzeige. Die Freikartenpraxis liegt auf Eis. Unklar ist, ob in der Kurve Selbstreinigungsprozesse vonstatten gehen oder lediglich neue Männer im alten Geist die vakanten Positionen einnehmen. Und noch immer bleibt offen, wer seine Hand im Spiel hatte beim Tod des einstigen Juventus-Fans, Juventus-Mitarbeiters und Geheimdienstinformanten Raffaello "Ciccio" Bucci.

Über den Todesfall Bucci hinaus muss auch geklärt werden, wie sehr die Klubführung von Juventus die illegalen Aktivitäten billigte, vielleicht gar Anreize dafür schuf. Mehr Transparenz im Umgang mit den Fans und mit der Gewährung von Nähe zum Klub und den Spielern ist vonnöten. Und die Fans müssen sich klarmachen, welche hierarchischen oder eben nicht hierarchischen Strukturen sie sich geben wollen: Wollen sie kriminellen Leadern folgen? Mehrere Fananführer sind aufgrund von Delikten wie Drogenhandel und Mord unabhängig von "Last Banner" bereits verurteilt worden. Muss man solche Männer als Leader akzeptieren? Und: Taugten sie überhaupt als Verhandlungsführer für Juventus?

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