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StartseiteForschung aktuellDick durch Süßstoffe?18.09.2014

ErnährungDick durch Süßstoffe?

Mikrobiologie. - Gängige Süßstoffe verändern die Darmflora, so dass der Traubenzuckerstoffwechsel gestört werden kann. Die Folge: Gewichtszunahme. Das berichten israelische Wissenschaftler in der Zeitschrift "Nature". Sie haben die Effekte in Versuchen mit Labormäusen gesehen sowie in einer vorläufigen Studie mit sieben Freiwilligen.

Von Volker Mrasek

Zucker als brauner Kandiszucker, weißer Kandis, Streuzucker in Päckchen sowie abgepackter Süßstoff, aufgereiht auf einem Tisch (picture alliance/ dpa/ Tobias Hase)
Zucker ist offenbar auch nicht schlimmer als sein Ersatz (picture alliance/ dpa/ Tobias Hase)
Weiterführende Information

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Künstliche Süßstoffe haben so gut wie keine Kalorien. Sie werden nicht verstoffwechselt, sondern praktisch unverändert ausgeschieden, können also auch nicht dick machen und das Risiko für Diabetes erhöhen. An diesem Ernährungsdogma, wie man es nennen könnte, rüttelt die neue israelische Studie. Der Immunologe Eran Elinav vom Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rehovot bei Tel Aviv:

"In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass künstliche Süßstoffe den Blutzuckerspiegel erhöhen können. Genau das möchte man eigentlich verhindern, wenn man sie einnimmt."

Saccharin, Sucralose und Aspartam – diese drei gängigen Süßungsmittel mischten die Forscher ins Trinkwasser von Labormäusen. Wochen später stellten sie bei allen Tieren eine sogenannte Glukose-Intoleranz fest – eine gestörte Verwertung von Traubenzucker. Sie ist oft eine Vorstufe für Diabetes vom Typ II.

"Da die meisten Süßstoffe nicht verdaut werden, war es für uns ein Rätsel, wie sie diese negativen Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben können. Unsere Vermutung war, daß sie die Bakterienflora im Darm verändern."

Befunde auch bei vier von sieben menschlichen Probanden

Das bestätigte sich in weiteren Versuchen, unter anderem durch genetische Untersuchungen an den Glukose-intoleranten Mäusen. Die Analyse ihrer Darmflora zeigte auffällige Verschiebungen. Bei den Tieren nahmen zum Beispiel Bakterien stark zu, die Zucker in kurzkettige Fettsäuren umsetzen. Diese kann der Körper dann speichern – ein Stoffwechselprozess, vom dem aus früheren Studien bekannt ist, daß er bei Übergewicht verstärkt abläuft. Warum die Süßstoffe ausgerechnet diese Sorte Mikroben begünstigen, können die Forscher im Moment aber noch nicht sagen. Doch wie sieht es beim Menschen aus? Auch das testeten die israelischen Wissenschaftler - in einem Versuch mit Freiwilligen, die noch nie zuvor künstliche Süßstoffe verwendet hatten. Und nun fünf Tage lang Saccharin schluckten. Allerdings waren es bloß sieben Probanden. Elinav spricht deshalb auch nur von einer ersten Pilotstudie und "vorläufigen Ergebnissen".

"Obwohl sie Saccharin nur für so kurze Zeit einnahmen, erhöhte sich der Blutzucker-Spiegel bei vier der sieben Studienteilnehmer signifikant, und das ebenfalls im Zusammenhang mit einer veränderten Darmflora. Bei den anderen Probanden dagegen waren keine Effekte erkennbar."

Zumindest bei manchen Menschen können künstliche Süßstoffe das sogenannte Mikrobiom durcheinanderbringen, also die Lebensgemeinschaft der Bakterien im Darm. Und so zu einer Glukose-Intoleranz führen, die das Risiko, dick zu werden, nicht mindert, sondern erhöht. Weil Traubenzucker nicht mehr richtig abgebaut wird. So fasst der Informatiker Eran Segal die Untersuchungsergebnisse zusammen, ein Spezialist für biologische Computermodellierungen am Weizmann-Institut:

Weitere Studien müssen vorläufige Ergebnisse erhärten

"Ich möchte betonen, dass wir uns auf keinen Fall in der Lage sehen, jetzt Empfehlungen abzugeben, ob und wie man künstliche Süßstoffe weiter einsetzen sollte. Als Wissenschaftler weisen wir nur darauf hin, was wir in umfangreichen Versuchen mit Mäusen und Menschen herausgefunden haben: In keinem der Experimente konnten wir dabei einen nützlichen Effekt der Süßstoffe feststellen. Wir glauben, dass auf unsere Studie weitere folgen müssen. Und dass es eine Diskussion über künstliche Süßstoffe geben sollte, die ja massiv eingesetzt werden."

Im Moment ist die Lage ziemlich undurchsichtig. Einerseits gibt es Studien, bei denen sich keine Verbindung zwischen künstlichen Süßstoffen und Diabetes ergab. Andererseits wird von Fällen berichtet, in denen die Körperpfunde durch die Einnahme von Saccharin & Co. sogar zunahmen. Auch die neue Studie aus Israel bewertet die Substanzen jetzt skeptisch. Aber, wie ihre Autoren ja selbst betonen: Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist noch nicht gesprochen ...

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