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StartseiteUmwelt und VerbraucherStreit um den Zucker30.08.2017

ErnährungStreit um den Zucker

Zucker schmeckt allen - egal ob in Getränken, Fast Food oder Süßigkeiten. Aber es ist nicht einfach, herauszufinden, wo wieviel Zucker drin steckt. Die Verbraucherorganisation foodwatch wirft der Zuckerwirtschaft vor, die gesundheitlichen Folgen hohen Zuckerkonsums zu verharmlosen und hat eine Kampagne gestartet.

Von Daniela Siebert

Eine Reihe von farbenfrohen Erfrischungsgetränken vor einem Zuckerhaufen.  (imago stock&people)
Besonders in Limonaden ist der Zuckergehalt hoch (imago stock&people)
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Die Kampagne, die die Organisation Foodwatch heute startet, ist eine Breitseite gegen die deutsche Politik und die deutsche Lebensmittelindustrie. Es würde von Zucker-Lobbyisten, Politikern und Lebensmittelherstellern etwa aus der Getränkeindustrie im großen Stil mit falschen Argumenten gearbeitet, um die Mengen und die Folgen des Zuckerkonsums zu verharmlosen sagt Foodwatch-Aktivist Oliver Huisinga:

"Beispielsweise behauptet auch die Zuckerwirtschaft, also auch der Zuckerlobbyverband, der Zuckerabsatz sei konstant gewesen in den letzten Jahrzehnten, und könne deshalb nicht die wesentliche Ursache sein für den Anstieg von Übergewicht, auch hier muss man sagen pickt sich die Zuckerlobby eine Statistik heraus, nämlich nur die Saccharose, den Haushaltszucker, das ist nur die halbe Wahrheit, denn andere Zuckerarten, Glucose beispielsweise, sind in den letzten Jahrzehnten vermehrt zum Einsatz gekommen."

Foodwatch rechnet aber vor, wenn man alle Zuckerarten zusammen nehme, dann sei der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande in den letzten 50 Jahren um über 30 Prozent gestiegen.

Verbindliche Maßnahmen gefordert

Besonders verärgert sind die Aktivisten auch über Aussagen des Branchenverbandes "Wirtschaftliche Vereinigung Zucker", die Deutschen nähmen heute weniger Kalorien zu sich als früher. Solche Argumente erinnerten an Strategien der Tabakindustrie, ihr Produkt zu verharmlosen findet Huizinga.

"Wir sehen, dass die Maßnahmen und die Taktiken, die früher eigentlich die Tabakkonzerne angewandt haben, um jahrelang zu verzögern, dass Gesundheitspolitik gemacht wird, dass die gleichen Taktiken und die gleichen Muster heute von der Lebensmittelwirtschaft wiederholt werden, gerade die Zuckerindustrie: Da wird so lange wie irgend möglich das Risiko der eigenen Produkte geleugnet, da wird solange wie möglich verzögert, und verhindert, und vor allen Dingen auch werden andere Risikofaktoren in den Vordergrund gespielt. Also es wird dann so getan, als wäre der Bewegungsmangel ja das Hauptproblem, oder die Bildung wäre das Hauptproblem, anstatt über die eigenen Produkte zu sprechen. Und das ist etwas, was wirklich gelernt ist von der Tabakindustrie und bislang leider funktioniert."

Der deutschen Politik wirft Foodwatch Untätigkeit vor. "In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass die Politik die Lebensmittelwirtschaft nicht nur höflich bittet, ein bisschen den Zucker zu reduzieren, sondern dass man verbindliche Maßnahmen macht, dass man an Kinder gerichtete Werbung nur für gesunde Produkte erlaubt, dass man besonders zuckrige Getränke mit einer Sonderabgabe belegt. In Deutschland wird sowas verteufelt, als seien das Strafsteuern, als wäre das Bevormundung und hier geht die Politik der Industrie auf den Leim."

Ernährungsbildung "verpufft"

Die von Bundesernährungsminister Christian Schmidt geplante freiwillige Zuckerreduzierung durch die Lebensmittelindustrie hält er für naiv, denn süße Produkte seien dort als Verkaufsschlager geschätzt.

Auch die Ernährungsbildung von Verbrauchern hält Foodwatch für keine Lösung, übermäßigen Zuckerkonsum zu verhindern.

"Ernährungsbildung für sich genommen verpufft. Wenn gleichzeitig am Schulkiosk nebendran die Comicfiguren und Spielzeugbeigaben die ungesunden zuckrigen salzigen Produkte bewerben, kann ein Ernährungsbildungsprogramm die Kinder und die Jugendlichen nicht zu einer gesunden Ernährung bewegen. Das wissen wir aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte."

Ab heute sollen sich Verbraucher an der Kampagne von Foodwatch beteiligen. Mit einer Email-Aktion an den Branchenverband "Wirtschaftliche Vereinigung Zucker", deren Text sie auffordert, nicht mehr "offensichtliche Fehlinformationen zu verbreiten, um eine Debatte in Ihrem Sinne zu beeinflussen".

Dass dieser Lobbyverband sich aber offenbar von der Politik gar nicht erhört findet, zeigt eine Pressemitteilung der "Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker" vom Juni. Darin lehnt sie die geplante Reduktionsstrategie des Ministers ab. Der wolle Verbrauchern ein neues Geschmacksempfinden anerziehen, sein Vorhaben zur Reduktion von Zucker in Lebensmitteln berücksichtige nicht, dass die individuelle Kalorienbilanz für Übergewicht viel wichtiger sei als die Fokussierung auf einzelne Nährstoffe wie Zucker. Auf den Angriff von Foodwatch reagiert der Verband heute mit einer Pressemitteilung, die diese Argumentation erneuert und auch vor Zuckerersatzstoffen warnt, die hätten mitunter sogar mehr Kalorien.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für eine vollwertige Ernährung derzeit übrigens Zucker und mit Zuckerarten wie Glucose-Sirup gesüßte Getränke "nur gelegentlich" zu verzehren.

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