Ernst Molden, 1967 in Wien geboren, in Wien lebend, schreibt Songs, spielt solo und mit Band, mag Blues und Jazz und macht gerade Fortschritte auf der Rhythmusgitarre, Vorbild Django Reinhardt. Das Interesse für Musik entstand in der Schulzeit. Sein erstes Buch, der Essayband "Weißer Frühling - Dubrovnik nach dem Krieg", erschien 1994, drei Jahre später folgte der erste Roman "Die Krokodilsdame". In diesem Sommer kam "doktor paranoiski", Moldens vierter Roman heraus, eine Groteske. Orte der Handlung sind hier ebenso wie bei den Vorgängern Wien und sein Umland:
Ich empfinde die Wiener Gesellschaft als extrem unterhaltsam. Man kann natürlich auch darunter leiden, wenn man in dieser Gesellschaft lebt. Aber die, sagen wir mal, oberen zwei Zentimeter des Tümpels Wien, also das, was man sieht, wenn man auf die Oberfläche schaut, die sind zwar im ersten Hinschauen mächtig, aber im zweiten Hinschauen sehr lächerlich. Diese Wiener Gesellschaft ist ja so wie eine blasser werdende Erinnerung an einen monarchistischen Traum, die sind genauso autoritär erzogen wie in der Monarchie. Das, worüber ich mich lustig mache, kommt in seinen Wurzeln aus der Monarchie. Aber das tut einem ja nicht mehr weh. Ich bin da eigentlich Gast in dieser Gesellschaft und Reporter.
Angefangen zu schreiben, hat Ernst Molden als Polizeireporter. Daß er verquere Typen, Außenseiter oder lädierte Seelen wie den Botaniker Christoph Salzer, alias Doktor Paranoiski, zu Helden macht, hat ebenso mit seiner Erfahrung als Reporter zu tun wie die zahlreichen Wirklichkeitspartikel in den Fabeln der Bücher. Der neue Roman, "Doktor Paranoiski" zum Beispiel, erzählt von diesem Botaniker, der sich einer Gruppe Bewaffneter, den "Unsterblichen", anschließt, die vom Wiener Wald aus die österreichische Verfassung sowie Geld und Besitz abschaffen wollen.
Am Anfang des Buches standen zwei Dinge. Einerseits hatten wir schon 1995 den Briefbombenterror, der dann später aufgeklärt wurde als Tat eines verwirrten Mannes namens Franz Fuchs. In den ersten zwei Jahren dieser Terroranschläge hat man an eine Privatarmee geglaubt. Das war eine der Wurzeln. Das andere war, daß ich vor zwei Jahren in Mittelamerika unterwegs war, zur selben Zeit, wo in Seattle die ersten Antiglobalisierungsproteste stattgefunden haben und ebendort in Guatemala, Honduras, Mexiko vorgeführt bekommen habe, was durch Konzernpolitk entsteht. Angesichts der tauend Abhängigkeiten, die wir von dem gegebenen wirtschaftlichen, politischen System haben, ist mir der Weg in den Wald und dann wieder der Weg in den Guerillakampf als das komplette Außerhalbstehen von der Gesellschaft als einzig schlüssiger Pfad erschienen.
Der Protagonist Christoph Salzer ist ein sanfter, kein radikaler Mensch. Er will der Entfremdung entgehen und versteigt sich in die Rolle des Waldmenschen und Kämpfers, eine Wahnidee, die ihn am Ende in die Psychiatrie bringt. Molden umgibt die tragikomische Figur mit parodistischem Blicken auf die österreichischer Geschichte und Gesellschaft: mit vergessenen, von den Spaziergängern übersehenen Bombentrichtern im Wald, aggressiven Naturschützern, linken und rechten Fundamentalisten und einer weltabgewandten Wissenschaft. Einmal träumt der Botaniker Salzer, er würde wie im Studium examiniert:
Nun, wo ist denn die Krautschicht? fragt die schneidende Stimme eines Botanikers, oder ist es der Chor aller Professoren? Ich schaue hinauf zu den Baumkronen und sehe, weshalb es keine Krautschicht in diesem Wald gibt: Die Blätter sind aus Eisen. Kein Licht dringt durch. Der Himmel ist vernagelt. Die Krautschicht! Die Krautschicht! kreischen die Professoren. Ich schaue zu meinen Prüfern und sehe mit Staunen, daß drei von ihnen tot am Boden liegen, erschossen und blutüberströmt. Krautschicht! gellen die Überlebenden, Krautschicht, wir brauchen Deckung! Ich schaue noch einmal in die Baumkronen und sehe, daß da oben Krieger sitzen, eiserne Krieger, die aus Löchern in ihren Armstümpfen singende Projektile auf die Wissenschaftler in ihren weißen Mänteln abfeuern. Nur auf mich zielt keiner der Heckenschützen. Bald sind alle Botaniker tot. Du Schwein, haucht der letzte, hast uns um die Krautschicht betrogen, deshalb ist es aus mit uns.
Molden:
Bis ich mit meiner Schule fertig war, bis 18, gab's für mich das Szenario, daß ich Naturforscher werd' und ich hab' sehr früh schon als Kind Lurche und Kriechtiere zu Hause gehalten und mich mit wissenschaftlicher Literatur versorgt und wußte über heimische Frösche Bescheid, und ich habe das sehr gemocht und hab' das bis heute gern. Auf der anderen Seite habe ich auch die Erfahrung der Bedrohung durch die Natur ganz gern. Österreich ist ein alpines Land, da ist es kalt, das gibt's wilde Gewitter, da kann man Berge runterfallen, da kann man in Hochmooren versinken. ... Das heißt, es ist nicht ganz so einfach, und es ist sehr romantisch und sehr schön und in Stellen auch sehr erotisch. Also zum Beispiel die Auwälder unterhalb Wiens, unterhalb der Lobau, wo mein voriger Roman gespielt hat, das finde ich eine unwahrscheinlich sexy Gegend, vor allem auch im Sommer, auch wenn man da zerstochen wird von den Mosquitos und Blut geben muß.
Moldens Realismus ist immer auf der Kippe zum Surrealen. In der "Krokodilsdame", seinem Debut, ist die Heldin, die Amerikanerin Kelly Lieblich, Tochter eines Emigranten und reich gewordenen Spielzeugfabrikanten, eine exzentrische Person, die bei ihrem Besuch in Wien die Stadt, respektive die Gesellschaft auf den Kopf stellt, in dem sie den sogenannten Abschaum, die Übelbeleumdesten, zu einem irren Veiztanz um Geld und Sex vereint. In "Austreiben", einem Vampir-Roman und Krimi, treibt ein Dämon, das sagenhafte Donauweibchen, Männer und Frauen ins Verhängnis. Selbst in dem einen historischen Stoff aufgreifenden Roman "Biedermeier", der Geschichte des adligen Kinderschänders Fürst Aloys von Kaunitz-Riestberg, zugleich eine Abrechnung mit der Metternichzeit, spielen die Legenden vom Donauweibchen und dem Basilisk, einem anderen Wiener Monster, eine Rolle:
Eine Gesellschaft wählt sich die Sagenfiguren oder auch die Monster, die am besten zu ihnen paßt. Im Unterschied zu Städten wie, sagen wir mal Prag oder Paris, wo es ein reges Leben am Fluß gibt, fürchtet sich Wien eigentlich vor seinem Wasser. Das heißt, die haben den Fluß verdrängt. Mitte des 19. Jahrhunderts ist der schon radikal reguliert worden und in ein Steinbett gepfercht worden. Und jetzt gibt es, in Verbindung mit dem Wasser gebracht, die dazugehörigen Monstren. Und ich denk mir, wenn die jetzt in meinen Büchern tatsächlich auftauchen und die Wienenr in die Verzweiflung oder ins persönliche Drama treiben, dann sind sie einfach nur Fleischwerdungen der Seele der Stadt.
Stephen King hat mal gesagt: er glaube natürlich an nichts von dem, was in seinen Büchern passiert, aber er freut sich dran, sich's vorzustellen, und das bedeute, daß in ihm jemand wohnt, der dran glaubt, aber damit er's erzählt, hält er den unter Wasser.
Ernst Molden schreibt , um, wie er sagt, von seinen Phantasien nicht erdrosselt zu werden, zunächst nach Plan. Er legt im vorhinein die Zahl der Kapitel fest, skizziert Plot und Hauptfiguren und stellt die Interaktionen grafisch in Diagrammen dar. Im zweiten Schritt spricht er auf Tonband und tippt das Gesprochene ab, im dritten schreibt er die Geschichte ins Reine. Der Rhythmus seiner Sätze - "wird's fad oder wird's noch nicht fad, das heißt wir geben ein bischen Gas; pack ich's jetzt her oder geb ich mir ein bischen ?" - ist Handwerk plus Selbstvergessenheit wie beim Jazzspiel. Molden mag Blues, Pop und Jazz gleichermaßen, Genregrenzen akzeptiert er auch beim Schreiben nicht. Er bevorzugt Mischformen und liebt es, wenn Wirkliches und Übernatürliches durcheinandergeraten. Auf die Frage, ob es ihn kränke, Unterhaltungsschriftsteller genannt zu werden, antwortet er:
Nein. Um Gottes willen. Ich will ja auch unterhalten werden.
Die CDs:
Ernst Molden und der Nachtbus. ORF-CD 612; LC 5130, 1999.
Ernst Molden, nimm mich schwester, Copyright: molden media 2001 (Rechte Bahngasse 14/12, A 1030 Wien.
Ich empfinde die Wiener Gesellschaft als extrem unterhaltsam. Man kann natürlich auch darunter leiden, wenn man in dieser Gesellschaft lebt. Aber die, sagen wir mal, oberen zwei Zentimeter des Tümpels Wien, also das, was man sieht, wenn man auf die Oberfläche schaut, die sind zwar im ersten Hinschauen mächtig, aber im zweiten Hinschauen sehr lächerlich. Diese Wiener Gesellschaft ist ja so wie eine blasser werdende Erinnerung an einen monarchistischen Traum, die sind genauso autoritär erzogen wie in der Monarchie. Das, worüber ich mich lustig mache, kommt in seinen Wurzeln aus der Monarchie. Aber das tut einem ja nicht mehr weh. Ich bin da eigentlich Gast in dieser Gesellschaft und Reporter.
Angefangen zu schreiben, hat Ernst Molden als Polizeireporter. Daß er verquere Typen, Außenseiter oder lädierte Seelen wie den Botaniker Christoph Salzer, alias Doktor Paranoiski, zu Helden macht, hat ebenso mit seiner Erfahrung als Reporter zu tun wie die zahlreichen Wirklichkeitspartikel in den Fabeln der Bücher. Der neue Roman, "Doktor Paranoiski" zum Beispiel, erzählt von diesem Botaniker, der sich einer Gruppe Bewaffneter, den "Unsterblichen", anschließt, die vom Wiener Wald aus die österreichische Verfassung sowie Geld und Besitz abschaffen wollen.
Am Anfang des Buches standen zwei Dinge. Einerseits hatten wir schon 1995 den Briefbombenterror, der dann später aufgeklärt wurde als Tat eines verwirrten Mannes namens Franz Fuchs. In den ersten zwei Jahren dieser Terroranschläge hat man an eine Privatarmee geglaubt. Das war eine der Wurzeln. Das andere war, daß ich vor zwei Jahren in Mittelamerika unterwegs war, zur selben Zeit, wo in Seattle die ersten Antiglobalisierungsproteste stattgefunden haben und ebendort in Guatemala, Honduras, Mexiko vorgeführt bekommen habe, was durch Konzernpolitk entsteht. Angesichts der tauend Abhängigkeiten, die wir von dem gegebenen wirtschaftlichen, politischen System haben, ist mir der Weg in den Wald und dann wieder der Weg in den Guerillakampf als das komplette Außerhalbstehen von der Gesellschaft als einzig schlüssiger Pfad erschienen.
Der Protagonist Christoph Salzer ist ein sanfter, kein radikaler Mensch. Er will der Entfremdung entgehen und versteigt sich in die Rolle des Waldmenschen und Kämpfers, eine Wahnidee, die ihn am Ende in die Psychiatrie bringt. Molden umgibt die tragikomische Figur mit parodistischem Blicken auf die österreichischer Geschichte und Gesellschaft: mit vergessenen, von den Spaziergängern übersehenen Bombentrichtern im Wald, aggressiven Naturschützern, linken und rechten Fundamentalisten und einer weltabgewandten Wissenschaft. Einmal träumt der Botaniker Salzer, er würde wie im Studium examiniert:
Nun, wo ist denn die Krautschicht? fragt die schneidende Stimme eines Botanikers, oder ist es der Chor aller Professoren? Ich schaue hinauf zu den Baumkronen und sehe, weshalb es keine Krautschicht in diesem Wald gibt: Die Blätter sind aus Eisen. Kein Licht dringt durch. Der Himmel ist vernagelt. Die Krautschicht! Die Krautschicht! kreischen die Professoren. Ich schaue zu meinen Prüfern und sehe mit Staunen, daß drei von ihnen tot am Boden liegen, erschossen und blutüberströmt. Krautschicht! gellen die Überlebenden, Krautschicht, wir brauchen Deckung! Ich schaue noch einmal in die Baumkronen und sehe, daß da oben Krieger sitzen, eiserne Krieger, die aus Löchern in ihren Armstümpfen singende Projektile auf die Wissenschaftler in ihren weißen Mänteln abfeuern. Nur auf mich zielt keiner der Heckenschützen. Bald sind alle Botaniker tot. Du Schwein, haucht der letzte, hast uns um die Krautschicht betrogen, deshalb ist es aus mit uns.
Molden:
Bis ich mit meiner Schule fertig war, bis 18, gab's für mich das Szenario, daß ich Naturforscher werd' und ich hab' sehr früh schon als Kind Lurche und Kriechtiere zu Hause gehalten und mich mit wissenschaftlicher Literatur versorgt und wußte über heimische Frösche Bescheid, und ich habe das sehr gemocht und hab' das bis heute gern. Auf der anderen Seite habe ich auch die Erfahrung der Bedrohung durch die Natur ganz gern. Österreich ist ein alpines Land, da ist es kalt, das gibt's wilde Gewitter, da kann man Berge runterfallen, da kann man in Hochmooren versinken. ... Das heißt, es ist nicht ganz so einfach, und es ist sehr romantisch und sehr schön und in Stellen auch sehr erotisch. Also zum Beispiel die Auwälder unterhalb Wiens, unterhalb der Lobau, wo mein voriger Roman gespielt hat, das finde ich eine unwahrscheinlich sexy Gegend, vor allem auch im Sommer, auch wenn man da zerstochen wird von den Mosquitos und Blut geben muß.
Moldens Realismus ist immer auf der Kippe zum Surrealen. In der "Krokodilsdame", seinem Debut, ist die Heldin, die Amerikanerin Kelly Lieblich, Tochter eines Emigranten und reich gewordenen Spielzeugfabrikanten, eine exzentrische Person, die bei ihrem Besuch in Wien die Stadt, respektive die Gesellschaft auf den Kopf stellt, in dem sie den sogenannten Abschaum, die Übelbeleumdesten, zu einem irren Veiztanz um Geld und Sex vereint. In "Austreiben", einem Vampir-Roman und Krimi, treibt ein Dämon, das sagenhafte Donauweibchen, Männer und Frauen ins Verhängnis. Selbst in dem einen historischen Stoff aufgreifenden Roman "Biedermeier", der Geschichte des adligen Kinderschänders Fürst Aloys von Kaunitz-Riestberg, zugleich eine Abrechnung mit der Metternichzeit, spielen die Legenden vom Donauweibchen und dem Basilisk, einem anderen Wiener Monster, eine Rolle:
Eine Gesellschaft wählt sich die Sagenfiguren oder auch die Monster, die am besten zu ihnen paßt. Im Unterschied zu Städten wie, sagen wir mal Prag oder Paris, wo es ein reges Leben am Fluß gibt, fürchtet sich Wien eigentlich vor seinem Wasser. Das heißt, die haben den Fluß verdrängt. Mitte des 19. Jahrhunderts ist der schon radikal reguliert worden und in ein Steinbett gepfercht worden. Und jetzt gibt es, in Verbindung mit dem Wasser gebracht, die dazugehörigen Monstren. Und ich denk mir, wenn die jetzt in meinen Büchern tatsächlich auftauchen und die Wienenr in die Verzweiflung oder ins persönliche Drama treiben, dann sind sie einfach nur Fleischwerdungen der Seele der Stadt.
Stephen King hat mal gesagt: er glaube natürlich an nichts von dem, was in seinen Büchern passiert, aber er freut sich dran, sich's vorzustellen, und das bedeute, daß in ihm jemand wohnt, der dran glaubt, aber damit er's erzählt, hält er den unter Wasser.
Ernst Molden schreibt , um, wie er sagt, von seinen Phantasien nicht erdrosselt zu werden, zunächst nach Plan. Er legt im vorhinein die Zahl der Kapitel fest, skizziert Plot und Hauptfiguren und stellt die Interaktionen grafisch in Diagrammen dar. Im zweiten Schritt spricht er auf Tonband und tippt das Gesprochene ab, im dritten schreibt er die Geschichte ins Reine. Der Rhythmus seiner Sätze - "wird's fad oder wird's noch nicht fad, das heißt wir geben ein bischen Gas; pack ich's jetzt her oder geb ich mir ein bischen ?" - ist Handwerk plus Selbstvergessenheit wie beim Jazzspiel. Molden mag Blues, Pop und Jazz gleichermaßen, Genregrenzen akzeptiert er auch beim Schreiben nicht. Er bevorzugt Mischformen und liebt es, wenn Wirkliches und Übernatürliches durcheinandergeraten. Auf die Frage, ob es ihn kränke, Unterhaltungsschriftsteller genannt zu werden, antwortet er:
Nein. Um Gottes willen. Ich will ja auch unterhalten werden.
Die CDs:
Ernst Molden und der Nachtbus. ORF-CD 612; LC 5130, 1999.
Ernst Molden, nimm mich schwester, Copyright: molden media 2001 (Rechte Bahngasse 14/12, A 1030 Wien.