Montag, 08. August 2022

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Ernst Tollers "Hoppla wir leben!"
Ein Stück, eingeschnürt im Korsett

Anne Lenk hat Ernst Tollers Gesellschaftspanorama der Weimarer Republik "Hoppla wir leben!" in München auf die Bühne gebracht. Unser Rezensent war am Residenztheater in München. Und die Aufführung hat ihn nicht vollends überzeugt.

Von Sven Ricklefs | 10.10.2014

    "Wir sprechen und hören uns nicht. Wir hassen und sehen uns nicht. Wir lieben und kennen uns nicht. Wir morden und fühlen uns nicht. Warum zertrümmert, verbrennt, vergast ihr die Erde? Muss es immer, immer so sein?"
    Es sind immer wieder Sätze wie diese, die berührend herausragen aus den Stücken von Ernst Toller, dem expressionistischen Dichter, dem Revolutionär und Pazifisten, der an der Unvereinbarkeit eben gerade dieser beiden Seelen in seiner Brust zerbrach und dessen Werke mit ihrem expressiven Gesinnungspathos ihre Bedeutung wohl eher in der Vergangenheit haben.
    Ernst Tollers alter ego auf der Bühne
    Das gilt wohl auch für sein Stück „Hoppla, wir leben". Hier lässt Toller in Anlehnung an die eigene Biographie sein Alter Ego Karl Thomas als Pazifisten aus dem Krieg heimkehren, nur damit man ihn nach sogenannten revolutionären Umtrieben für acht Jahre in die Irrenanstalt sperrt. Von dort kehrt er in eine Welt zurück, in der sich ehemalige Weggefährten längst mit den überkommenen Mächten arrangiert haben. Und so sind die großen Ideen von einem politischen Aufbruch längst zu Karikaturen ihrer selbst pervertiert, während diejenigen herrschen, die das schon immer taten:
    "Und durch welche Ritzen stinkt der Prolet?"
    "Na was glauben Sie, durch alle!"
    "Sie müssen nur auf das bisschen zu viel achten bei ihren Worten, jeder Geste, jedem Schritt. Die Leute glauben, wenn sie beim erstklassigen Schneider sich Fracks anmessen lassen, sei alles getan."
    Die Karikatur beim Wort genommen
    Im Cuvilliéstheater hat Regisseurin Anne Lenk die Karikatur beim Wort genommen. Ihre Figuren scheinen einer grotesken Phantasie entsprungen, ob Minister oder Bankdirektor, ob Bürger, Häftling oder Arbeiter, sie alle sind grelle Überzeichnungen ihrer selbst, in deren Mitte einzig Karl Thomas, der Idealist, der als geheilt entlassene Irre, in deren Mitte einzig er: Mensch sein darf. Der junge Franz Pätzold spielt diesen revolutionären Träumer durchaus anrührend als eine Art schönen Parzival, der erst jetzt erkennt, was eigentlich die Gesellschaft - gebaut auf den menschlichen Kleingeist - wirklich ausmacht und: dass viele Menschen Fleischklumpen statt Gesichter haben, wie er sagt: "Der Ekel erstickt mich. In Wahrheit seid ihr Feiglinge. Wär ich doch im Irrenhaus geblieben. Jetzt fasst mich schon vom Plan der Ekel. Wofür. Für eine Herde feiger Wahlspießer?"
    Die Regisseurin folgt Empfehlungen des Autors
    Ernst Toller selbst empfahl schon 1927 dem Regisseur der Uraufführung Erwin Piscator das Stück auf einem Etagengerüst spielen zu lassen, und genau dieser Empfehlung ist in München nun auch Anne Lenk gefolgt. Dabei hat sie diese Idee im wahrsten Sinne des Wortes zugespitzt, indem sie eine verglaste Pyramide auf die Bühne stellt, auf deren kassettenartig strukturierten Etagen sie bis in die Spitze hinein, hierarchisch geordnet, die verschiedenen gesellschaftlichen Klassen ausstellt. So kann sie im schnellen Rhythmus von Lichtwechseln Szenen gegeneinander oder sogar ineinander schneiden, wobei allerdings Dialoge oftmals ohne Kontakt frontal ins Publikum gesprochen werden.
    Vieles läuft sich schnell tot
    Überhaupt läuft sich dieses auf die Bühne übertragene Gesellschaftsmodell mit seiner Schaufensterdramaturgie nach anfänglichem Überraschungseffekt schnell tot, wie ohnehin auch die Figuren einem nicht nur durch die Überzeichnung, sondern vor allem auch durch das Plexiglas seltsam fern bleiben. Die durch Giftgas verätzten riesigen Köpfe der Kinder oder das blutbesudelte Haupt des Kriegsministers wirken ohnehin weniger schockierend als unfreiwillig komisch. Und so tut Anne Lenk mit ihren starken ästhetischen Setzungen dem Stück alles andere als einen Gefallen, sondern klemmt es in ein Korsett, das ihm schnell die ohnehin wenige Luft abschnürt, die es für ein Heute hat, zu sehr ist es der Geschichte und dem Gestus der Weimarer Republik verhaftet. Bleiben einem nur die Tollerschen Sätze, die es daraus hervorheben: "So dreht Euch weiter im Karussell, tanzt, lacht, weint, begattet Euch, viel Glück, ich spring ab. Was treibt ihr? Wehrt Euch doch! Keiner hört! Keiner hört. Keiner!"