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StartseiteMusikjournal"Wir bilden die Quelle der Kulturlandschaft"21.06.2021

Eröffnung des Deutschen Chorzentrums"Wir bilden die Quelle der Kulturlandschaft"

Der Deutsche Chorverband vertritt die Interessen von rund 15.000 Chören in ganz Deutschland. Jetzt bekommt der Verband eine neue Heimat: das Deutsche Chorzentrum, ein frisch saniertes Gebäude in Berlin-Neukölln.

Veronika Petzold im Gespräch mit Jochen Hubmacher

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Ein modernes Gebäude in Seitenansicht, mit schräg aufgefächerten, rot und schwarz eingefassten Fenstern. (Rüdiger Schestag)
Alles unter einem Dach: In diesem Gebäude ist nun das Deutsche Chorzentrum beheimatet. (Rüdiger Schestag)
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"Chöre vereinen eben ganz verschiedene Menschen. Herkunft, Aussehen, Sprache, Neigung, Einkommen – all das spielt überhaupt keine Rolle. Und Gemeinschaftsgefühl fördert soziale Integration, lässt Freundschaften entstehen. Singen, das hab ich inzwischen oft erlebt, stärkt die so wichtige Fähigkeit, hin- und zuzuhören. Daran mangelt es ja oft. Letztlich ist gemeinschaftliches Singen im Chor das wirksamste Mittel gegen das überall anzutreffende, wachsende Problem der Einsamkeit. Wenn es in Dörfern nur noch wenig gibt – einen Chor gibt es eigentlich immer noch, und das muss eben so bleiben. Dafür braucht es die aktive Unterstützung aus Politik und Gesellschaft, auf allen Ebenen: der kommunalen Ebene, über Unterstützung der Vereine, auf Landesebene, der Kulturförderung und auf Bundesebene, wo auch institutionelle Förderung der Amateurmusik von ganz, ganz zentraler Bedeutung ist für das Funktionieren unserer Gesellschaft."

Jochen Hubmacher: Sagt ein ehemaliger Berufspolitiker, Christian Wulff, Bundespräsident a.D. und heute Präsident des Deutschen Chorverbands. Der Verband vertritt die Interessen von rund 15.000 Chören im ganzen Bundesgebiet. Und die waren unfreiwillig ziemlich still in den vergangenen Monaten. Corona hat gerade der Chorszene landauf, landab schwer zugesetzt. Wo die Profis mit hohem logistischen Aufwand mitunter noch proben und Konzertstreams anbieten konnten, waren die mehr als eine Million Amateursängerinnen und -sänger in Deutschland vielfach zum Schweigen verurteilt. Das Vereinsleben kam an vielen Orten zum Erliegen oder musste wie so vieles in den digitalen Raum wandern. Etliche Ensembles haben die Segel bereits gestrichen und es wird sicher eine ganze Weile dauern, bis sich die bundesdeutsche Chorszene von der Corona-Delle erholen wird. Vor diesem Hintergrund ist es eine Nachricht mit Seltenheitswert, dass der Deutsche Chorverband heute feiert. Der Grund: In Berlin wird das Deutsche Chorzentrum eingeweiht. Veronika Petzold ist die Geschäftsführerin. Guten Tag, Frau Petzold.

Veronika Petzold: Guten Tag.

Jochen Hubmacher: Deutsches Chorzentrum – das klingt danach, dass das Herz der deutschen Chorszene ab heute in der Karl-Marx-Straße 145 in Berlin schlägt. Ist das so?

Veronika Petzold: Auf jeden Fall. Das Herz schlug schon an vielen Orten. Aber wir sind jetzt in der Lage, mitten in Neukölln – einem sehr, sehr bunten Stadtbezirk, der wie kaum ein anderer die Entwicklung und Veränderungen in unserer Gesellschaft widerspiegelt – da sind wir jetzt angekommen und da sind wir ganz glücklich.

Musik-Kita mit 70 Kindern

Jochen Hubmacher: Was verbirgt sich konkret hinter dieser Einrichtung, Deutsches Chorzentrum?

Veronika Petzold: Was sich nicht verbirgt, ist die Ansammlung vieler Proberäume. Man könnte ja im ersten Moment glauben, in einem Chorzentrum sind jetzt die Chöre rund um die Uhr beschäftigt zu singen. Nein, das ist das deutsche Chorzentrum nicht. Sondern wir sind hier eine Gemeinschaft verschiedenster Nutzer. Also unter diesem Dach ist einerseits natürlich die Geschäftsstelle des Deutschen Chorverbandes untergebracht, aber auch die des Landesverbandes Berlin. Also wir haben ja auch hier in der Stadt 500 Mitgliedschöre, Schulchöre, Vereinschöre und so weiter. Unter unserem Dach ist auch der Landesmusikrat Berlin angesiedelt. Also im Grunde wird es ein Herzstück auch der Berliner Amateurmusik in diesem Gebäude geben. Hier ist auch das "Vokalhelden"-Programm der Berliner Philharmoniker eingezogen und die Deutsche Chorjugend. Das ist der Verbund aller Kinder- und Jugendchöre im Deutschen Chorverband. Also egal, in welchem Bundesland unsere Chorverbände angesiedelt sind, alle Kinder- und Jugendchöre gemeinsam bilden die Deutsche Chorjugend. Und der letzte, vielleicht spannendste Punkt im Deutschen Chorzentrum ist eine Musik-Kita, die wir mit 70 Kindern hier im Haus haben, und natürlich mit dem absoluten Schwerpunktthema Singen und Musizieren. Bei den Jüngsten setzt das Bildungserlebnis des Singens ein und das wollen wir hier sozusagen leibhaftig auch erfahren, erproben. Und dafür wird es ein sehr interessantes Nutzerspektrum werden.

Eine Frau, die ihre Haare nach hinten gebunden hat, steht an einem Geländer und lächelt in die Kamera. (Veronika Petzold / Joanna Scheffel)Veronika Petzold ist die Geschäftsführerin des Deutschen Chorverbandes. (Veronika Petzold / Joanna Scheffel)

Jochen Hubmacher: Da würde ich gerne mal einhaken. Welche Vision haben Sie vom Deutschen Chorverband für dieses Chorzentrum?

Veronika Petzold: Der Deutsche Chorverband steht ja für sehr große, bundesrelevante Veranstaltungsformate. Es gibt von uns alle vier Jahre das Deutsche Chorfest. Im letzten Jahr hätten wir in Leipzig das Fest feiern können, da waren 500 Chöre angemeldet, die mit insgesamt 700 Konzerten diese Stadt zum Erblühen gebracht hätten. Das sind 15.000 Sängerinnen und Sänger, das nimmt eine Stadt natürlich in Besitz und es macht auch für die Stadt selber enorme Freude aus. Und der Impuls, den wir dann auch dort hinterlassen, der ist schon nachhaltig. Das ist das eine große Format. Damit wandern wir alle vier Jahre in eine andere große deutsche Stadt. Das zweite, ein sehr wichtiger Aspekt, ist unsere chor.com. Das ist ja der Fachkongress für Chorleiter, für Chormanager, für Sängerinnen, Stimmbildner... Also alles, was rund ums Singen notwendig ist, damit ein Konzert gelingt, damit ein Chor proben kann. Das ist der Fortbildungskongress für diese Personengruppe und natürlich eine ganz wichtige Austauschplattform. Dort begegnet man sich alle zwei Jahre – quasi unser großes Fortbildungsformat, bundesweit und inzwischen mit sehr viel internationaler Resonanz. Und das Dritte, was ich nennen möchte, ist: Hier entsteht jeden Monat die größte Fachzeitschrift fürs Chorsingen in Deutschland, die "Chorzeit". Das ist ein Magazin, in dem wir wirklich ständig die Entwicklungen der Chorszene aufzeigen, in denen wir aber auch das Spektrum der Vereinschöre, das Spektrum unserer vielen musikalischen Genres und so weiter beleuchten, immer mit Schwerpunktthemen. Und natürlich hatten wir im gesamten letzten Jahr schwerpunktmäßig den Umgang mit Corona. Wie können wir den Chören Hilfestellungen geben? Wie können wir mit den Chören diese Zeit positiv überbrücken? Und viel Anleitung: Wie kann man mit "Jamulus", wie kann man mit Zoom-Konferenzen trotzdem die Chorgemeinschaft singend beisammen halten? Das sind Beispiele.

Drei stilisierte Vögel fliegen durch einen hellgelben Kreis. (Chorfest Leipzig / Archiv)Zwitschernde Vögel stehen für das Chorfest Leipzig. (Chorfest Leipzig / Archiv)Das Deutsche Chorfest 2020 und seine langfristige Ausstrahlung Das Chorfest musste wegen der Corona-Pandemie auf 2022 verlegt werden. Im Jahr 2020 wäre die Gastgeberin die Stadt Leipzig gewesen.

Jochen Hubmacher: Die Chorszene erstreckt sich über das gesamte Bundesgebiet – Christian Wulff hat das in dem Einspieler zu Beginn gesagt. Und die Chorszene ist ja auch gerade im ländlichen Raum traditionell sehr stark vertreten. Jetzt steht das Deutsche Chorzentrum in Berlin. Was war der Grund für diese Standortwahl? Und ist Berlin für den Chorsänger in Völklingen oder in Rosenheim nicht verdammt weit weg?

Veronika Petzold: Berlin ist nun mal die Bundeshauptstadt. Und als der Umzug der Bundesregierung nach Berlin beschlossen wurde, haben eben auch die Vertreter – und das sind genau unsere Landesverbände, die ja in allen Bundesländern vorhanden sind – entschieden, dass natürlich auch ein solcher Bundesverband in die Hauptstadt gehört. Wir waren früher in Köln angesiedelt, also auch nahe der Hauptstadt, und insofern ist es, glaube ich, eine Entscheidung, die viele andere Bundesverbände, ob im Sport oder so, auch getroffen haben, dass sie dann mit dem Regierungswechsel sich auch am Ort der Regierung ansiedeln. Das war ein wichtiges Motiv. Aber auch in der Tradition des Deutschen Chorverbandes ist es so, dass es bis zum Krieg hier zwei Geschäftsstellen in Berlin gegeben hat, nämlich die des Deutschen Sängerbundes und des Deutschen Arbeitersängerbundes. Und aus diesen beiden Traditionslinien bildete sich im Jahr 2005 der Deutsche Chorverband. Damals war Henning Scherf unser Präsident, also der ehemalige Bremer Regierende Bürgermeister. Und der hat damals gesagt: Jetzt sind wir vereint, dann gehören wir auch wieder zurück an den Ort, wo viele Jahre unserer Geschichte geschrieben wurden.

"In Chören entstehen Partnerschaften fürs Leben"

Jochen Hubmacher: Sicher auch die Nähe zu den politischen Entscheidungsträgern, die Berlin für einen Verband attraktiv macht. Von der Politik fühlten sich ja viele Akteure in der Kulturszene, Profis wie Amateure, in den letzten Monaten manchmal ziemlich alleingelassen. Wie ging es Ihnen beim Deutschen Chorverband?

Veronika Petzold: Unsere Aufgabe war ja zuallererst, Hilfestellungen für unsere Landesverbände und Chöre zu entwickeln, um bei diesem Wirrwarr an Verordnungen und Entscheidungen und Auflagen Licht ins Dunkel zu bringen. Wir haben sehr schnell angefangen, Übersichten zu schaffen, welche Regelungen wann in welchen Bundesländern gelten, um Partner unserer Landesgeschäftsstellen zu sein. Aber die unmittelbare Beratung findet natürlich für unsere Chöre vor Ort in den Ländern statt. Weil die Vielfalt, die wir mit diesen Corona-Auflagen haben, die war schier unüberschaubar. Und wir müssen schon sagen, dass das Problem eigentlich ist, dass jedes Bundesland und teilweise ja bis hin zu jedem einzelnen Gesundheitsamt eigene Ansichten hatte. Und da hat schon unser Wirken daraufhin ein Stück weit zu synchronisieren, ein Stück weit einfach auch vergleichbare Rahmenbedingungen zu schaffen. Also Berlin zum Beispiel ist ja ein Bundesland, das mitten im Land Brandenburg liegt und schon über die Stadtgrenze sind andere Regeln gültig gewesen als in der Stadt. Also solche Prozesse sind natürlich schwer verständlich für die Bürger, insbesondere vor dem Hintergrund, dass natürlich die Chorarbeit zu einem ganz, ganz wichtigen Faktor ihres wöchentlichen Lebens gehört, der komplett beschnitten war. Dort werden die Freundschaften gepflegt. In vielen Chören entstehen wichtige Partnerschaften fürs Leben und auch der Nachwuchs für die Sängerscharen in unserem Land. Also das ist ein wichtiges soziales Element, unsere Chorarbeit, das überall vor Ort Herausforderungen ausgeliefert war. Und dazwischen auch kulturpolitisch einwirken zu können, das ist schon die Aufgabe gewesen im letzten Jahr.

"Anerkennung von vielen Jahren Arbeit"

Jochen Hubmacher: Jetzt findet heute Abend die Eröffnung mit viel Politprominenz statt. Die Kulturstaatsministerin Grütters, Berlins Regierender Bürgermeister Müller werden da sein. Werten Sie das als ein echtes Bekenntnis zur Musik und Chorkultur oder spielt da jetzt auch schon das Superwahljahr rein? Und ein paar schöne Fotos zu so einer Eröffnung, die machen sich immer gut.

Veronika Petzold: Nein, da würde ich schon sagen, es ist ein Bekenntnis nicht nur zur Chormusik, sondern insgesamt zur Amateurmusik. Nach vielen Jahren der harten Arbeit beobachten wir wirklich einen Bewusstseinswandel, dass wir die Quelle des Konzertpublikums sind. Dass wir die Quelle eigentlich in einer Kulturgesellschaft aufbauen und bilden. Und wenn an dieser Stelle weiter so gespart wird, ist natürlich langfristig mit weiterem Verlust an Kulturlandschaft zu rechnen. Aber es kann auf keinen Fall eine kurzfristige Entscheidung sein, sondern die Förderer – und die Genannten sind ja die Förderer des deutschen Chorzentrums... Es ist ja quasi auch die Anerkennung von vielen Jahren Arbeit, die wir gerade in unseren großen Projektzusammenhängen geleistet haben. Und damit wird dem Deutschen Choverband die Möglichkeit gegeben, gemeinsam mit seinen Landesverbänden und den genannten Partnern – denn auch das Land Berlin hat zum Beispiel Zuschüsse gegeben, um die Flächen für den Landesmusikrat und den Berliner Chorverband zu sanieren. Die Kita wurde gefördert vom Land Berlin, damit sozusagen auch die Bausummen zusammenkamen. Denn das kann ein Deutscher Chorverband nicht aus Mitgliedsbeiträgen, kann er überhaupt nicht aus Mitgliedsbeiträgen leisten, und seit insgesamt vier Jahren haben eben alle Zuwendungsgeber sich zusammengeschlossen, damit dieses Projekt gelingen kann und haben uns ihr Vertrauen geschenkt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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