Sonntag, 27. November 2022

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Erotische Kunst in Basel

Als im Jahr 1908 Eduard Fuchs sein Werk "Die Geschichte der erotischen Kunst" herausbrachte, waren Sittlichkeits-Verfahren die Folge. Heute liegen die Dinge andersrum, heute muss der Eros gegen eine penetrante Sexualisierung verteidigt werden. Auch das könnte ja ein Motiv für die Baseler Eros-Ausstellung sein, deren zweiter Teil gerade begonnen hat.

Von Christian Gampert | 07.10.2006

    Wie stark sich im Lauf des letzten Jahrhunderts unser Verhältnis zur Sexualität verändert hat, wird kaum noch wahrgenommen. Die Prüderien der Kaiserzeit kennt man nur noch vom Hörensagen, und dass in den 1950iger Jahren wegen Kuppelei bestraft wurde, wer einem unverheirateten Studentenpärchen ein Zimmer vermietete, mutet einigermaßen abenteuerlich an. Homosexualität war bis in die sechziger Jahre hinein strafbar; jetzt erobern Schwule mit Techno-Parties die Großstadtstraßen. Und dass in wilder Ehe lebende Kindergärtnerinnen heute noch von einem Arbeitgeber namens "Katholische Kirche" gekündigt werden können, ist ein deutlicher Anachronismus.

    Nun sind das die Verhältnisse in Zentraleuropa - in mittleren Westen der USA, im Königreich Marokko oder im islamisches Gottesstaat sieht es ganz anders aus. Und: der "Eros", so das Thema dieser wunderbaren Ausstellung, ist noch mal etwas anderes als kruder Sex, auch wenn manche Etablissements "Eros-Center" heißen mögen.

    Nein, Eros hat auch in der Kunst mehr mit Sinnlichkeit, Attraktion, mit spielerischer Andeutung und sogar mit Verhüllung und Verweigerung zu tun als mit dem puren Vollzug. Flaniert man nun durch die Kunstgeschichte der Erotik im 20.Jahrhundert, die sich, wie immer in der Fondation Beyeler, als eine superb arrangierte, überreiche Vielfalt darbietet, so wird mehreres klar: die Kunst war der stets trägen gesellschaftlichen Entwicklung immer weit voraus. Verändert, ja umgestülpt haben sich - natürlich - die künstlerischen Formen und Perspektiven - und ihre Rezeption. War das heute eher konventionell anmutenden "Petit déjeuner après le bain" von Edgar Degas, ein praller Rückenakt, der aus dem Bade steigt, 1898 noch eine sublim gemalte Verführung, ein voyeuristischer Blick auf einen Frauenkörper, auf schillernde Haut, so sind heute Robert Mapplethorpes eher banal inszenierte männliche Geschlechtsorgane Teil jener pornographischen Industrie, die künstlerische Techniken schon immer gern für sich reklamiert hat. Kommt um 1900, als das Weib noch ein Geheimnis war, bei Fernand Khnopff die Frau schon als Angsttraum ins Bild, als Sphinx mit Raubtier-Leib, so schlägt an der Schwelle zum 21.Jahrhundert die Frau nun selbst zurück, aggressiv, verletzt oder auch ironisch: Louise Bourgeois zeigt ihre Spinnen, Marlene Dumas malt bleiche Frauenkörper, Rebecca Horn baut geschlechtsneutrale "Rhinoceros"-Apparate und lässt Geigen seufzen, den "Witwenseufzer", eine Arbeit von 2005.

    Zwischen diesen beiden Polen aber tobt der Kampf der künstlerischen Bewegungen und Weltanschauungen, der Stile, Genres, Medien und Techniken, und natürlich ist es der männliche Blick auf die Frau, der auch diese Ausstellung dominiert. Von Lovis Corinths sich wollüstig in den Laken räkelnder Schönen, um nur einige zentrale Werke zu nennen, führt allerdings ein gerader Weg zum Hässlichen, Armen und Verworfenen bei Egon Schiele und zu den angstbesetzten Bildern der Surrealisten, die von Salvador Dalis "Großem Masturbator" von 1929 prominent vertreten sind: da surrt über der Wüste ein insektenartiger Phallus-Motor, und die menschlichen Formen zerschmelzen.

    Man erlebt auch ein paar feine Überraschungen: dass Yves Tanguy, der als Arrangeur eher abstrakter Surrealwelten bekannt ist, zum puren obszönen Spaß penisartige Rüsselnasen plus Menschen zeichnete, ist allgemein wenig bekannt. Fritz von Hermanovsky-Orlando enttarnt das sexuell empfängliche Erziehungswesen, Emil Nolde wütet per Farbe in Frauenfiguren, Kirchner wirft mit Kohle großarschige Rückenakte hin; bei Otto Mueller zieht ein schon leicht geometrisiertes Mädchen mit breitem Becken einen schmalen Jüngling ins Schilf. Wer will, kann die Stilformen und Ismen des Jahrhunderts abschreiten, bis er dann bei den ganz blauen Körperabdrücken des Yves Klein, bei Lucian Freuds Fleischgebirgen, Robert Morris' zimmerhoher Filz-Vulva oder Tom Wesselmans schablonierten Great American Nudes landet.

    Nach dem Surrealismus klafft in der Ausstellung eine große Lücke bis zur Nachkriegskunst. Für die poetischeren Inszenierungen sorgen dann, leider Gottes!, wieder die Frauen: Rebecca Horn lässt mechanisierte Schmetterlinge auf einem eisernen Bettgestell verheißungsvoll die Flügel schlagen, und Jenny Holzer stellt zwei lakonisch beschriftete Marmorbänke wie Särge nebeneinander: das Paar von heute. Eine Beerdigung erster Klasse.