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StartseiteEuropa heuteErst sparen, dann wachsen23.05.2012

Erst sparen, dann wachsen

Teurer Alltag in Estland

Estland hat den Tiefpunkt der Rezession dank eines radikalen Sparkonzepts bereits 2010 überwunden. Die Esten haben das Sparprogramm ihrer Regierung zwar mitgetragen - ärgern sich aber über die nach wie vor hohen Lebenshaltungskosten.

Von Albrecht Breitschuh

Imer mehr gut ausgebildete Esten wandern ab ins Ausland. (AP)
Imer mehr gut ausgebildete Esten wandern ab ins Ausland. (AP)
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Euro-Einführung in Estland

Dass in Estland jeder Euro aus den öffentlichen Kassen ein paar Mal umgedreht wird, bevor er dann meistens doch nicht ausgegeben wird, weiß kaum einer besser als die Lehrer des Landes. 670 Euro verdienen sie im Durchschnitt im Monat und liegen damit deutlich unter den 800 Euro, mit denen ein Arbeitnehmer in Estland durchschnittlich entlohnt wird. Mit einem Warnstreik machten sie kürzlich auf ihre Situation aufmerksam, auch der Mathematik-Lehrer Tiit Tulemaa ging auf die Straße:

"Wir streiken, weil das Maß einfach voll ist. Es reicht einfach nicht mehr, die meisten kommen mit dem Geld nicht aus. Hier ist alles so viel teurer geworden, gerade eben bin ich an einer Tankstelle vorbeigefahren, der Sprit kostet 1,40 Euro. Die Lebensmittelpreise steigen, die Energiepreise auch – da ist es normal, dass wir fordern, dass unsere Gehälter angehoben werden."

Die liberal-konservative Regierung in Tallinn äußerte zwar Verständnis, verwies aber auf den fehlenden finanziellen Spielraum. Der Streik, so die 32 Jahre alte Lehrerin Katre Tammemägi frustriert, habe gar nichts gebracht:

"Leider ist das ganze Thema schon wieder weg vom Fenster. Es wird nicht mehr viel darüber geredet. Was ich verstanden habe, ist, dass die Politiker es so ganz gut finden. Sie wollen an unserer Situation nichts ändern und hoffen darauf, dass wir schnell vergessen."

"Die Politiker" - damit ist in erster Linie die von Ministerpräsident Andrus Ansip geführte Koalition gemeint, im letzten Jahr noch mit deutlichem Vorsprung wiedergewählt. Sie steht für stabile Staatsfinanzen, die wiederum Voraussetzung dafür waren, dass in Estland seit 2011 mit dem Euro bezahlt wird, während die anderen baltischen Staaten Litauen und Lettland noch warten müssen. Nach dem wirtschaftlichen Absturz hatte Ansip seinen Landsleuten eine echte Rosskur zugemutet. Mit Sparprogrammen, die nicht nur in Griechenland wohl zu Dauertumulten geführt hätten, in Estland aber von der Bevölkerung hingenommen wurden:

"Weil wir Esten ein skandinavisches Volk und ziemlich geduldig sind", so die Erklärung dieser 74 Jahre alten Frau aus Tallinn. "Woanders sind die Menschen temperamentvollere Menschen, das zeigt sich dann auch bei den Protesten. Wir sind ziemlich geduldig und ertragen die Schwierigkeiten, so lange, bis der letzte Tropfen in den Kelch gefallen ist und er überläuft. Aber noch ist die Schmerzgrenze nicht erreicht."

Anders als zum Beispiel in Griechenland, so Tiina Martsik, Büroleiterin der estnischen Außenhandelskammer, seien die staatlichen Leistungen hier traditionell gering. Deshalb meinen auch nur wenige, ihnen würde etwas weggenommen:

"Während dieser 20 Jahre nach der Unabhängigkeit haben wir diesen Wohlstand von Westeuropa nicht erreicht. Das heißt, es hat sich bei uns nie ergeben, dass man die ständige Sozialhilfe vom Staat empfängt oder dass sich die Leute sehr sicher fühlen könnten. Man musste immer hart arbeiten und die Leute fühlen sich jetzt nicht so bedrückt, dass etwas weggenommen wird. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist es normal, dass man guckt, wo kann man sparen. Und die Leute kommen nicht darauf, dass jetzt der Staat für sie zuständig ist und sich kümmern soll."

Dass Estland zu den wenigen Ländern innerhalb der Eurozone zählt, die die Defizitgrenze von drei Prozent einhalten, sei zwar schön und gut, so die Volkskundlerin Kristi Joesalu. Aber im Euro-Alltag zählt für die meisten ihrer Landsleute nur, dass das Leben sehr viel teurer ist als in Ländern, wo deutlich mehr verdient wird:

"Was bei uns noch billiger als anderswo ist, ist der Alkohol. Oder ein Restaurantbesuch. Ich war schockiert, als ich neulich sah, wie viel man dafür in Schweden zahlen muss. Aber ansonsten ist das Essen aus dem Supermarkt teurer als in Deutschland. Es gibt viele, die fahren mit einem Transporter nach Deutschland, kaufen dort vor allem Wurst und Zucker, um die Waren dann hier wieder zu verkaufen."

Und immer mehr junge, gut ausgebildete Esten bleiben gleich im Ausland. Die Abwanderung von Arbeitskräften hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Trotz stabiler Haushaltlage.

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