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StartseiteKalenderblattErst Trutzburg, dann Gefängnis22.04.2010

Erst Trutzburg, dann Gefängnis

Vor 640 Jahren wurde der Grundstein für die Bastille gelegt

Die Pariser Bastille, vor 640 Jahren als Trutzburg angelegt, wurde zum Staatsgefängnis und Symbol absolutistischer Willkür. Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 markierte den Auftakt der Französischen Revolution.

Von Jochen Stöckmann

Der Sturm auf die Bastille wurde zum Auftakt der Franzöischen Revolution. (Louvre)
Der Sturm auf die Bastille wurde zum Auftakt der Franzöischen Revolution. (Louvre)

"Da hat das Pariser Volk 1789 die Bastille in Schutt und Asche gelegt - aber was hat es gebracht?", so fragt der Chansonnier Jacques Brel. Die Historiker dagegen interessiert, was diese mittelalterliche Festung so verhasst gemacht hat.

Den Grundstein für die Trutzburg mit acht Wehrtürmen hatte am 22. April 1370 Hugues Aubriot gelegt, ein königlicher Finanzminister, der zugleich das Amt des Bürgermeisters von Paris ausübte. Die Bastille sollte die Stadt gegen englische Truppen schützen. Nach dem 100-jährigen Krieg diente sie friedlichen Zwecken. Henri IV. ließ dort den Staatsschatz deponieren. Der sogenannte gute König fiel 1610 einem Mordanschlag zum Opfer. Danach stieg Kardinal Richelieu zum allmächtigen Minister auf - und ließ politische Gegner hinter den dicken Mauern verschwinden. Die Festung wurde zum Gefängnis. Die Kanonen blieben, richteten sich aber nicht mehr gegen einen äußeren Feind, sondern zielten auf Paris - vorsichtshalber.

"Vom Sieg der neuen Herren und ihrem Misstrauen gegenüber der Bürgerstadt zeugen die waffenstarrenden Festungssterne, wie Mannheim, die Zitadellen wie der Tower oder die Bastille, die zwischen sich und das Volk ein Schussfeld legten."

Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme hat die Baugeschichte analysiert. Zu dieser architektonischen Drohgebärde gesellten sich unter Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, die "Lettres de cachets", Haftbefehle ohne Gerichtsverfahren. Wer gegen den Monarchen aufbegehrte oder auch nur aus der Reihe tanzte, landete in der Bastille - auf unbestimmte Zeit. Selbst die Haftbedingungen waren abhängig von absolutistischer Willkür, wie René Auguste Constantin de Rennevilles 1715 in seinen Erinnerungen an die Bastille berichtete.

"Die Gefangenen erhielten eine Pension des Königs - Geld, für das das Wachpersonal Besorgungen machte. Das Gefängnis selbst funktionierte als vom Staat verpachtetes kommerzielles Unternehmen. Wenn bei längerer Haft Gefangene verarmten oder von ihren Familien nicht mehr unterstützt wurden, kamen sie in immer tiefere Zellen. Die unmenschlichsten Haftbedingungen herrschten in den Kellern."

In den komfortableren oberen Etagen erlaubte man den Gefangenen Schreibfeder und Papier. Der Spötter Voltaire, gleich zweimal mit königlichem Haftbefehl aus dem Verkehr gezogen, verfasste hinter Gefängnismauern erfolgreiche Dramen. Ein weiterer Freigeist der Aufklärung, Marmontel, formulierte in einer Zelle seinen sarkastischen Eintrag für die Encyclopédie.

Bastille: Staatsgefängnis, durch die Freigebigkeit der Polizeileutnants in einen Vergnügungsort verwandelt, an dem man von Zeit zu Zeit Literaten einsperrt. Das unwissende Volk beharrt darauf, die Bastille als ein Gefängnis anzusehen, aber aufgeklärte Personen wissen, dass es ein Ort der Auszeichnung ist, in dem die Minister all denen, die sie nicht mögen, eine Pension in Naturalien auszahlen.

Für die geistige Elite des 18. Jahrhunderts hatte die Bastille ihre einschüchternde Wirkung verloren. Das Volk aber schaute immer noch auf die mächtigen Türme, sah darauf die Kanonen, erzählte von misshandelten Gefangenen. Solche Schauergeschichten kolportierten wiederum Sensationsschriftsteller wie der Marquis de Sade, ebenfalls prominenter Bastillehäftling.

"Man brachte ihm nur Suppe, Wasser und Brot; und man betrat seinen Raum, wie man es in der Bastille tut, nämlich wie bei den Tieren in einer Menagerie: einzig, um ihm sein Essen zu bringen."

Um diesem unheilvollen Mythos zu begegnen, aber auch, um Staatsausgaben zu sparen, hatte Finanzminister Jacques Necker bereits 1784 für den Abriss der Bastille plädiert. Doch der im Volk beliebte Reformer wurde von Ludwig XVI. entlassen. Fünf Jahre später, am 14. Juli 1789, stürmten die Pariser das Bollwerk. Und Graf Liancourt musste seinem König Bericht erstatten - über den Beginn einer Revolution.

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