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Erster WeltkriegDer Anfang vom Ende der jüdischen Assimilation

Im Ersten Weltkrieg gehörte viele Juden aus Österreich-Ungarn zu den Kämpfern an der Front. Sie gehörten zu den loyalsten Untertanen des Kaisers. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien widmet sich dem Thema und auch dem großen Umbruch nach dem Krieg, als Antisemitismus immer stärker wurde.

Von Beatrix Novy | 30.04.2014

Jüdische Freiwillige aus Russland bereiten sich auf ihren Dienst als Sanitäter im 1. Weltkieg vor
Jüdische Freiwillige aus Russland bereiten sich auf ihren Dienst als Sanitäter im 1. Weltkieg vor. (picture alliance / Itar-Tass)
Kaiser Franz Josef war kein Antisemit. Anders seine Untertanen: Immer mehr verfielen sie in der Zeit vor 1914 dem rassisch begründeten Judenhass, gesellschaftliche Ausgrenzung und Verhöhnung der jüdischen Bevölkerung nahmen zu. Im Sinne des Kaisers war das nicht. Warum ein jüdischer Zeichner ihn als antiken Held und Kettensprenger darstellte, sagt der Mann, der das Bild in die Ausstellung platziert hat, Kurator Marcus Patka:
"In der k.u.k.-Armee war der Antisemitismus offiziell verpönt. Franz Josef wurde von völkischen Kreisen als Judenkaiser bezeichnet, sie konnten in hohe Offiziersränge aufsteigen, das war in Deutschland nicht der Fall."
So erklärt sich, warum jüdische Soldaten besonders eifrig für Kaiser und Vaterland zu sterben versprachen, als es 1914 in den Krieg ging. Und warum auf einer patriotischen Postkarte ein Rabbi sie feierlich ermahnt: "Kämpfet bis zum letzten Atemzug". Auch als 1917 Franz Josef starb und sein Großneffe Karl den Thron bestieg, schien sich am Gelingen der jüdischen Assimilation nichts geändert zu haben.
"Kaiser Karl hat noch offensiv Juden in Galizien besucht."
Davon zeugt ein Foto in der Ausstellung. Daheim in Österreich allerdings bahnte sich derweil eine hässliche Zukunft sichtbar an.
"Aber es gab in der unmittelbaren Nachkriegszeit antisemitische Plakate, die es in Wien vorher nicht gegeben hat."
Pamphlete und Karikaturen
Sie waren die deutschsprachige Elite an den entlegenen Rändern des Reichs, in der Bukowina zum Beispiel; ohne sie ist die berühmte Kultur des Wiener Fin de Siècle undenkbar. Es half alles nichts. Was die Juden in der Habsburger Monarchie erreicht hatten, zerstob mit deren Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg. Schon das ist ein Grund für das Wiener Jüdische Museum, das jüdische Schicksal im und nach diesem Krieg gesondert zu betrachten. Den zahlreichen Objekten einer jüdisch-vaterländischen Verherrlichungskultur stehen gleich zu Anfang Pamphlete des altgewohnten Antisemitismus gegenüber: Karikaturen auf die Juden als schlaffe, kriegsuntaugliche Feiglinge. So hätte die Volksseele sie gern gehabt, aber:
"300.000 jüdische Soldaten haben gedient, zehn Prozent davon sind gefallen."
Einer von diesen 300.000 war Uriel Birnbaum, dessen apokalyptische Zeichnungen aus dem Schützengraben ein frühes Licht auf die grausige Realität des Stellungskriegs warfen. Raum für Raum wendet sich die Ausstellung nach Galizien, wo Juden von den Russen unter den Generalverdacht der Spionage gestellt wurden und zu Hunderttausenden flüchteten - ein Grund für die wachsende Wiener Wohnungsnot. Ein seltsamer Hauch von Nahost-Romantik liegt über dem Raum, der den wenig bekannten Kriegsschauplatz Jerusalem inszeniert.
Rituelle Gegenstände, Diashows, Interviews mit Historikern, Plakate, Installationen auf engem Raum: die Fülle der Objekte erzeugt Atmosphäre, aber dem Verständnis für die nicht einfachen Zusammenhänge ist sie buchstäblich im Weg. Zu den unübersehbaren Eyecatchern gehört die erstmals und in Vitrineneinsamkeit ausgestellte Friedensnobelpreis-Medaille, die 1911 Alfred Hermann Fried bekam, Mitkämpfer der großen Pazifistin Bertha von Suttner. Da lenkt die Ausstellung den Blick auf den Anteil jüdischer Wissenschaftler, Erzieher, Philanthropen an den progressiven Bewegungen, die in der Nachkriegszeit zur Blüte kamen.
Während gleichzeitig die völkische Hetzpropaganda die Juden für den verlorenen Krieg verantwortlich machte und eine von allen Assimilationshoffnungen enttäuschte Jugend sich in eigenen, jüdischen Organisationen sammelte und nach Palästina strebte. Logische Konsequenz in einer Zeit, deren auseinanderstrebende Ideologien, einschließlich des Antisemitismus, immer brutaleren Ausdruck annahmen. 1932 formierte sich der Bund Jüdischer Frontsoldaten zum Selbstschutz gegen rechte paramilitärische Banden. Mitglieder dieses Bunds, die die NS-Herrschaft überlebt hatten, fanden sich später in Palästina wieder, in der zionistischen Untergrundorganisation Hagana.