Dienstag, 27. September 2022

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Erzbischof Zollitsch: Papst-Reise ist "gut vorbereitet worden"

Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, vertraut auf die "richtigen Worte" von Papst Benedikt XVI. bei dessen heutigen Besuch Israels. In der Vergangenheit seien Äußerungen des Pontifex auch "bewusst einseitig" aufgegriffen worden.

Erzbischof Robert Zollitsch im Gespräch mit Stefan Heinlein | 11.05.2009

    Stefan Heinlein: Die Nahost-Reise des Papstes, eine heikle Mission im Heiligen Land. Als Pilger will der Pontifex die Region besuchen. An diesem Wochenende in Jordanien vor allem eine Botschaft: der verstärkte Dialog zwischen Christen und Muslimen. Versöhnliche Worte und Gesten, die auch ab heute gefordert sind. Der Besuch in Israel und in den palästinensischen Gebieten gilt als der weitaus schwierigere Teil der Reise. Religion und Politik lassen sich im Mienenfeld des Nahen Ostens kaum trennen – für einen deutschen Papst eine besondere Herausforderung.
    Am Telefon nun der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Guten Morgen!

    Robert Zollitsch: Guten Morgen!

    Heinlein: Ganz Israel wird dem deutschen Papst genau zuhören, so unser Korrespondent. Was darf denn Benedikt XVI. in Yad Vashem keinesfalls sagen oder tun?

    Zollitsch: Er wird sicher in Yad Vashem natürlich an die furchtbaren Opfer erinnern, und dann ist ganz klar: Er wird auch die Frage stellen, was nun das Ganze auch für uns zu bedeuten hat, und ich bin überzeugt, dass Papst Benedikt XVI. tatsächlich die richtigen Worte finden wird. Wir Deutsche sind besonders davon betroffen und wir sollten das uns auch eingestehen. Wir müssen auch die Worte finden, die einerseits klarlegen, dass das ein furchtbares Verbrechen war, und dann zugleich schauen, wie aus der Erinnerung die Kraft wächst, dass wir auch das Gespräch mit den Juden weiterführen, dieses Gespräch wollen und gemeinsam in die Zukunft schauen wollen. Aber wir als Deutsche haben es notwendig, eine besondere Solidarität mit den Juden zu zeigen und diese auch immer wieder zum Ausdruck zu bringen, und das wird Papst Benedikt sicher so tun, denn ich bin sehr froh über den Auftakt der Reise in Jordanien, denn dort hat der Papst Benedikt auch überall die richtigen Worte gefunden.

    Heinlein: Wird es denn richtige, wichtige und klärende Worte des Papstes zur Rolle der Katholischen Kirche während der Juden-Verfolgung im Dritten Reich geben?

    Zollitsch: Hier ist die Diskussion im Laufen. Es ist so, dass sicher viele Juden durch den Vatikan, durch katholische Ordensleute auch gerettet worden sind. Und das Andere ist jetzt tatsächlich eine Beurteilungsfrage: Hätte der Papst – Papst Pius XII. wäre das gewesen – stärker öffentlich auftreten müssen, hätte er dann mehr Juden gerettet, oder wären dann noch mehr tatsächlich ins Konzentrationslager, ins Vernichtungslager gekommen, wie das ja etwa in Holland der Fall war. Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Heilige Vater wird sich nicht auf solche spezielle Fragen einlassen. Wichtiger ist das Zeichen, das er setzt, und wichtiger ist, dass seine Solidarität ganz klar zum Ausdruck kommt, nämlich die Solidarität Papst Benedikt XVI. Er steht für sich und für die Kirche heute.

    Heinlein: Also keine weiteren Worte zur umstrittenen Seligsprechung von Benedikts Vorgänger Pius XII.?

    Zollitsch: Ich glaube nicht, dass das ein Thema jetzt der Reise nach Israel ist, denn da sind nun die Fachleute daran, um all das zu prüfen, und es ist richtig, nun tatsächlich die Ergebnisse dieser Prüfung auch mal abzuwarten.

    Heinlein: Gehen Sie davon aus, dass der Fall Williamson für die jüdische Seite vollständig vom Tisch ist?

    Zollitsch: Durch das, was Papst Benedikt selber ja mehrfach sagte, ist sicher bei all denen, die ihm zugehört haben, ganz klar, dass seine Haltung unbestritten ist, dass auch nichts daran zu deuteln ist. Dass Williamson nun durch die Exkommunikation eben ein Stück weit in die Öffentlichkeit gerückt worden ist, das ist ein Versehen gewesen, weil Papst Benedikt von diesen Äußerungen, die Williamson da getan hat, nichts wusste.

    Heinlein: Also auch dieses Thema wird er offensiv nicht ansprechen?

    Zollitsch: Nein. Ich bin überzeugt, dass diese Frage eigentlich für die Juden, die nachdenklich sind – so habe ich es jedenfalls erlebt -, für die ist diese Frage klar.

    Heinlein: Sie begleiten, Herr Bischof, den Papst persönlich ab morgen auf dieser Reise. Sind Sie nervös? Gibt es die Gefahr, dass der Papst abstürzen könnte, denn jede Geste – wir haben es gehört -, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt werden?

    Zollitsch: Ich werde vor allem in Bethlehem sowohl beim Gottesdienst wie auch bei der Begegnung mit dem Palästinenserpräsidenten dabei sein und werde dort auch das Caritas-Baby-Hospital mit dem Heiligen Vater besuchen. Ich bin überzeugt, dass der Heilige Vater, so wie jetzt auch in Jordanien, die richtigen Worte finden wird. Natürlich bin ich bei solch einer Reise auch ein bisschen gespannt und will auch sehen, was ich von meiner Seite so am Rande mit dazu beitragen kann, damit diese Reise zur Versöhnung beiträgt, damit diese Reise zu einem größeren Verständnis führt, vor allem zu einem Verständnis zwischen Juden und Christen und auch zwischen Muslimen und Christen. Wenn in dieser Dreierkonstellation der Heilige Vater da einiges wie jetzt in Jordanien positiv beitragen kann, dann bin ich überzeugt wird die Reise des Pilgers Papst Benedikt wirklich ein Erfolg werden.

    Heinlein: Aber zuletzt schien der Papst in vielen Fragen eher schlecht beraten?

    Zollitsch: Es war nun sicher nicht etwa die Frage über Williamson, da war er nicht entsprechend informiert worden, aber man kann ja auch aus solchen Erfahrungen lernen und ich bin überzeugt, diese Reise ist nun ganz klar und auch gut vorbereitet worden.

    Heinlein: Aber denken wir an die Kondom-Aids-Bemerkungen im Verlauf seiner Afrika-Reise im April. Das ist gar nicht lange her. Es wurde im Anschluss über nichts anderes geredet. Ist das ungerecht?

    Zollitsch: Ja, denn das war schade, denn das war eine Nebenbemerkung und die wurde auch nicht mal so weitergegeben, wie er sie geäußert hat, und plötzlich blieben weiß Gott wie viele an einer solchen Randfrage hängen und es kam dann das große, was der Heilige Vater dort etwa über die Würde der Frau und die Familien in Afrika sagte, leider nicht herüber, diese Botschaft. Diese Gefahr besteht natürlich immer, dass unter Umständen ein kleiner Nebensatz, eine Nebenbemerkung, die ganz anders gemeint ist, dann tatsächlich in den Mittelpunkt gestellt wird. Ich hoffe, dass allen Korrespondenten die jetzige Reise so wichtig ist, dass sie sich auf die wichtigen Dinge und zentralen Punkte auch konzentrieren, auch in der Berichterstattung.

    Heinlein: Wird Benedikt XVI. in der Öffentlichkeit falsch wahrgenommen, oder hat der Papst tatsächlich ein Image-Problem in der nichtkatholischen Öffentlichkeit?

    Zollitsch: Er ist nun sicher kein Politiker, der zunächst mal an sein Image denkt, aber ich habe den Eindruck, dass die Dinge durchaus einseitig wahrgenommen werden, manchmal auch bewusst einseitig aufgegriffen werden.

    Heinlein: "Der Papst ist kein Politiker", das sagen Sie zurecht, aber kann gerade im Nahen Osten Politik vom religiösen Dialog ausgeklammert werden?

    Zollitsch: Nein. Dort ist leider die Politik nicht ganz zu trennen, und das ist auch bei der Vorbereitung etwa jetzt in Jordanien so geschehen, das haben wir auch erlebt. Aber es ist auch wichtig, dass immer wieder klar wird: der Papst kommt als Pilger, er kommt als Oberhaupt der Katholischen Kirche und kommt nicht in erster Linie als Politiker, der nun etwa, wie wenn ein amerikanischer Präsident käme, politische Entscheidungen vorzubereiten oder gar zu treffen hätte.

    Heinlein: Der Vatikan wirbt ja recht offen, Herr Bischof, für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten. Wie offensiv wird der Papst denn dieses Thema gegenüber dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu ansprechen?

    Zollitsch: Das ist klar, das ist die Position der Katholischen Kirche, ist auch meine persönliche Position. Ich sehe nur dann eine Lösung für die Zukunft, wenn es zwei Staaten geben wird. Ich bin überzeugt, dass der Heilige Vater das auch entsprechend sagen wird. Er wird allerdings auch versuchen, dass das, was er jetzt sagt, nicht irgendjemanden provoziert, sondern einfach vermittelnd rüberkommt.

    Heinlein: Also Sie erwarten, dass er es auch öffentlich anspricht?

    Zollitsch: Ich bin überzeugt, er wird es im Gespräch mit dem Staatspräsidenten, mit dem Ministerpräsidenten ansprechen. Er hat nun allerdings jetzt dort keine öffentlichen Reden im Sinne des Staatsoberhauptes.

    Heinlein: Hat Benedikt XVI. denn das notwendige politische Gespür, sich auf diesem Mienenfeld der Nahost-Politik sicher zu bewegen?

    Zollitsch: Gerade was das Verhältnis in Israel angeht, was das Verhältnis zwischen Arabern und Juden angeht, ist es ja eine lange Geschichte und das, was Papst Benedikt als Theologe zu all diesen Fragen, zum Verhältnis zum Judentum geäußert hat, das ist nun derart fundiert, da hat er eine derartige Basis, dass ich überzeugt bin, dass er die richtigen Worte finden wird.

    Heinlein: Verlassen wir das Feld der Politik und kehren zurück zum religiösen Dialog. Im Gepäck hat der Papst ja die Last einer 2000-jährigen schwierigen christlich-jüdischen Geschichte. Ist denn die Zeit der christlichen Juden-Mission ein für allemal erledigt? Da gab es im Vorfeld ja auch einige Irritationen.

    Zollitsch: Da gab es noch mal Diskussionen. Es ist ganz klar, dass seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch in der kirchlichen Öffentlichkeit wir und unsere älteren Brüder dies wahrnehmen, die, die im ungekündigten Bund stehen, den Gott mit ihnen geschlossen hat, und es geht darum, aus dieser Basis und von diesem Ausgangspunkt her stärker das Gemeinsame zu sehen. Da ist viel Grundlegendes geschehen und auch die Irritationen der letzten Woche können den Weg des Miteinanders zwischen Juden und Christen nicht mehr behindern, denn es gibt da kein Zurück mehr, es gibt nur noch den Weg nach vorne. Da wird es immer wieder natürlich auch Schwierigkeiten geben, da wird es einzelne Menschen geben, die nur schwer mitgehen können. Da braucht es viel Vermittlungsarbeit, viel Überzeugungsarbeit, und da müssen wir schauen, dass wir möglichst viele, wenn nicht gar alle mitnehmen auf diesem Weg.

    Heinlein: Mit "Irritationen" meinen Sie sicherlich die umstrittene Karfreitags-Fürbitte für die Erleuchtung der Juden. Wie passt das in diesen Zusammenhang, den Sie gerade geschildert haben?

    Zollitsch: Da wurde nun im Zusammenhang mit der Möglichkeit, dass die alte Liturgie auch als außerordentliche Form der Liturgie gefeiert wurde, die Frage nach der alten Karfreitags-Fürbitte entstanden. Das war nun ein bisschen sehr stark, möchte ich sagen, hochgespielt. Einerseits in unserer Diözese wurde diese Form der Karfreitags-Fürbitte nirgendwo gebetet und dann ist es eine Frage natürlich auch der Interpretation dessen. Hier geht es, ausgehend vom Apostel Paulus darum, dass es unsere Hoffnung ist, dass Gott es mal so fügen wird, dass wir am Ende der Zeiten alle unseren gemeinsamen Weg finden, und diese Bitte darf man doch äußern. Hier ging es nicht darum, dass wir erneut zu einer aktiven Juden-Mission zurückkehren wollten. Das war damit nicht intendiert und kann auch heute im Text keineswegs geschlossen werden.

    Heinlein: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, heute Morgen im Deutschlandfunk. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören und gute Reise nach Israel.

    Zollitsch: Vielen Dank für die Begleitung. Auch Ihnen einen schönen Tag.