Mittwoch, 12.12.2018
 
StartseiteHintergrundErziehung statt Ausbeutung30.12.2005

Erziehung statt Ausbeutung

Der Kampf gegen Kinderarbeit in Indien

" Wenn Kinder zur Schule gehen und studieren können, dann bekommen sie später einmal jede Arbeit, die sie möchten. Aber wenn man hier zehn bis zwölf Stunden auf dem Feld arbeitet, geht das nicht. Gebildete Kinder können Arzt oder Rechtsanwalt werden. Deshalb ist es besser zu studieren. "

Von Monika Hoegen

Der Ganges (AP)
Der Ganges (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Während das Mädchen mit dem bunten Kopftuch erzählt, blickt es kaum auf, verharrt in seiner gebückten Haltung und zupft weiter an den Baumwollblüten. Lakshmi ist zwölf Jahre alt und hat vor zwei Monaten die Schule verlassen. Seither arbeitet sie zusammen mit 24 weiteren Mädchen täglich von neun Uhr morgens bis abends um sechs auf einem Baumwollfeld im Distrikt Kurnool, rund fünf Autostunden von der indischen Metropole Hyderabad entfernt. 25 Rupien, etwas mehr als einen Dollar am Tag, verdient Lakshmi hier. Das Geld gibt sie ihren Eltern.

" Ich würde auch lieber zur Schule gehen und studieren. Aber meine Eltern lassen das nicht zu. "

Lakshmi und ihre Freundinnen Padma, Kamakschi, Jayamma und Shabinabee gehören zu den schätzungsweise 100 Millionen Kinderarbeitern, die es in Indien gibt. In der Mehrzahl sind es Mädchen aus der niederen Kaste. Viele arbeiten auf solchen Baumwollfeldern wie dem in Kurnool - dort, wo so genanntes hybrides Saatgut produziert wird. Das bedeutet: Zwei Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut werden gekreuzt. Es ist eine aufwändige Tätigkeit: Von Hand müssen jeden Tag Hunderte von Baumwollknospen geöffnet werden. Dann werden Deck- und Blumenblatt sowie der Staubbeutel entfernt. Am nächsten Tag wird auf den Keim der Samen einer anderen Baumwollpflanze aufgetragen. Ohne Schatten, meist in leicht gebückter Haltung erledigen die Mädchen ihre Arbeit - und sind dabei auch giftigen Pestiziden ausgesetzt. Poluru Sreenivasulu ist der Besitzer des drei Hektar großen Baumwollfeldes in Kurnool, auf dem die Kinder arbeiten.

" Ich stelle Kinder ein, weil sie einfacher anzuleiten sind. Sie kommen regelmäßig zur Arbeit und sind auch billiger als Erwachsene. Trotzdem zahle ich ihnen aber mehr als üblich: 25 statt 20 Rupien. "

Dabei verbietet das indische Gesetz eigentlich Kinderarbeit bis zu einem Alter von 14 Jahren. 500 Rupien, umgerechnet etwa zehn Euro beträgt die Strafe für die, die gesetzwidrig doch Kinder beschäftigen. Eine viel zu niedrige Strafe, sagen Kritiker - wenn sie denn überhaupt angewandt wird. Baumwollfarmer Sreenivasulu wurde bisher noch nicht bestraft.

" Wir kennen das Gesetz, wir haben auch ein bisschen Angst davor. Aber es sind die Eltern, die uns immer wieder ihre Kinder schicken. Deshalb nehmen wir sie als Arbeitskräfte. Von der Regierung jedenfalls ist hier noch niemand zur Kontrolle vorbeigekommen. "

Reich sind Sreenivasulu und die vielen anderen Besitzer kleiner Baumwollfarmen in Indien trotz der Ausbeutung der Kinder noch nicht geworden. Denn das große Geschäft mit dem Baumwollsaatgut machen andere: die indischen Zwischenhändler wie zum Beispiel das Unternehmen Mahyco, und die multinationalen Konzerne, die das begehrte Saatgut aufkaufen - wie Unilever aus den Niederlanden, Monsanto aus den USA, aber auch die Bayer AG aus Deutschland. Das jedenfalls kritisiert Davuluri Venkateswarlu. Er musste als Kind selbst auf den Feldern schuften. Heute ist er Direktor des Global Research and Consultancy Service in Hyderabad und hat eine umfassende Studie über Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau vorgelegt. Zwar sei auch vielen internationalen Konzernen das Problem inzwischen bewusst, sagt Davuluri. Und sie hätten zugesagt, Druck auf ihre Zulieferer auszuüben, um die Kinderarbeit abzuschaffen. Aber:

" Auf dem Papier sagen sie das schon seit langem, doch wenn es darum geht, es in die Praxis umzusetzen, dann sind sie sehr langsam. Die Firmen erfüllen ihre Versprechen nicht, weil sie dann ja auch einen Teil ihres Profits opfern müssten, den dieses Geschäft ihnen einbringt. "

Dass sie das Problem "schon länger erkannt", aber derzeit noch "keine hundertprozentigen Lösungen" dafür hätten, räumen einige der kritisierten Unternehmen ein. Beim deutschen Konzern Bayer wird sogar an einem Pilotprogramm zur Abschaffung von Kinderarbeit und zum Ausbau der Schulbildung bei den indischen Zulieferern gearbeitet. Gedacht sei an die Übernahme von Schulpartnerschaften, an medizinische Versorgung für die Kinder und eventuell Dorfspeisungen - alles Faktoren, die es den Eltern leichter machen würden, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Doch das Programm stecke noch in den Anfängen, so die Firma Bayer. Derweil ist in Indien selbst Kinderarbeit in der Öffentlichkeit kaum ein Thema. Rathna Chotrani weiß das. Sie arbeitet als Journalistin in Hyderabad und versucht, mit ihren Artikeln und Beiträgen auf die Ausbeutung der Schwächsten im eigenen Land aufmerksam zu machen - was selten geschieht in der indischen Presselandschaft.

" Es gibt andere Themen, die besondere Aufmerksamkeit finden, Politik etwa. Kinderarbeit ist noch nicht einmal für die Presse ein wichtiges Thema. Die Zeitungen beschäftigen sich nicht damit. Und was die Öffentlichkeit betrifft - wir haben nun mal viel Armut, und deshalb ist es für die Leute normal, dass die Kinder auch die Brötchen mit verdienen müssen. Und deshalb kommen sie nicht auf die Idee, dass es wichtig sein könnte, ihre Kinder zur Schule zu schicken. "

Um so wichtiger sei die Aufklärung, betont Rathna Chotrani. Nicht mehr nur internationale Organisationen und Kampagnen, sondern auch die Inder selbst sollten sich dem Problem stellen.

" Es ist ein zentrales Thema. Und es muss behandelt werden. Die Mehrheit der Kinder aus der niedrigsten Kaste sind Kinderarbeiter. Man kann viele Kinder in Cafés arbeiten sehen, als Automechaniker, im Haushalt. Sie arbeiten sogar für Staatsbeamte in deren Privathäusern. Und in der Öffentlichkeit kritisieren diese Leute dann Kinderarbeit. Aber es gibt viele Regierungspolitiker, die Kinder zuhause beschäftigen. "

Um eine Bewusstseinsveränderung im eigenen Land bemüht sich seit Jahren auch die indische Nichtregierungsorganisation "MV Foundation", benannt nach dem Historiker Mamidipudi Venkatarangaiya. Die MV Foundation arbeitet seit 1991 in den ländlichen Gebieten des indischen Bundesstaates Andhra Pradesh. Ihr Ziel: die komplette Abschaffung der Kinderarbeit und geregelter Schulbesuch für alle Jungen und Mädchen. Ein ehrgeiziges Ziel, für das die Stiftung unterschiedlichste gesellschaftliche Kräfte mobilisieren will, bemerkt Shanta Sinha, die Vorsitzende der MV Foundation:

" Die Stimmen jener, die sich für das Recht der Kinder auf Bildung einsetzen, werden immer lauter. Es gibt ungefähr 100 Nichtregierungsorganisationen aus Indien, die sich mit dem Thema beschäftigen. Wir sind aus Solidarität zusammengekommen, um deutlich zu machen, dass es wichtig ist für Kinder, zur Schule zu gehen. Und Staatsbeamte unterstützen uns, aber als Einzelpersonen, nicht als Institution. Wir haben Netzwerke gebildet, um uns zu treffen, zusammen zu arbeiten und um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass es ein Programm zur Abschaffung der Kinderarbeit gibt. Und dass da alle mitmachen sollten. "

Auch Regierungsverantwortliche und Politiker hat die energische Vorsitzende der MV Foundation schon für ihre Ziele gewinnen können. Überdies wurde in der Provinzhauptstadt Hyderabad ein runder Tisch ins Leben gerufen, an dem auch heimische Unternehmer teilnehmen, die sich ebenfalls für die Abschaffung von Kinderarbeit einsetzen. Einige dieser Firmen geben Spenden, um das staatliche Schulwesen zu verbessern. Shanta Sinha setzt große Hoffnung in diesen neuen Dialog. Dennoch, so heißt es bei der MV Foundation, stehe man im Kampf gegen die Kinderarbeit erst am Anfang. Dabei muss nach Ansicht der Stiftung erst einmal mit einem großen Irrtum aufgeräumt werden, nämlich dem, wonach Kinderarbeit Familien aus der Armut heraushelfen könne. Shanta Sinha:

" Ich kenne keinen einzigen Fall, in dem Kinder arbeiten und es deshalb der Familie besser geht. Wo immer Kinderarbeit auftritt, da herrscht auch Armut. "

Kinderarbeit reduziere die Arbeitsplätze für Erwachsene und vergrößere daher die Misere, soheißt es bei der MV Foundation.

" Auf der anderen Seite fanden wir heraus, dass, sobald die Kinder zur Schule gehen, die Armen anfangen, höhere Löhne zu fordern. Die Frauen bekommen das Doppelte, Männer, die bislang nur 15 bis 16 Tage im Monat beschäftigt waren, werden für 24 oder 26 Tage eingestellt. Dadurch erhöht sich das Familieneinkommen. Wir stellten also fest, dass Kinderarbeit das Leben der Menschen verschlechtert, die Löhne drückt und Armut mit sich bringt. Aber wenn eine große Zahl von Kindern zur Schule geht, dann vermindert das die Armut. Und die Lebensqualität für die Menschen verbessert sich. Also, wir glauben wirklich, dass Kinderarbeit in Wahrheit die Armut vergrößert. "

Auch die Annahme, arme Familien wollten ihre Kinder ja gar nicht zur Schule schicken, hält Shanta Sinha für völlig falsch.

" Wir haben herausgefunden, dass sogar die ärmsten Eltern in der Lage waren, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Sie nehmen sogar große Opfer auf sich, damit sie die Schule weiter besuchen können. Dass sie die ganze Zeit über ihre Kinder nicht zur Schule geschickt haben, liegt daran, dass in der Gesellschaft schulische Bildung keinen besonders hohen Stellenwert besitzt. "

Das will die MV Foundation ändern. Sie veranstaltet daher Aufklärungskampagnen in den Dörfern, versucht Eltern und auch Farmer und lokale Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass die Kinderarbeit für die gesamte Gesellschaft schädlich sei. Das ist ein mühsamer und langwieriger Prozess. Und er gelingt nur durch die starke Einbindung von lokalen Amtsträgern. Doch er zeigt Erfolge. 300.000 Kinder wurden seit 1991 nach Angaben der MV Foundation aus Arbeit und Schuldknechtschaft befreit. Leicht ist das nicht. Erst einmal müssen Freiwillige gewonnen werden, die den Mut haben öffentlich gegen Kinderarbeit aufzutreten. Diese Helfer, finanziell unterstützt von der Stiftung, erstellen dann Listen von Kindern, die arbeiten. Dann gehen sie gezielt zu den Eltern, zu Arbeitgebern, Dorfvorstehern und Lehrern und reden mit ihnen - immer wieder, manchmal jahrelang. Maddiah Mahon ist Vater von vier Kindern, darunter ein acht und ein zwölf Jahre alter Sohn. Beide haben früher mit ihm auf dem Bau gearbeitet.


" Die sind dann auch zu mir gekommen, die von der MV Foundation, mehrfach. Erst war ich skeptisch, doch dann habe ich den Vorschlag akzeptiert, dass meine Kinder nicht mehr arbeiten sollen. Ich schaffe es jetzt auch, meine Arbeit ohne meine Söhne zu bewältigen. Da muss ich eben etwas mehr tun. "

Auch Mutter Nagolu, 40 Jahre alt, hat irgendwann beschlossen, ihren kleinen Sohn nicht mehr zum Ziegenhüten, sondern zur Schule zu schicken.

" Meine älteren Söhne, die wollten das erst nicht, die meinten, der Kleine müsse arbeiten, wie alle anderen. Ich fand es dann aber doch gut, dass er zur Schule geht. Schließlich hat noch nie jemand aus unserer Familie eine Schule besucht. "

Oft ist es alles andere als leicht, die Eltern davon zu überzeugen, dass ihre Kinder nicht mehr arbeiten sollen. Das weiß auch Ramesha Warrama, von ihren Nachbarn und Bewohnern des kleinen und abgelegenen Dorfes Dorapalli als eine Art geistige Führerin anerkannt. Sie arbeitet mit der MV Foundation zusammen.

" Es war schwierig, die Anderen aus dem Dorf und die Arbeitgeber zu überzeugen, dass Kinderarbeit schlecht ist. Erstmal waren die Menschen nicht bereit, etwas an dem traditionellen System zu ändern. Hinzu kommt, dass man hier bei uns eigentlich nur gewöhnt ist, wenn überhaupt, die Jungs zur Schule zu schicken, nicht die Mädchen. Wir sind dann aber mit unserer Gruppe von Haus zu Haus gegangen und haben mit jeder Familie gesprochen. Wir haben den Leuten gesagt, dass sie die Mädchen gleich behandeln und auch zur Schule schicken sollen. Das war schon eine große Herausforderung in unserem Dorf. Und es hat nur zusammen mit der MV Foundation geklappt. Wir haben Komitees für die Aufklärungsarbeit und Frauengruppen gebildet und vor allem die Mütter mobilisiert. "

Viele Familien im Dorf Dorapalli gaben schließlich nach - zu groß war der soziale Druck, den die Aufklärungsgruppen der MV Foundation ausübten. Nicht als Außenseiter dazustehen, und sich in der Dorfgemeinschaft nicht unbeliebt zu machen, das ist nach wie vor ein wichtiger Faktor in der indischen Gesellschaft - ein Faktor, auf den auch die MV Foundation beim Kampf gegen Kinderarbeit baut. Sie setzt deshalb vor allem Respektpersonen aus den Dörfern als Multiplikatoren ein.

Neben aller Aufklärung ist es für die Abschaffung der Kinderarbeit in Indien dringend nötig, das marode Schulwesen zu verbessern. Längst nicht in allen Dörfern und Distrikten gibt es überhaupt Schulen. Oft stehen die Gebäude leer, mangelt es an Möbeln, sind die Lehrer schlecht bezahlt und unzureichend motiviert, fällt der Unterricht häufig aus. Die indische Regierung hat eine Zeitlang so genannte night schools, Abendschulen gefördert, damit die Kinder tagsüber einige Stunden arbeiten können. Doch so etwas akzeptiert die MV Foundation nicht. Die Organisation fordert einen ganztägigen Schulbesuch für alle Kinder. Und in diesem Sinne übt sie auch Druck auf die Regierung aus. Unterstützung erhielt die Stiftung vom früheren Premierminister des Bundesstaates Andhra Pradesh. Im vergangenen Jahr hat die Regierung gewechselt. Doch auch der neue Premierminister Rajasekhara Reddy verspricht, sich für das Anliegen einzusetzen.

" Wir versuchen, der Erziehung einen hohen Stellenwert einzuräumen, in dem wir mehr Schulen eröffnen, das Niveau verbessern und indem wir die Lehrer ausbilden. Das ist sehr wichtig. Das Gesetz allein kann die Kinderarbeit nicht beseitigen. Unsere Regierung verfolgt das Ziel, die Produktivität auf dem Land zu steigern, die Einkommen der Eltern zu erhöhen, Arbeitsplätze zu garantieren. Das ist unsere Priorität. Wir kümmern uns intensiv darum. "

Ein Beschäftigungs-Programm für Erwachsene, sowie verschiedene Programme zum Umweltschutz und zur Verbesserung der Boden- und Ertragsqualität in den ländlichen Gebieten von Andhra Pradesh, hat die Regierung auf den Weg gebracht. Doch noch ist völlig unklar, wie diese Projekte finanziert werden sollen. Abzuwarten bleibt überdies, was aus dem Beschluss der Zentralregierung in Delhi wird, eine zweiprozentige so genannte Bildungssteuer zu erheben. Solange die öffentlichen Kassen leer sind, ist man in Indien auch im Kampf gegen die Kinderarbeit auf private Initiativen angewiesen. Eine solche hat der Ingenieur und Sozialaktivist Ramish, Angestellter der mächtigen TATA Firmengruppe gestartet. Regelmäßig unternimmt er seine Privat-Patrouillen, läuft durch Hotels, Restaurants, Werkstätten und hält Ausschau nach Kinderarbeitern. Wenn er ein Kind findet, das illegal beschäftigt wird, informiert Ramish die MV Foundation. Mehrere Kinder wurden so schon aus der Zwangsarbeit befreit. Kollegen in seiner Firma hat der Inder motiviert, es ihm gleichzutun. Ganz ungefährlich allerdings ist dieses Engagement nicht.

" Einer der Arbeitgeber hat mich, offen gestanden, auch mal geschlagen. Nur dafür, dass ich nach dem Kind gefragt habe und ihn aufgefordert habe, es frei zu lassen. Danach musste ich meine Arbeitsweise etwas verändern. Ich versuche erst, die Verantwortlichen zu überzeugen, wenn sie nicht auf mich hören, informiere ich die Behörden. Und dann gehe ich zusammen mit anderen wieder hin. Nicht als Einzelner, das funktioniert nicht. "


Einzelkämpfer, das wollen auch die Aktivisten der MV Foundation nicht bleiben. Zusammen mit ihren Partnern, der deutschen Welthungerhilfe, HIVOS aus den Niederlanden und Concern aus Irland hat die indische Organisation eine groß angelegte Kampagne gestartet, unter dem Motto: "Stoppt Kinderarbeit - Schule ist der beste Arbeitsplatz."

Viel Beachtung fand eine internationale Konferenz, zu der die Unterstützer der Kampagne in Hyderabad zusammenkamen. Auf dem weitläufigen Gelände einer Tempel- und Parkanlage mitten in der Stadt gaben sich die Teilnehmer kämpferisch. Für Svami Agnivesh, einst selbst Unternehmer, und heute einer der geistigen Führer Indiens ist die Abschaffung der Kinderarbeit der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme.

" Wenn wir das erreichen, können wir die Arbeitslosigkeit bekämpfen, alle Formen von Unterernährung. Wir können auch die Geburtenrate reduzieren, wenn Mädchen gebildet sind, dann funktioniert Geburtenkontrolle. Das wäre ein Durchbruch im Teufelskreis der Armut, im Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Kinderarbeit. "

Doch trotz aller Übereinstimmung über das Ziel - Abschaffung der Kinderarbeit -, über den Weg dorthin, sind sich die internationalen Hilfsorganisationen keineswegs so einig, wie es in Hyderabad schien. So wird die indische MV Foundation oft kritisiert, weil sie keine Kompromisse eingehen will, sich für die komplette Abschaffung der Kinderarbeit einsetzt und keine abgemilderten Formen zulässt. Das sei unrealistisch, finden manche Vertreter von Nichtregierungsorganisationen.

Die Millionen von Kinder, die in Indien und anderswo auf der Welt zur Arbeit gezwungen werden, dürfte der Streit darüber, wie man ihnen am besten helfen kann, wohl kaum interessieren. Für sie ist wichtig, dass ihnen geholfen wird. So wie den Kindern von Balashray, einem Rehabilitationszentrum der Initiative Rugmark in Nordindien.

Alle Kinder, die heute hier herumtollen, lesen und schreiben lernen, Ball spielen und turnen mussten einst als Teppichknüpfer schuften. Sie hockten 12 bis 14 Stunden vor den Knüpfstühlen, in engen, stickigen Räumen. Viele wurden geschlagen, erhielten kaum etwas zu essen und meistens keinen Lohn. Zu ihnen gehörte auch Deepak Kumar Singh, heute 16 Jahre alt. Als die Inspektoren von Rugmark kamen, ihn aus der Zwangsarbeit befreiten und nach Balashray brachten, begann für den Jungen ein neues Leben.

" Als ich hierher kam, sah ich, dass es noch mehr Kinder gibt, so wie mich. Und ich war froh, dass ich nicht alleine war. Es ist schön, dass ich hier etwas lernen kann. Mein Bruder bekam nie dazu die Gelegenheit. Das hier in Balashray, das ist schon eher, was ich mir unter Kindsein vorgestellt habe. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk