Sonntag, 26. Juni 2022

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"Es gibt eben immer noch Werke von Komponisten, die man gar nicht kennt"

Eine Sonderausstellung am Berliner Holocaust-Denkmal widmet sich in Nazi-Deutschland verfemten Komponisten. Neben Kurt Weill und Arnold Schönberg werden auch unbekanntere Komponisten, wie Max Brod oder Walter Arlen porträtiert, sagt Kurator Albrecht Dümling.

Albrecht Dümling im Gespräch mit Michael Köhler | 25.01.2011

Michael Köhler: "Die Csárdásfürstin" und "Gräfin Mariza", sie sind vielleicht die bekanntesten Werke des ungarischen Operettenkomponisten Emmerich Kálmán, der als Imre Koppstein, Sohn eines jüdischen Getreidehändlers, geboren wurde. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland musste Kálmàn 1938 Wien verlassen, emigrierte über Paris in die USA, wo er weitere Werke schrieb. Viele jüdische Komponisten emigrierten damals, oder wurden verschleppt und ermordet.
Der Berliner Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas zeigt seit heute im Ausstellungspavillon am Holocaust-Denkmal eine Sonderausstellung. Sie widmet sich den in Nazi-Deutschland verfemten Komponisten unter dem Titel "Verdrängt – Vertrieben – Ermordet". Albrecht Dümling hat die Ausstellung eingerichtet. Ihn habe ich gefragt: Wen haben Sie aufgenommen, wer zählt dazu?

Albrecht Dümling: Ich habe eine Auswahl gemacht von Komponisten – es wurde natürlich eine größere Zahl von Komponisten verfolgt -, und zwar solche Komponisten jetzt vor allem dort porträtiert, die auch in unseren Gesprächskonzerten vorkommen. Das sind auch Komponisten, die man als Komponisten gar nicht so sehr wahrgenommen hat, zum Beispiel Max Brod, den man ja kennt als Freund und Biograf von Janácek und von Franz Kafka. Aber dass der auch Komponist gewesen ist, das wird in einem eigenen Konzert vorgestellt. Und ergänzend zu dieser Konzertreihe ist dann diese Ausstellung, die 20 Komponisten porträtiert, einige bekannte auch dabei wie Kurt Weill oder Arnold Schönberg oder Franz Schreker, aber eben auch einige, die man noch entdecken kann und die man eben dann auch in der Ausstellung und in den Konzerten entdecken kann.

Köhler: Sie sagen: Wer es sich wie Arnold Schönberg oder Eisler, Strawinsky, Rachmaninow oder Bruno Walter erlauben konnte, ging nach Pacific Palisades ins kalifornische Exil, ins Weimar am Pazifik, wo das andere Deutschland residierte. Sie sind künstlerisch-wissenschaftlicher Leiter von "musica reanimata" und Ihnen geht es also weniger um die großen klangvollen Namen, sondern eher auch um kleine, um unbekannte Komponisten?

Dümling: Ja. Die großen Namen wie Schönberg, wie Hindemith und Weill, die haben sich ja mittlerweile durchsetzen können. Wir stellen in unserer Reihe und jetzt auch in dieser Reihe dort am Holocaust-Mahnmal Komponisten vor, die man noch nicht so gut kennt, und der Idealfall ist, wenn man Komponisten noch leibhaftig dabei hat, und das ist der Fall bei Samuel Adler. Er ist als Zwölfjähriger dann geflohen, in die USA mit seinem Vater, der auch Komponist war. Und Samuel Adler kann im Juli dann selbst über seine Werke sprechen. Das ist natürlich ein Glücksfall, wenn bei diesen Gesprächskonzerten die Komponisten selbst zu Worte kommen.

Köhler: Bis vor Kurzem war mir vollkommen unbekannt die Dichterin und Sängerin Ilse Weber mit der Gitarre in Theresienstadt. Darum haben Sie sich es verdient gemacht. Also auch das, was beispielsweise unter Bedingungen von Konzentrationslagern an Kompositionen entstand?

Dümling: Das war sogar unser Ausgangspunkt der "musica reanimata". Der Ausgangspunkt war der Komponist Viktor Ulmann, der eben in dem Ghetto Theresienstadt unter den schlimmsten Bedingungen grandiose Musik geschrieben hat, Streichquartette, Chöre und auch die Oper "Der Kaiser von Atlantis oder der Tod dankt ab". Und dann haben wir uns mehr – und das sind also mehr Komponisten auch wie John Klein, auch andere Komponisten, die in Theresienstadt geschaffen haben und die dann in Auschwitz ermordet wurden -, aber wir haben uns dann mehr und mehr auch mit Komponisten beschäftigt, die noch überlebt haben, die ins Exil gegangen sind, die aber heute zum großen Teil auch nicht mehr leben.

Köhler: Kann man da wirklich noch Entdeckungen machen, oder ist das Gebiet nicht doch sehr gut erforscht? Wenn ich nur flüchtig mal gucke, die Publikationen zum Thema Drittes Reich und Musik. Die Forschungslage ist doch recht gut, oder?

Dümling: Die Forschungslage hat sich erstaunlich verbessert. Es war ja so, als wir angefangen haben, dass die Werke noch gar nicht gedruckt waren. Jetzt mittlerweile eben kümmern sich große Verlage auch um die Werke von Schulhoff und von Ulmann. Aber es gibt eben immer noch Werke von Komponisten, die man gar nicht kennt. Ich erwähnte ja Max Brod als Komponist, der bei uns fast nicht bekannt ist, oder auch eben Walter Arlen, der heute Abend im Radio zu hören ist. Und erstaunlicherweise: Wir dachten, irgendwann ist mal genug, dann gibt es nichts mehr, aber wir haben immer noch neue Komponisten. In dieser Konzertsaison machen wir am Konzerthaus auch ein Gesprächskonzert zu Franz Reizenstein, ein hochinteressanter Hindemith-Schüler, der dann in England gelehrt hat. Den werden die wenigsten kennen und das ist eine ganz hochrangige Musik. Es ist also erstaunlich, dass man immer noch was entdecken kann.

Köhler: ..., sagt Albrecht Dümling über die verfolgten verfemten Komponisten im Nazi-Reich.