Sonntag, 16. Januar 2022

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"Es gibt eine Menge zu entdecken"

In der Kinder- und Jugendliteratur führt der historische Roman ein Nischendasein. Dabei lässt sich Geschichte oft erst durch das Schicksal Einzelner verstehbar machen. Die Schriftstellerin Anne C. Voorhoeve hat sich inzwischen ganz der Gattung verschrieben. Als Kind las sie selber gern historische Romane – aus Faulheit.

Mit Ute Wegmann | 10.08.2013

"Besprochene Titel:"

Lilly unter den Linden, 380 Seiten, Taschenbuch, 6,95 Euro
Liverpool Street, 567 Seiten, Taschenbuch , 8,95 Euro
Einundzwanzigster Juli, 349 Seiten, 14,95 Euro
Unterland, 435 Seiten, 16,99 Euro
Nanking Road, 477 Seiten, 16,99 Euro

Ute Wegmann: Der historische Roman in der Kinder- und Jugendliteratur führt ein Nischendasein und dennoch hat er einen Platz auf dem Markt, der wichtig ist und den er nicht aufgeben darf. Herausragende Einzelbände wären hier zu nennen: Kirsten Boies "Alhambra", Katja Behrens "Der kleine Mausche aus Dessau", Klaus Kordons und Mirjam Presslers Werke, aber auch Gudrun Pausewang und Karin Bruder.

Politische Verwicklungen und Verwirrungen, Unruhen und Bürgerkriege – vieles kann man nur durch die Geschichte begreifen. Geschichte aber wird erst lebendig durch das Schicksal Einzelner. Und darum ist der historische Romane eine besonders wichtige Gattung für junge Leser. All diesen Schriftstellern ist es gelungen, Geschichte über Fakten hinaus zu beleben durch die meist fiktiven, lebendigen Protagonisten ihrer Romane.
Eine Schriftstellerin, die sich ganz dem historischen Roman verschrieben hat, ist Anne Voorhoeve. Sie studierte Politik, Amerikanistik und Alte Geschichte in Mainz, war Assistentin an der Universität in Maryland und später freie Lektorin. Sie ist heute mein Gast im Büchermarkt.

"Lilly unter den Linden", Anne Voorhoeve, – zuerst ein Drehbuch, dann 2002 verfilmt, erschien 2004 als Roman. Ihr erster historischer Roman, dem weitere folgen werden.
Welche Wichtigkeit hat Ihrer Meinung nach der historische Roman für Jugendliche und was muss ein Autor heute dafür tun, damit diese Art Roman von Jugendlichen gelesen wird?

Anne Voorhoeve: Also der historische Roman ist meiner Meinung nach eine Gattung, zu der Jugendliche nicht freiwillig greifen. Wenn ich zu Lesungen komme, ist das meistens in Schulen, eine Klasse, die dazu verdonnert wird, und das Einzige, was ich versuchen kann, ist diese Jugendlichen in den eineinhalb Stunden Lesung dafür zu begeistern, tatsächlich etwas in einem historischen Roman zu entdecken, was sie nicht erwartet haben. Das gelingt bei den einen, bei anderen nicht. Ich finde, es gibt eine Menge zu entdecken. Unter anderem sind meine Erzählfiguren deshalb Jugendliche, weil sie einen unvoreingenommen Blick auf die Geschichte haben, durchaus einen naiven Blick, aber dadurch kann man auch mit Humor erzählen und noch mal andere Aspekte zum Vorschein bringen. Zum Beispiel, dass diese Jugendlichen, ganz egal welchen historischen Hintergrund sie haben, dass sie ihr Leben weiterführen. Die Haltung , die ich bei vielen sehe, auch bei Erwachsenen – Geschichte geht uns nichts an! -, diese Haltung würde die Figuren in den Büchern nicht weiterbringen, denn sie müssen sich auseinandersetzen. Lilly muss sich mit der deutschen Teilung auseinandersetzen, obwohl sie das bis zu einem gewissen Zeitpunkt überhaupt nicht interessiert hat.

Wegmann: Nun haben Sie gesagt, Sie gehen in Schulen, und versuchen dort, diese schwierige Gattung Historischer Roman den jungen Menschen näher zu bringen. Wie kamen Sie denn selber zum historischen Roman? Hat das etwas mit Ihrem Studium zu tun oder gibt es jemanden unter den zuvor von mir Genannten, bei dem Sie sagen würden : Der war ein Stück weit mein Vorbild, an dem ich mich orientiert habe?

Voorhoeve: Also ich habe historische Romane in einem bestimmten Alter sehr gerne gelesen. Ich wollte gerne etwas lernen, ohne dass es mir viel Mühe machte. Ich bin persönlich ziemlich faul, und wenn mir Fakten in einem Buch auf diese Weise dargeboten werden und ich muss nicht viel dafür tun, dann ist mir das Recht. Ich habe mit 14 und 15 Jahren sehr viel gelesen zum Thema Zweiter Weltkrieg, das hat mich fasziniert. Das ist bestimmt ein Grund, warum ich heute solche Bücher schreibe. Man schreibt ja selber immer das, was man auch lesen möchte. Über den Nationalsozialismus wollte ich eigentlich gar nicht mehr schreiben, weil ich dachte, da ist ja alles gesagt. Aber dann stieß ich immer wieder auf Themen, wie zum Beispiel den jüdischen Kindertransport oder das letzte Kapitel der Stauffenberg-Geschichte, die Sippenhaft. Was geschah eigentlich nach dem 20. Juli. Dass ich immer wieder auf Themen stieß, die noch nicht erzählt sind, das war mein Hintergrund, noch mal andere Aspekte hervorzuheben.

Wegmann: Bevor wir gleich noch mal zurückkommen zum Nationalsozialismus würde ich gern einen Schritt zurückgehen. Sie haben "Lilly unter den Linden" erwähnt. "Lilly unter den Linden" ist ein Roman über eine Flucht in den Osten Deutschlands, im Jahr 1988. Die 13-jährige Lilly zieht nach dem Tod der Mutter zu ihrer Tante in die ehemalige DDR, flieht heimlich über Ostberlin und bringt mit dieser Aktion die Familie im Osten in Bedrängnis. Aus der Perspektive des Mädchens erfährt der Leser viel über das Leben mit all seinen Fürs und Widers und seinen Einschränkungen in der DDR. Das Thema Familie und Zusammenhalt, der stärker ist als alles andere, war Ihnen - wie in vielen anderen Romanen auch - sehr wichtig?

Voorhoeve: Ja, Familie ist immer mein Thema. Was kann Familie sein? In meinen Büchern finden die Kinder oft zu einer nicht-leiblichen Familie. Das ist viellicht meine größte Angst als Kind gewesen, meine Familie zu verlieren. Ich weiß, dass die meisten Autoren darüber schreiben, wovon sie etwas verstehen. Das hat mich nie besonders gereizt. Ich wollte mich gern in Situationen versetzen, die ich nicht kenne , und dazu gehört auch, die Familie zu verlieren und trotzdem weiterzuleben und glücklich zu werden. Wie ist das möglich?

Wegmann: Damit führen Sie schon direkt zum nächsten Roman: Im Jahr 2007 erscheint "Liverpool Street", die Geschichte der 11jährigen Ziska, die mit einem Kindertransport nach England geschickt wird, die Eltern und die beste Freundin in Berlin zurücklassen muss. Ein Jahr später – 2008 erscheint "Einundzwanzigster Juli" – basierend auf den realen Fakten des Hitler-Attentats. Hier wird die Erzählerin, Mitglied der Hitlerjugend, zum ersten Mal mit Kritik am Führer und dem darauf folgenden Attentat konfrontiert. Ihre Tante, Pilotin unter Hitler, war offenbar an dem Anschlag beteiligt. Für das System arbeiten und gleichzeitig dagegen kämpfen, geht das? Gibt es so etwas wie "richtigen Verrat"?, sind die Fragen, die das Mädchen beschäftigen.

Auch der Roman "Unterland" aus dem Jahr 2011 folgt historischen Fakten. 1000 britische Bomber zerstörten am 18. April 1945 Helgoland. In diesem Roman verknüpfen Sie beschwerliche Nachkriegssorgen der Flüchtlinge, die in Hamburg ums Überleben kämpfen, mit normalen Alltagssorgen: Eifersucht, erste Liebe, Rachegelüste.

Der neue Roman heißt "Nanking Road". Es ist - ich nenne es jetzt einmal so - eine Fortschreibung, oder ein Plan B des Romans Liverpool Street. Das bedeutet das gleiche Personal, die gleiche Ausgangssituation, allerdings kann die jüdische Familie 1938 wie ursprünglich geplant, gemeinsam nach Shanghai auswandern.
Nun haben Sie bereits gesagt, dass das Dritte reich , der Zweite Weltkrieg Sie sehr interessierten, Was ist das so ganz genau, was sie an dem Thema fasziniert?

Voorhoeve: Ich glaube, die Ausnahmesituation, in der sich die Menschen befanden und zu der sie sich verhalten mussten. Ich glaube, diese Zeit hat in den einen Menschen das Beste hervorgebracht, die haben Dinge erreicht, die sie unter normalen Umständen nie hätten tun müssen, andere Menschen sind zu Tätern geworden. Warum? Diese Frage ist für einen Autor wirklich reizvoll, und dann kann man das an verschiedenen Begebenheiten festmachen. Und was mich auch interessiert hat, in den letzten Romanen "Liverpool Street", "Unterland" und "Nanking" Road ist die Geschichte der Flüchtlinge. Das Mädchen Ziska, zuvor herumgeschubst, kommt in England in eine liebevolle Familie und blüht dort auf, einzig dadurch, dass sie wieder als Mensch behandelt wird. Diesselbe Familie kommt jetzt in "Nanking Road" zusammen in Shanghai an und sie werden mit einer unvorstellbaren Armut konfrontiert, erleben aber auch eine unvorstellbare Solidarität von der jüdischen Gemeinde Shanghais.

Sie haben alles getan, um so viele Juden wie möglich aufzunehmen- 18.000 Juden sind so gerettet worden, völlig unbürokratisch, sie brauchten nur eine Schiffspassage. In Shanghai wurde alles Mögliche auf die Beine gestellt, um diesen Menschen zu helfen. Jüdische reiche Familien gaben enorme Teile ihres Vermögens , um Flüchtlingsheime und Schulen zu gründen. Das war mir wichtig: Diese Flüchtlinge konnten nur überleben, weil andere ihnen geholfen haben. Das rein Existenzielle, mehr war es nicht. Für mich sind große Parallelen zur heutigen Zeit, wie wir heute mit Flüchtlingen umgehen. Was ist heute?

Wegmann: Das hat eine große Aktualität, wenn man es auf Heute bezieht.
Es gibt aber auch so ein ganz menschliches Miteinander in den Romanen, unabhängig von der politischen Situation, nämlich die Mädchenfreundschaft. Die Mädchenfreundschaft, die in "Liverpool Street" sehr wichtig ist, weil Ziska ihre beste Freundin zurücklässt. In "Nanking Road" wird sich das anders entwickeln .
Es ist ungewöhnlich, Thema, Personal, die Ausgangssituation erneut aufgreifen und trotzdem hat es mich nicht gewundert. Ich hatte den Eindruck, dass Sie selber das Ende Ihrer 2007 geschriebenen Geschichte , das unglückliche Ende der Mädchenfreundschaft nicht akzeptieren wollten. Ist das richtig?

Voorhoeve: Ich würde es für "Liverpool Street" wieder so machen. Das ist ein stimmiges Ende. Der Verlust von ganz vielen Menschen, am Schluss werden nur Namen genannt, der Leser kennt die Geschichten, die sich hinter den Namen verbergen.
Ich hab nie daran gedacht durch "Nanking Road", "Liverpool Street" noch mal neu zu schreiben, was mich aber immer interessiert hat, war die Geschichte der Juden in Shanghai. Ich wollte nicht noch mal eine jüdische Familie erfinden. Und dann kam mir die Idee, die zu nehmen, die ich schon hatte. Es ist ja nur eine kleine Schicksalswende, die die Ausreise in "Liverpool Street" verhindert. Wäre ein bestimmter Satz nicht gesagt worden, dann hätte das für so viele Menschen Auswirkungen gehabt. Ich musste das dann schreiben.

Wegmann: Anne Voorhoeve, Schriftstellerin aus Berlin, ist heute Gast im Büchermarkt.
Ihre Romane zeichnen sich aus durch akribische, sehr detaillierte Beschreibungen, sowohl der Orte hier das Leben in England und in Shanghai, als auch der Rituale. Die Romane werden so zu Zeitdokumenten und es gelingt leicht, in die uns fremden Welten einzutauchen. Wie recherchieren Sie?

Voorhoeve: Ganz einfach. Ich lese erst mal alles, was ich zu einem Thema finde, schau mir Filme an, dann kristallisiert sich eine Geschichte und dann versuche ich, Zeitzeugen zu finden, denen ich Kapitel der Geschichte schicke. Bei "Unterland" hatte ich das große Glück, dass ich mit der Schwester von James Krüss arbeiten konnte, die auch durch ihre Erzählungen, den Inhalt des Buches mitbestimmt hat. Mit Zeitzeugen sollte man versuchen in Kontakt zu kommen, solange das noch möglich ist.

Wegmann: James Krüss ist auf Helgoland geboren, hat dort gelebt und auch eine Zeitung herausgegeben.

Voorhoeve: Ja, genau! Als die Helgoländer nach dem Krieg auf ganz Deutschland verstreut waren, hat er eine Zeitung, das Mittelungsblatt für die Helgoländer herausgegeben. Diese Zeitung war ein Bindeglied, das sie zusammen gehalten hat, als es nachher darum ging, darum zu kämpfen, auf die Insel zurückzukehren.

Wegmann: Kommen wir noch mal zurück zur jüdischen Geschichte. Beide Romane um die jüdische Familie Mangold greifen die gleichen Themen auf: Auseinandersetzung mit Religion und der Existenz Gottes vor dem Hintergrund der Judenverfolgung, Trennung von geliebten Freunden oder der Familie, Neubeginn in einem fremden Land und Schuldgefühle gegenüber denen, die nicht gerettet sind. Dennoch steht für mich ein anderes Thema über allen: Ein Plädoyer für Familie und für die Liebe.

Voorhoeve: Das kann man schon so stehen lassen.

Ich bitte Sie, einen Auszug aus "Nangking Road" zu lesen.
Anne Voorhoeve: LESUNG: S. 156f

Wegmann: Das war die Schriftstellerin Anne Voorhoeve mit einem kurzen Auszug aus Ihrem neuen Roman Nanking Road.

Die Romane umfassen eine Zeitspanne von 1938 – 1948, aber schon früh wirkt Ziska, die ja zu Beginn 10-11 Jahre alt ist, sehr erwachsen. Hatten Sie keine Bedenken, Ihrer jungen Ich-Erzählerin so viele Weisheiten und strategische, lebenskluge Überlegungen in den Mund zu legen?

Voorhoeve: Das ist immer eine Abwägung. Wir haben es so gelöst, dass es in beiden Büchern einen Epilog gibt , aus dem hervorgeht, dass Ziska ihre Geschichte als Erwachsene erzählt. So konnte man mehr einfließen lassen und hatte eine größere Freiheit. Wenn man das reduziert auf die Perspektive einer Zehnjährigen, kann man vieles nicht erzählen. Das wäre schade für das Buch.

Wegmann: Jetzt haben Sie wir gesagt.

Voorhoeve: Ja, WIR. Das ist meine Lektorin und ich. Ich arbeite seit meinem ersten Buch sehr eng zusammen mit einer duften Lektorin Petra Deistler-Kaufmann. Und bei Ziska muss man sagen, sie ist Ziskas zweite Mutter. Wir machen das eng zusammen. Ich schicke ihr Teile des Manuskripts, sie liest das und ist immer sehr unterstützend und motivierend – Sie ist während des Schreibens überzeugter von der Sache als ich. Ich gehöre zu den Menschen, deren Zweitberuf Selbstzweifel ist. Ich brauche jemanden, der mich unterstützt, sonst wird das nichts.

Wegmann: Kurz zum Titel: Nanking Road. Das ist eine Einkaufsstraße in Shanghai, die Trennlinie sozusagen zwischen dem Flüchtlings-Ghetto und der japanisch besetzten Zone. Wir kennen Nanking vor allem als Ort des Grauens, weil dort 1937 von den Japanern ein schreckliches Massaker an der chinesischen Zivilbevölkerung verübt wurde. Man spricht von 200.000 Toten. Brutal gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Viele Jahre fand das Massaker keine Erwähnung, immer noch sind Details unklar, aber sicherlich kann man sagen, dass die Geschehnisse mit den Judenverfolgungen, die sich zur gleichen Zeit in Europa ereigneten, vergleichbar ist bezüglich Brutalität und Unmenschlichkeit. Welche Rolle spielt der Titel Ihres Romans in diesem Zusammenhang?

Voorhoeve: Ich bin froh, dass sie das erwähnen. Es hat tatsächlich diese doppelte Bedeutung. Ziska und ihre Familie erleben den Rassismus der Japaner gegen die Chinesen, sie erleben aber auf der Nanking Road, wie dort in Shanghai viele Nationen friedlich und selbstverständlich zusammenleben und sich auf der Straße mischen. Ich mache das gerne, dass ich meine Bücher nach bestimmten Wendepunkten oder wichtigen Orten benenne. Das ist symbolisch. Liverpool Street, war der Bahnhof, wo die jüdischen Kinder ankamen, mit dem Kindertransport. Und hier ist es die große Grausamkeit, die sich mit dem Namen Nanking verbindet, als auch das friedliche Miteinander auf einer bestimmte Straße in Shanghai.

Wegmann: Es gibt ja sehr viel Zeitgeschehen, das Asien betrifft. War Ihnen das wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht nur in Europa diese Grausamkeiten verübt wurden, sondern tatsächlich weltweit, bis nach Asien.

Voorhoeve: Das ist ein Aspekt, der nicht in Vergessenheit geraten sollte: Es war ein Weltkrieg. In Deutschland neigen wir natürlich dazu, angesichts der Gräuel, die sich bei uns ereignet haben, das zu verkleinern auf unser Land. E s ist aber hilfreich, wenn man da mal den Blick erweitert. Und das mantrartige 'Nie wieder!' wage ich nicht mehr in den Mund zu nehmen. Wir schwenken unser Fähnchen, unsere deutsche Geschichte, auf die wir aufpassen und haben andere Geschichten nicht mehr im Blick. Passt das überhaupt noch, dieses 'Nie Wieder'?

Wegmann: Und wir haben es ja gerade auch bei uns erleben müssen, wo jetzt Prozesse gegen Rechtsradikale stattfinden. Ich habe mich dann auch gefragt, Anne Voorhoeve, ist der zweite Roman Ihr Weg, gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals anzuschreiben?

Voorhoeve: Das ist ne richtig gute Frage. Die Frage, was wäre wenn - durchzieht ja das ganze Buch. Kleine Episoden, wo Ziska sich fragt, was wäre gewesen, wenn man meinen Vater nicht entlassen hätte aus dem KZ. Eine spannende Lebensfrage. Über die jeder von uns nachdenken kann. Man spielt als Autor natürlich ein bisschen Gott. Ich habe in "Liverpool Street" Menschen sterben lassen, die in "Nanking Road" nicht sterben müssen. Andere sterben trotzdem. Man muss diese schweren Entscheidungen treffen, das ist kein angenehmes Gefühl. Ich hatte mir das nicht so vorgestellt, dass das mit so einer großen Verantwortung einhergeht. Und auch etwas Anmaßendes hat. Es war keine reine Freude, Schicksal zu spielen.

Wegmann: Können Sie sich einen dritten Roman vorstellen, in dem die Mädchen in Berlin zusammenbleiben?

Voorhoeve: Vielleicht denke ich in fünf Jahren darüber nach.

Wegmann: Gibt es für Sie die Möglichkeit, vom historischen Roman wegzugehen und etwas rein Fiktives zu schreiben?

Voorhoeve: Ja, schon. Also ich habe jetzt vier Romane über den Nationalsozialismus geschrieben. Davon gehe ich jetzt mal weg. Allmählich geht mir das Vokabular für die Bombenangriffe aus .

Wegmann: Was wird das nächste Thema?

Voorhoeve: Es hat mit einer Sinti-Familie zu tun und mit ganz viel Schnee und es beruht auf einer wahren Geschichte aus den 70er Jahren. Mehr verrate ich noch nicht.

Wegmann: Anne Voorhoeve, ganz herzlichen Dank für das Gespräch .Das war der Büchermarkt mit Literatur für junge Leser, Gast im Studio war heute die Berliner Schriftstellerin Anne Voorhoeve.

Wir sprachen über:
Lilly unter den Linden, 380 Seiten, Taschenbuch, 6,95 Euro
Liverpool Street, 567 Seiten, Taschenbuch , 8,95 Euro
Einundzwanzigster Juli, 349 Seiten, 14,95 Euro
Unterland, 435 Seiten, 16,99 Euro
Nanking Road, 477 Seiten, 16,99 Euro

Alle Romane sind für junge Menschen ab 12 Jahre und erschienen im Ravensburger Buchverlag. Einige sind auch schon als Taschenbuch erhältlich.