Dienstag, 24. Mai 2022

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Es ist ein Klon!

Am 5. Juli 1996, kam in einem Stall in Schottland ein Schaf zur Welt. Es wurde zum bekanntesten Bewohner Schottlands und beschäftigt bis heute nicht nur Wissenschaftler. Während die Fotografen noch das verdutzte Lamm umringten, druckte ein deutsches Nachrichtenmagazin bereits eine Armee von Hitlerklonen auf seine Titelseite. "Wird der Mensch durch das Klonen zur Massenware?" fragten sich die Kommentatoren.

Von Michael Lange | 02.07.2006

Schneider: " Das Schaf Dolly ist zu einer Ikone dieser Klonforschung geworden."

Niemann: " Das ist ein Markstein der Wissenschaft. Und ich denke: Zusammen mit den wenige Jahre später beschriebenen humanen Stammzellen hat das die Biologie in dramatischer Weise verändert."

Schneider: " Auf dem Spiegel-Titel stolzierten damals Marilyn Monroe, Adolf Hitler und Albert Einstein soldatisch durch die Gegend. Und man hatte die Einstellung: Man wird jetzt Heere von Intelligenzbestien züchten. Man wird das Böse multiplizieren und auch die Schönheit ... unsterblich machen."

Neues aus der Klonküche.
Mit Klonkoch Walter Schmitz-Schurke.


" Hallo! Herzlich willkommen in der Klonküche. Danke. Dankeschön.

Heute können Sie bei uns etwas ganz besonderes lernen: Klonen a la Dolly. Der Klassiker der Klonküche. Und wie immer gilt: Sie können alles, was wir hier vormachen, zu Hause selbst nachkochen.

Zunächst die Vorarbeiten. Ganz klar: Eizellen entkernen. Alle Chromosomen müssen raus aus der Schafs-Eizelle. Weg mit dem Zellkern. Meine reizende Assistentin Jessica hat gleich einmal ein Dutzend Eizellen vorbereitet.

Danke Jessica. Und jetzt muss nur noch neues Erbgut in die Eizelle. Da reicht eine ganz normale Körperzelle - vom Schaf, natürlich. Eine Hautzelle vielleicht. Wie das geht? Das erfahren Sie gleich - nach der Werbung. "

Als Dolly entstand war es ruhig im Roslin-Institut, wie fast überall in Schottland. Der Laborant Bill Richie arbeitete allein in dem kleinen Laborraum. Er spritzte Zellkerne aus einem Schafseuter in entkernte Eizellen - ebenfalls von Schafen.

" In diesem Labor wurde Dolly gemacht. Natürlich auch andere Klone. Aber Dolly ist der Berühmteste. Mit diesem Mikromanipulator haben wir Dolly aus altem Erbmaterial neu geschaffen, wenn Sie so wollen."

Der Mikromanipulator sieht aus wie ein großes Mikroskop. Bill Richie schaut durch das Okular. Seine Finger drehen vorsichtig an zwei Rädchen. Damit bewegt er winzige Nadeln, Spritzen und Saugpipetten.


" Es ist so etwas wie ein Spiel. Man braucht viel Konzentration dazu. Es gibt so viele Dinge, die schief gehen können. Ich bin immer wieder überrascht, dass aus einem winzigen Zellkern, den wir so grob behandeln, neues Leben entstehen kann. In dieser kleinen Kugel unter dem Mikroskop steckt genug Information, um ein Tier aus altem Erbmaterial wieder zu erschaffen."

Dolly hat drei Mütter. Eine spendete die Eizelle.

Die zweite lieferte das Erbmaterial. Es stammte aus Gewebezellen ihres Euters. Die Forscher hatten das Euter aus dem Schlachthof besorgt. Als Dolly geschaffen wurde, war diese genetische Mutter bereits tot.
Mutter Nummer drei ist die Leihmutter. Sie hat das geklonte Lamm ausgetragen und zur Welt gebracht. Am 5. Juli 1996, das war vor zehn Jahren.

" Das war wirklich ein echter Sprung in der Wissenschaft. Ich würde sogar sagen: Da ist ein Dogma der Biologie gefallen."

Heiner Niemann forscht seitdem auf den Spuren Dollys. Seine Forschergruppe am Institut für Tierzucht und Tierverhalten gehört zur Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft. In dem kleinen Dorf Mariensee bei Hannover klont das Team um Heiner Niemann Rinder und Schweine.

" Bis dahin galt, dass eine Zelle, die einmal einen gewissen Entwicklungsweg genommen hat, zur Leberzelle, zur Gehirnzelle oder zur Hautzelle, dass eine solche Zelle endgültig differenziert ist und daher nicht mehr in den Zustand der Pluripotenz oder Totipotenz, des Alleskönnens, zurückprogrammiert werden kann. Und das ist mit Dolly nachgewiesen worden, dass das eben doch passieren kann. Und inzwischen haben wir in der Biologie eine überaus große Flexibilität feststellen können, die vorher undenkbar war."

Als die Fachwelt einige Monate später aus der Wissenschaftszeitschrift Nature von Dolly erfuhr, war es vorbei mit der Ruhe im Roslin-Institut. Der Vorhang öffnete sich im Klontheater. Die Fotografen drängten sich im Tierstall, und die Wissenschaftler gaben ein Interview nach dem anderen. Genau wie das Schaf - waren sie zu Stars geworden.

Neues aus der Klonküche.

" Und weiter geht's. Klonen a la Dolly. Altes Erbmaterial in junge Eizellen heißt die Devise.

Das Erbmaterial holen Sie sich einfach vom Schlachthof. Das liegt dort herum - als Schlachtabfall. In jeder Zelle steckt schließlich ein vollständiges Erbgut. Und wir machen daraus, schwuppdiwupp, ein neues Lebewesen.

Zugegeben vorher müssen Sie noch ein paar Kniffe beachten. Die Zellen müssen sich in einer Zellkultur vermehren. Genau im richtigen Moment holen Sie dann den Zellkern mit dem Erbmaterial heraus.

Jessica hat das für uns gemacht. Und hier ist sie! Mit frischen Zellkernen aus der Zellkultur.

Danke, Jessica. Ja, und jetzt. Ganz vorsichtig. Diese Zellkerne in die vorher entkernten Eizellen hinein spritzen. Sehen Sie genau hin. So wird das gemacht. Und fertig ist der Klon. "

Wenn Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht und Tierverhalten in den Stall gehen will, gleich gegenüber vom Laborgebäude, dann muss er zunächst Plastikhüllen über die Schuhe streifen.


Es ist Sommer. Die meisten Rinder sind draußen auf der Weide. Aber hinter einer der Stalltüren begrüßt ihn ein wenige Wochen altes Kalb mit einem weißen Fellstreifen rund um den gesamten Körper.

" Das ist ein Lakenfelder. Der hat diese weiße Bauchbinde. Das ist unser jüngstes Klonprodukt. Ein junger Bulle, der sehr munter ist. Das ist ein Klon, der ist aus Zellen eines Lakenfelder Bullen gemacht worden und von einer Schwarzbunten hier aus unserem Bestand ausgetragen worden."

Das kleine Lakenfelder Rind wird nie zur Berühmtheit werden. Längst gibt es hunderte geklonte Nutztiere. Und nur weil Heiner Niemann die Technik kennt und beherrscht, ist er noch lange kein Star der Wissenschaft - so wie sein Kollege Ian Wilmut vom Roslin Institut.

" Bevor Dolly geboren wurde glaubten wir, dass die Spezialisierung von Zellen im Organismus ein hochkomplexer Prozess ist. Alles ist genau fest gelegt. So etwas lässt sich nicht umdrehen."

Ian Wilmut ist einer der Väter des Klonschafes Dolly. Als Leiter der Arbeitsgruppe für Embryologie am schottischen Roslin-Institut war er der Erstautor der entscheidenden Veröffentlichung in der Wissenschaftszeitschrift Nature im Februar 1997. Sein Name stand oben auf der Liste der Väter.

Die Klonmethode, die zum Erfolg führte, wurde allerdings im wesentlichen von seinem Kollegen Keith Campbell entwickelt. Das ist keine neue Erkenntnis. In dem Buch "Dolly", an dem beide Väter beteiligt waren, steht:

Der Erfolg war einer entscheidenden Erkenntnis von Keith Campbell zu verdanken. Ian Wilmut hat das Projekt geplant und geleitet und ist damit unverzichtbarer Teil der Geschichte.

Später erklärte Ian Wilmut: Zu 60 Prozent sei der Erfolg Keith Campbell zu verdanken. Dass Wilmut in der Veröffentlichung vorne stehe, sei das Ergebnis einer internen Absprache gewesen.

Keith Campbell war - so lautete damals die Absprache - Erstautor eines vorhergehenden Klonberichts. Darin beschrieb er erstmals die Klonmethode. Sie führte zu den Schafen Megan und Morag, ein Jahr vor Dolly wurden sie aus Embryonen geklont. Die Forscher hatten die Uhr des Lebens damit erstmals zurückgedreht - wenn auch nur um einige Tage. Für die Wissenschaft war das der Durchbruch. Die Methode stand der Fachwelt zur Verfügung.

Was folgte - mit Dolly - war dann vor allem eine große Show für die Weltbühne. Ein Säugetier - geklont aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres. Damit war klar: Die Lebensuhr ließ sich auch um viele Jahre zurückdrehen.

Nun stand Ian Wilmut vorne auf der Bühne. Das Klontheater konnte beginnen.

" Das bringt viel Gutes mit sich, aber auch eine Menge Arbeit. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Ich glaube, wenn ich in fünfzig Jahren zurückschauen könnte, würde ich immer noch stolz sein, auf das, was wir geleistet haben. Denn es hat der Welt mehr Nutzen gebracht als Schaden."

Aber Wilmuts Ruhm blieb nicht unumstritten. Weitere Väter - seine damaligen Mitarbeiter Prim Singh und Bill Richie - haben vor Gericht Anklage gegen ihren ehemaligen Chef erhoben. Sie fühlen sich von Wilmut übergangen. Ein Vaterschaftsstreit mit handfestem Hintergrund.

" In diesem Streit geht es nicht nur um wissenschaftlichen Ruhm. Es geht inzwischen auch um Verwertung und kommerzielle Anwendung."

Ingrid Schneider arbeitet am Forschungsschwerpunkt "Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt" der Universität Hamburg. Kurz: BIOGUM. Seit Jahren beobachtet die Politologin das Umfeld und die gesellschaftlichen Zusammenhänge rund um das Klonen.

Dabei spielen auch Patente eine wichtige Rolle. Die Dolly-Patente befinden sich mittlerweile in der Hand verschiedener Biotechnologie-Unternehmen. Besonders aktiv beim Patenthandel war die kalifornische Firma Geron. Sie arbeitet an der Entwicklung von Stammzellen-Therapien.

" Patente sind ein Faustpfand, das man in der Hand haben möchte, um sich die exklusiven Rechte über die Anwendung zu sichern. Das heißt: Einmal gibt es den wissenschaftlichen Wettlauf. Der wird aber noch verstärkt durch den Wettlauf um Patentrechte. Wer als erster beim Patentamt ist kriegt den Zuschlag und alle anderen gehen leer aus."

Geld verdienen lässt sich mit den Klon-Patenten noch nicht. Eine Firma aus Texas bietet zwar bereits geklonte Katzen an, auch ins Klonen von Rennpferden wird kräftig investiert, doch der kommerzielle Erfolg steht noch aus. Und wer Forschung betreibt, darf die Dolly-Technik anwenden, ohne Lizenzgebühren zu zahlen. Solange keine kommerzielle Absicht vorliegt, bleibt das Klonen gratis. Das gilt für Heiner Niemann und sein Team und die meisten Wissenschaftler an öffentlich geförderten Tierzucht-Instituten.

Dort haben die Forscher inzwischen mehr als zehn Säugetierspezies geklont. Sie haben die Methode Schritt für Schritt verbessert. Viele tausend Tierembryonen haben sie dabei erzeugt und verbraucht.

In Mariensee - am Institut für Tierzucht und Tierverhalten der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft - klont die Arbeitsgruppe um Heiner Niemann Rinder und Schweine, fast wie am Fließband.

" Wenn wir ein Schweineklonprogramm mit genetisch veränderten Zellen haben, dann funktioniert das routinemäßig. Da weiß jeder, was er zu tun hat. Da gibt es Leute, die entfernen das chromosomale Material der Empfängereizellen, andere isolieren die Empfängerzellen, wieder andere packen das Erbmaterial in die Eizellen hinein und andere fusionieren die Zellen. Das geht sehr routiniert und standardisiert inzwischen. Anders kann man das auch nicht schaffen. Und das geht auf einem Level der ist erstaunlich effizient."

Geübte Forschergruppen brauchen heute nicht mehr etwa 300 Eizellen, wie noch bei Dolly, sondern sie kommen mit ein paar Dutzend aus, um einmal zu klonen. Fehlgeburten oder Tiere mit Geburtsfehlern kommen immer noch vor.
Die meisten Schweine-Embryonen jedoch, die in ein Mutterschwein verpflanzt werden, kommen heutzutage gesund zur Welt. Dennoch ist das Klonen nach wie vor keine Technik für jedermann.

" Es gibt nicht viele Gruppen, die das Klonen beherrschen bis zur Geburt eines geklonten Tieres ... Da ist ein Schwerpunkt in Japan. Da beginnt auch etwas in China offenbar. In den USA gibt es ein paar Gruppen, in England, Frankreich, Italien. Wir sind in Deutschland zwei Gruppen: München und wir. Sonst ist das in Europa weitgehend alles.... Das ist schon überschaubar, was sich in dem Feld bewegt."

In der kommerziellen Tierzucht konnte sich das Klonen bisher nicht durchsetzen. Besamung ja. Klonen nein. Die Klontechnik ist den Tierzüchtern zu aufwendig und immer noch zu riskant.

Schließlich gibt es immer noch rätselhafte Gesundheitsprobleme bei geklonten Tieren. Ob Dollys früher Tod im Alter von nur sechs Jahren mit ihrer Entstehung als Klon zusammenhängt? Darüber wird immer noch diskutiert. Die Vorteile der Klontechnik zeigen sich dann, wenn es darum geht, gentechnisch veränderte Nutztiere zu züchten.

" Wenn Sie eine solche genetisch veränderte Zelle im Klonprozess einsetzen, dann können Sie sicher sein: Da kommt auch zu hundert Prozent ein transgenes Tier heraus. Vorher waren das nur ein bis drei Prozent, also von hundert nur ein, zwei oder drei Tiere. Das ist natürlich ein gewaltiger Fortschritt, und damit können wir die Arbeiten in dem Bereich gewaltig puschen und nach vorne bringen. Das zweite ist, dass Sie die Qualität erheblich verbessern können. Sie haben die Möglichkeit, Gene nicht nur nach dem Zufallsprinzip in die Zelle einzubringen, sondern auch ganz gezielt Gene auszuschlachten und Gene hinzuzufügen. Das ist eine neue Dimension in der Großtierforschung, die ohne das Klonen nicht möglich gewesen wäre."

Heiner Niemann züchtet genetisch veränderte Schweine. Sie sollen irgendwann als Organspender für die Transplantationsmedizin zur Verfügung stehen. Die Idee: Eine Genveränderung maskiert die Schweinezellen. Sie werden vom Immunsystem des Menschen nicht mehr als fremd erkannt und deshalb nicht abgestoßen. Solche vermenschlichten Schweineorgane könnten Leben retten. In der Forschung wird dieser Plan seit vielen Jahren verfolgt. Ob er jemals medizinische Realität wird, ist offen.

Neues aus der Klonküche.

" Dankeschön. Diesmal können Sie sich auf etwas ganz besonderes freuen, meine Damen und Herren. Wir klonen Menschen.

Denken Sie mal nach! Wie schön wäre das Leben, wenn auch die anderen so zuverlässig und freundlich wären wie Sie und ich. Und wenn unsere lieben Mitmenschen dem nicht entsprechen, dann müssen wir uns halt welche klonen. Ganz einfach.

Die Zutaten, die Sie brauchen, sind genau die gleichen, wie beim Schafeklonen. Um an Spenderzellen zu kommen, nehmen Sie einfach ein Wattestäbchen und tupfen damit ein wenig im Mund herum. Am besten an der Innenseite der Wange.

Schon kleben Schleimhautzellen mit eigenem Erbgut am Wattestäbchen. Das Erbmaterial - wie gehabt - in die zuvor entkernte Eizelle hineinspritzen. Ein Embryo wächst heran - und fertig ist der Klon.

Jessica bringt gerade die frisch geklonten Embryonen herein.

Richtige embryonale Menschenklone - nur unter dem Mikroskop zu sehen. Schauen Sie mal! Danke, Jessica. Du bist ein Schatz. "

Die Vorstellung eines geklonten Menschen ist vielen unheimlich. Ingrid Schneider von der Universität Hamburg fragt sich, wozu es überhaupt gut sein soll.

" Was wäre denn, würde man Boris Becker klonen, und würde dem Klon auch mit drei Jahren einen Tennisschläger in die Hand drücken. Der stünde ja so unter Druck, das Vorbild zu übertreffen geradezu, dass er entweder ganz unglücklich würde oder irgendwann Vatermord begehen würde, oder spätesten mit acht den Tennisschläger endgültig in die Ecke schmeißen würde. Die ganzen psychologischen Faktoren, die es bedeuten würde, ein lebendes Vorbild zu haben und daran gemessen zu werden. Schafft der das mindestens genau so gut oder versagt er? Es wäre eine solche Bürde, die es bedeuten würde, ein Klon zu sein, dass man es niemandem wünschen würde. Wenn man klonen würde, wäre das eine sichere Methode, unglückliche Menschen zu schaffen. Aber man würde ganz gewiss nicht die Persönlichkeit eines Menschen duplizieren können. "

Biologisch gesehen ist der Mensch ein Säugetier. Wenn es möglich ist Schafe, Mäuse, Rinder und Schweine zu klonen, müsste es auch möglich sein, Menschen zu klonen. Theoretisch. Dieses reproduktive Klonen wurde und wird allerdings von allen seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Einige Exoten der Szene hielt das nicht ab, es dennoch anzukündigen. Sie wollten unbedingt mitspielen beim großen Klontheater.

Der erste selbsternannte Menschenkloner meldete sich schon Ende der neunziger Jahre. Es war der Physiker und Unternehmer Richard Seed aus den USA.

" Es ist nur ein anderer Weg, ein Kind zu bekommen. Ein kleines, süßes Baby. Und kleine süße Babys sind wundervoll. Klonen, um ein Baby zu bekommen, um Spaß zu haben."

Das war der Anfang. Mit Richard Seed begann der Auftritt der Scharlatane.

" Die Branche lebt von Versprechungen. Es gab auch im Rahmen der Versuche, Menschen zu klonen oder der Behauptung, man wäre dabei, den ersten geklonten Menschen zu schaffen, obskure Männer .... die Selbstdarsteller waren, die plötzlich die Weltbühne, das Weltpublikum zur Verfügung hatten, und die auch ihr Geltungsbedürfnis ausgelebt haben."

Im Jahr 2001 folgten die umstrittenen Reproduktionsmediziner Severino Antinori aus Italien und Panos Zavos aus den USA. Auch sie sorgten für Aufsehen, als sie ankündigten, Menschen zu klonen.

Der größte Coup aber gelang einer Sekte aus Kanada. Weihnachten 2002 vermeldeten die Raelianer die Geburt des ersten geklonten Kindes.

" Es freut mich sehr, mitteilen zu können, dass das erste geklonte Baby geboren wurde. Es ist ein Mädchen und wurde gestern morgen um 11 Uhr 55 geboren im Land ihrer Geburt."

Niemann: " Ich glaube, da ist viel dummes Zeug geredet worden. Das haben viele Leute verwendet, um sich in die Öffentlichkeit zu bringen. Es gab immer so Wellen, und dann hat sich gezeigt, dass nichts so eingetreten ist, so dass ich den Eindruck habe, dass nach einer gewissen Zeit, wie in anderen Fällen auch, eine Gewöhnung an die neue Technologie eintritt."

Es wurde tatsächlich ruhig um das Klonen, vorübergehend. Pause im Theater. Aber nur für zwei Jahre. Dann kam der Februar 2004. Der geklonte Mensch, zweiter Akt. Schneider:

" Plötzlich gab es eine Konferenz in Seattle, auf der immer sehr viele Journalisten sind, wo sich Wissenschaftler und Journalisten treffen. Dort gab es einen kleinen Koreaner, der schlecht englisch konnte, der vom Zettel abgelesen hat, und der nun verkündet hat: Er habe als erster menschliche Embryonen geklont."

Niemann: " Herr Hwang und seine Gruppe waren ja bekannt aus dem Tiersektor. Sie hatten Publikationen beim Rind und beim Schwein. Insofern war er bekannt als einer, der das Know-how zum Klonen zur Verfügung hat."

Die Welt der Wissenschaft schaute gespannt nach Seoul - viele Experten waren voller Hochachtung für Hwang Woo Suk. Mancher Kollege besuchte ihn in seinem High Tech Labor. Hwang war etwas gelungen, was andere zuvor vergeblich versucht hatten. Er hatte menschliche Embryonen geklont und aus den Embryonen Stammzellen gewonnen.

Das war genau das Szenario, das viele Wissenschaftler als "therapeutisches Klonen" bezeichnen. Zellen aus geklonten Embryonen als Heilmittel für die Medizin. Das Immunsystem eines Patienten würde diese Zellen nicht abwehren., denn es sind geklonte Zellen - genetisch mit den Zellen des Patienten identisch. Aber gesund.

Die Klonpioniere aus Südkorea präsentierten sich als die "guten" Kloner. Klonen zum Wohle der Menschheit. Tagein, tagaus.

" Wir kennen keinen Samstag, keinen Sonntag und keine Ferien in meinem Labor. Bei uns arbeiten 65 wissenschaftliche Mitarbeiter vom Studenten bis zum Professor, Tag und Nacht. Wir verbrauchen über tausend Eizellen von Rindern und Schweinen, jeden Tag, auch Samstag und Sonntag."

Schneider: " Und alle Welt war überrascht, war fasziniert, war schockiert, und man dachte: jetzt kommen die Koreaner. Also der Wettlauf ist international entschieden nicht in den USA, nicht in Großbritannien, nicht in Italien, und auch nicht von einer Sekte auf dem Meer, sondern von einem Schwellenstaat, der wie der asiatische Tiger ansetzt, in der Biotechnologie die Industriestaaten zu überholen."

Hwang Woo Suk hatte genau das gemacht, was sich viele Forscher in Europa und den USA gewünscht hatten. Er hatte menschliche Embryonen geklont - für medizinische Zwecke. Auch aus Ländern wie Deutschland, wo jede Form des Klonens von Menschen verboten ist, kam offener Zuspruch und Bewunderung.

Niemann: " Ich habe ihn selbst auch kennen gelernt. Er ist ein zurückhaltender, freundlicher Mensch. Nichts, was dafür sprach: Das ist ein notorischer Betrüger."

Die Koreaner als Vorbild. Das so genannte "therapeutische Klonen" schien greifbar nah. Hwang:

" Wir haben Zellen von Patienten mit unheilbaren Krankheiten entnommen und daraus durch Klonen embryonale Stammzellen gewonnen. Diese haben wir bereits an Tieren getestet, um Sicherheit und Effektivität dieser Zellen zu überprüfen und zu erforschen."

Neues aus der Klonküche.

" Stammzellen aus geklonten Embryonen. Wer das schafft, ist der König des Klonens! Damit können Sie bei Ihren Nachbarn Eindruck machen. Aus der inneren Zellmasse des Embryos müssen Sie die Stammzellen herausholen. Gerade mal fünf Tage darf der Embryo alt sein. Er muss gesund sein und frisch. Dann klappt auch die Stammzellen-Gewinnung. Jessica bringt gerade ein paar sehr schöne Stammzellenkulturen aus solchen Embryonen herein. Danke Jessica!

In diesen Wunderzellen steckt auch ein Teil unserer Jessica. Die Eizellen zum Klonen hat sie selbst gespendet. Alle Achtung! Voller Körpereinsatz für die Wissenschaft.

Schauen Sie hier! Die Zellen teilen sich immer weiter. Richtige Wunderzellen. Und das alles - dank Klontechnik. "

Die Wissenschaftswelt hatte einen neuen Superstar. Hwang Woo Suk. Aber dann kam der Herbst 2005. Zunächst ging es um die Eizellen. Koreanische Frauen hatten sie angeblich freiwillig und ohne Bezahlung gespendet.
Die Politologin Ingrid Schneider von der Universität Hamburg.

" Der Standortvorteil Koreas lag darin, dass dort offensichtlich die Frauen bereit waren, patriotisch für die Biotechnologie-Industrie zu spenden. Dafür, dass Korea aufrückt in den Rang der Supermächte, in den Rang der Industriestaaten. Also der Zugang zu Eizellen. Die Verfügbarkeit über Frauen, die gerne Eizellen spenden, das war der große Vorteil von Herrn Hwang."

Von Anfang an gab es Zweifel an der Herkunft der Eizellen. Die meisten Wissenschaftler aber glaubten ihrem neuen Idol - weil sie ihm glauben wollten.

" Es hat sich dann später herausgestellt, dass die allermeisten doch bezahlt wurden, und nicht zu gering. Sie haben 1400 Dollar erhalten pro Spende. Und die Frauen in Hwangs Labor, das ist die Frage. Wurden sie gezwungen von Herrn Hwang? Sie wurden tatsächlich offensichtlich ziemlich genötigt, das zu tun. Auf der anderen Seite gab es auch Frauen, die beseelt waren von dieser Forschung und gesagt haben: ich möchte meine eigenen Karrierechancen verbessern und eine führende Stammzellen- und Klonforscherin werden."

Die Glaubwürdigkeit des Klonpioniers geriet ins Wanken. Zunächst hinter vorgehaltener Hand, dann immer offener wurden seine Forschungsergebnisse angezweifelt.

Dann der tiefe Sturz des Helden. Seine Klonerfolge wurden als Fälschungen entlarvt. Ein Skandal für Korea, aber auch ein schwerer Schlag für alle Klon- und Stammzellenforscher. Heiner Niemann:

" Es ist auch ein Fehler im System dort gewesen. Ich glaube, dass die Kontrollmechanismen dort nicht funktioniert haben. Herr Hwang war so eine Art Popstar, ein Volksheld, der oberhalb des normalen Kontroll-Levels lief. Für mich ist das ein klares Beispiel, dass die normalen Kontrollmechanismen nicht gegriffen haben. .... und dann jemand die Bodenhaftung verloren hat, weil er plötzlich als Volksheld gefeiert und mit sozialem Status und Geld überschüttet wurde und damit nicht fertig geworden ist."

Der Superstar ist tief gefallen, derzeit steht er in Seoul vor Gericht. Aber die Klonforschung geht weiter - auch die zur Schaffung geklonter menschlicher Embryonen. Woher die Eizellen zum Klonen kommen sollen, ist aber immer noch umstritten.

Nur frische Eizellen, am besten von jungen Frauen, schaffen es, aus dem Erbgut reifer Zellen wieder embryonale Alleskönner-Zellen zu machen. Sie werden durch Klonexperimente zur Handelsware.

" Die Dolly-Versuche haben von Anfang an klar gemacht, dass wir es mit einer Materialschlacht zu tun haben. Dass man durch diese Klonexperimente einen riesigen Bedarf an menschlichen, weiblichen Eizellen erzeugt hat.
Eizellen liegen nicht auf der Straße. Man kann sie auch nicht so leicht wie Blut entnehmen. Um Eizellen ernten zu können - wie es im Fachjargon heißt - muss man Frauen erst einmal mit Hormonen stimulieren. Das geht über mehrere Wochen hinweg. Diese Hormone haben auch Nebenwirkungen. Manche Frauen leiden sehr darunter. Nicht nur unter Gefühlsschwankungen, sondern auch darunter, dass ihr Bauch sehr aufschwillt. Und es gibt auch fünf Prozent der Frauen, die unter Überstimulierung leiden, ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Und es gab auch schon Todesfälle durch die Hormonstimulierung, die notwendig ist für die Eizellenentnahme."

Aktuelle Klonversuche mit menschlichen Eizellen laufen in den USA, in China, Japan, Großbritannien und neuerdings in Spanien. Der Klonspezialist Miodrag Stojkovic hat sein Institut in Newcastle, Großbritannien, verlassen und forscht jetzt in Valencia. Denn dort findet er bessere Eizellen.

" Es ist in Spanien normale Praxis geworden, dass man Eizellen anonym gegen Geld spenden kann. Und wenn man das schon für die Befruchtungs-Industrie tun kann, dann ist das Tabu auch nicht mehr groß, das für die Klonforschung zu spenden. Herr Stojkovic erwartet eben, dass er in Spanien die frischen jungen Eizellen bekommt gegen Geld, die er in Großbritannien bisher nicht erhalten kann."

10 Jahre dauert das Klontheater mittlerweile, und es geht weiter. Zugabe. Die Kritiker ziehen eine Zwischenbilanz. Zunächst die Hamburger Politologin Ingrid Schneider.

" Die Perspektive, dass man damit die regenerative Medizin völlig neu entwickeln könnte. Das war allen klar, dass es noch ein lange Schritt bis dorthin ist. Ganz klar: Von den Stammzellen, die sich ewig vermehren im Labor bis zur Implantation von Nervenzellen in das Gehirn von Parkinsonkranken würde es noch ein sehr langer Weg sein. Man muss ja diese Zellen ausdifferenzieren. Man muss gucken, dass sie so spezialisiert sind, dass die Reinheit der Zellen da ist. Man weiß, dass Tumore entstehen können. Das sind Fragen, die sind bis heute noch nicht gelöst."

Jetzt der Klonforscher und Tierzüchter Heiner Niemann.

" Der Fortschritt ist natürlich nicht so schnell, wie das manche erwartet haben. Aber wir haben doch einen beträchtlichen Fortschritt im Verständnis des Klonens.... und einige der damals angekündigten Anwendungsbereiche sind bereits wahr geworden. Nicht im Bereich der Humanmedizin, aber im Bereich der Tierzucht..., so dass die Erzeugung genetisch veränderter Nutztiere .... fast komplett auf das Klonen umgestellt worden ist, weil es viel besser ist und viel mehr Möglichkeiten bietet."


Neues aus der Klonküche.
Mit Klonkoch Walter Schmitz-Schurke.


" Diesmal komme ich allein zu Ihnen, meine Damen und Herren. Leider musste ich meine Assistentin Jessica entlassen. Nichts von dem, was Sie uns hier vorgesetzt hat, war echt. Sie hat Sie und mich schamlos hintergangen. Ich bin entsetzt. Aber wir klonen natürlich weiter."
Im Stall der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Mariensee. Das Lakenfelder Kalb nuckelt an der Hand des Professors.

Niemann: " Was ist denn los mit Dir, Kleiner? Alles OK? Die kommen doch gleich mit den Getränken. Nur noch eine halbe Stunde, Du alter Fresssack!"