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StartseiteKultur heute"Es ist mehr als eine Zeitung, es ist weniger als ein Buch"07.07.2006

"Es ist mehr als eine Zeitung, es ist weniger als ein Buch"

Das neue Magazin "Kultur und Gespenster"

"Kultur und Gespenster" heißt ein neues Magazin, das es seinen Lesern innerlich und äußerlich nicht einfach macht: Eher ein Buch als eine Zeitschrift, auch in gut sortierten Buchhandlungen nur über eine Bestellung zu haben und von den Machern bewusst mit dem Anspruch eingeführt, sperrige und abwegige Themen aufzugreifen. Doch Schriftsteller Ulrich Peltzer ist begeistert: "Hochinteressant und viel Neues", lautet sein Urteil.

Neu auf dem Markt: "Kultur und Gespenster"  (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Neu auf dem Markt: "Kultur und Gespenster" (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Kultur und Gespenster" heißt ein neues Magazin, das es seinen Lesern innerlich und äußerlich nicht einfach macht. Erstens handelt es sich eher um ein Buch, denn um eine Zeitschrift, satte 256 Seiten hat die erste Ausgabe, zweitens ist "Kultur und Gespenster" bis jetzt auch in gut sortierten Buchhandlungen nur über eine Bestellung zu haben, und drittens machen die geistigen Köpfe hinter dem neuen Magazin schon in den Rubriken klar, dass sie ihren Anspruch, "sperrige", ja "abwegige" Themen aufzugreifen, auch umgesetzt haben. Da gibt es etwa den Reisebericht aus Tanzania unter der Überschrift "Die Tugend und der Weltlauf" oder eine Comic-Rubrik, die heißt: "Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung". Ist das klug und womöglich witzig, oder ist das Angeberei?, das ist hier die Frage, und sie geht an den Schriftsteller Ulrich Peltzer, der "Kultur und Gespenster" für uns gelesen hat. Was für ein Konzept liegt dem allem zu Grunde?

Peltzer: Es handelt sich angeblich darum, Kultur in einem relativ weiten Sinn vorzustellen und etwas zu tun, dass es in Deutschland so nicht gibt, was eher in einer angelsächsischen Tradition ist, die Tradition der quarterlies, also alle drei Monate ein Heft herauszubringen, in dem es einen Themenschwerpunkt gibt, ein Dossier, und um das Dossier herum Sachen vorgestellt werden, die so in dieser Bündelung weder in einer Wochenzeitung noch in einer Tageszeitung zum Thema werden.

Also es gibt immer einen Dossierteil, das ist dieses Mal der Schriftsteller Hubert Fichte, das wird in einer der nächsten Ausgaben ein Dossier über Dokumentarismus im Film, Literatur und Kunst geben, es wird einen Themenfall geben über das Interview als Form, dann wird es immer eine Bildstrecke geben zu aktueller, zeitgenössischer Kunst, es wird Rezensionen geben, es wird einen Comicteil geben, und die letzte Rubrik, die Sie schon genannt haben, die "Tugend und der Weltlauf", es wird einen Reiseteil geben, den man jetzt allerdings nicht mit dem Reiseteil in der Zeit oder in ähnlichen Blättern verwechseln sollte, sondern es ist vielleicht schon exemplarisch, was in der ersten Ausgabe stattfindet, ein Reisebericht, ein Forschungsbericht eines Künstlers, des Künstlers Dirk Meinzer, der in Tansania sich auf die Suche nach Sirenen gemacht hat, und das ist hochinteressant zu lesen und erinnert dann doch stark auch an die Reisebereichte von vor 60 oder 70 Jahren in Afrika, und es ist mehr als eine Zeitung, es ist weniger als ein Buch, es ist hochinteressant.

Fischer: Der Schwerpunkt des Heftes ist Hubert Fichte gewidmet, Sie haben das schon gesagt. Das liegt natürlich zum einen daran, dass einer der Macher, Jan-Frederik Bandel, in diesem Fall ein Fichte-Aficionado ist, wie Sie übrigens auch. Auch dieser Schwerpunkt pflegt die avancierte Alliteration oder den Stabreim wie zum Beispiel "Exotismus, Empfindlichkeit, Ethnopoesie und die Politik des Interviews bei Hubert Fichte", so heißt ein Text. Wie ist dieser Schwerpunkt gelungen, haben Sie Neues erfahren?

Peltzer: Ja, ich habe Neues erfahren in zwei, drei Essays. Ich habe Bilder gesehen, die aus dem Privatarchiv Fichte stammen, die ich nicht kannte. Es gibt einen wunderbaren Essay, der sich mit dieser Bombenkriegsdebatte beschäftigt. Ich weiß nicht, ob das noch präsent ist, es gab vom Schriftsteller Sebald den Vorwurf, dass der Bombenkrieg gegen die deutsche Bevölkerung in der deutschen Literatur nicht präsent gewesen wäre. Das wurde dankbar aufgegriffen, und hier ist einfach ein wunderbarer Aufsatz, wo das im Zusammenhang mit Fichte zurecht gerückt wird, weil in Fichtes Buch "Detlefs Imitationen Grünspan" schon auf sehr kongeniale Art und Weise die Zerstörung Hamburgs zum Thema gemacht wird, und das ist einfach ein sehr, sehr guter Aufsatz, von großer Brillanz, ohne je ins Akademische abzugleiten. Dann gibt es einen sehr, sehr interessanten Aufsatz, wo dann Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann, wenn man so will, auch so eine Art Forschungsreisende, aber mehr im Unterhaltungsbereich, in Bezug gesetzt werden und deren unterschiedliche Herangehensweise an Leben und Natur in Venezuela dargestellt werden. Es wird aufgemacht, welche Anschlussstellen eigentlich im Werk von Fichte nach verschiedenen Stellen da sind und immer noch produktiv sein können.

Fischer: Sie haben ja vorher schon von dem, wie man heute so schön sagt, Alleinstellungsmerkmal dieser Zeitung und dieses Magazins "Kultur und Gespenster" gesprochen. Wie positioniert sich das Magazin Ihrer Ansicht nach auf dem Markt zwischen, ja, sagen wir, "Cicero" und "Monopol", an welche Art von Leserschaft wendet es sich?

Peltzer: Das positioniert sich irgendwo in einem Dreieck, das aufgemacht wird von Zeitungen, die Spezialinteressen bedienen. Also auf der einen Seite haben wir Texte zur Kunst und Springerin, die sich mit der bildenden Kunst beschäftigen, wir haben Literaturzeitungen wie die "Neue Rundschau" oder die "Akzente", die sich mit Literatur beschäftigen, wir haben "Camera Austria", die den Bereich der Fotografie abdecken, und die versuchen einfach eine Synthese, und vielleicht das Wort synästhetisch hier zur Anwendung zu bringen, weil wir haben hier Bilder, wir haben hier Berichte, wir haben hier Analysen zur bildenden Kunst, zur Comic, zur Literatur, und zugleich wird hier ein Raum aufgemacht, wo untersucht wird, wo es Verbindungspunkte gibt, wo es unterirdische Adern gibt, die von einem Bereich zum anderen führen, und das ist ein ganz emphatischer Begriff von Kultur, den die Herausgeber im Editorial noch mal betonen, Kultur und Gespenster im Sinne von Locken und Pflegen, also das finde ich einfach eine sehr, sehr schöne Idee.

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