Karin Fischer: Gestern war der Tag der Verlierer in Peking, u.a. die deutschen Fußballfrauen und die Basketballer gehören zu den Losern, wenn man Gold als Maßstab aller Dinge setzt. Aber mit dem verletzten chinesischen Hürdenläufer Liu Xiang ist mehr vom Platz gegangen, als die Hoffnung auf noch eine Goldmedaille. Eine ganze Nation weinte, nicht nur der Trainer, auch die Zuschauer, die Journalisten, der Polizist auf der Straße. China verliert sein Gesicht, titelt sehr präzise die "F.A.Z." in ihrem Sportteil, denn Liu Xiang war nicht nur sportlich das Aushängeschild des modernen China, sondern auch im Alltag überall präsent, als Werbeträger der Nation. Wir wollen nicht über den Preis sprechen, den olympische Leistungen und die systematische Überforderung von Sportlerkörpern nach sich ziehen, sondern dem Sinologen Michael Lackner die Frage stellen, Herr Lackner, warum ist der Verlust dieser Sportikone für China so besonders schlimm?
Michael Lackner: Nun ja, Sie haben es ja schon zum Teil genannt. Liu Xiang war oder ist noch ein Symbol für den Sport schlechthin, für den chinesischen Sport. Auch ein Chinese kann sich nicht alle Sportarten merken, indem die Chinesen jetzt mittlerweile en masse Goldmedaillen abschleppen, und da war er ein Symbol. Es gibt aber eine tiefere Ebene vielleicht, wenn wir die ansprechen dürfen, und das ist die der vielleicht noch nicht ganz verarbeiteten Moderne. Olympische Spiele gehören in die Moderne, in den Geist der Moderne, Fair Play, Mitmachen ist alles. Solche Slogans werden die chinesischen Bevölkerung nahegebracht. Aber viele sind doch weit davon entfernt, sie wirklich verstanden zu haben.
Fischer: Und das bedeutet, dass letztendlich nur Gold zählt und schon dem Silbermedaillen-Gewinner vielleicht nicht Verachtung, aber doch Missachtung entgegenschlagen kann?
Lackner: Ja, wir haben ja sogar einen Silbermedaillen-Gewinner vor zwei, drei Tagen gehabt, der geweint hat, darüber, dass er die Silbermedaille gewonnen hat, wo jeder Europäer glücklich und strahlend gewesen wäre und wahrscheinlich noch Jahrzehnte nach seinem Silbermedaillen-Gewinn in seiner Heimatgemeinde gefeiert worden wäre. Nein, das ist der Punkt. Ich kann das Ihnen vielleicht damit erläutern, dass es nirgendwo eine so hohe Auflage gibt vom Guinness Book of (World) Records wie in China. Die Tatsache, dass man Nummer eins war, das ist genau das, was Chinesen mit der Moderne verbinden und nicht etwa jetzt, dass man mitgemacht hat, dass man der Zweite geworden ist, was ja auch sehr ehrenvoll ist. Diese Dinge, die sind einfach noch nicht angekommen. Es geht da nicht um Sport, sondern es geht um eine nationale Ikone. Und je mehr Goldmedaillen, desto wichtiger. Und diese Goldmedaille, das war eben die symbolische Goldmedaille, auf die alle Augen sich richteten, weil alle davon was zu verstehen meinten, so könnte man sagen.
Fischer: Es gab Dokumentationen im Vorfeld der Olympischen Spiele, die gezeigt haben, was mit zum Beispiel chinesischen Sportlerinnen passierte, die nur die Silbermedaille gewannen. Wenn sie nicht ins Ausland gingen, um die Kader anderer Nationen zu trainieren, landeten sie dort, wo sie herkamen, zum Beispiel als Näherin. Dazu passt, dass das KP Politbüro ein Telegramm geschickt hat, indem es über Liu Xiang heißt, wir hoffen, dass er seine Form wiedergewinnt, dass er weiter trainiert und noch härter für den Ruhm der Nation kämpft. Was ist das für ein Mythos, der Ruhm der Nation, woher stammt er und er ist neueren oder älteren Datums?
Lackner: Je nachdem wie Sie rechnen, relativ neuen Datums. Das chinesische Reich als Imperium wird im zweiten Jahrhundert vor Christus gegründet. Der chinesische Nationalstaat 1912. Seit 1912 haben wir, etwas vorher schon, das musste ja geistig vorbereitet werden, die Idee, China ist ein moderner Nationalstaat. Und mit dieser Idee verknüpft sich nicht nur die Problematik der Tibet-Frage, sondern verknüpft sich eben auch ein Ruhm, ein solches ikonisches Symbol wie der Hürdenläufer, die Weltraumfähren, die chinesische Tradition, die angeblich 5000 Jahre alt ist, etc., etc. Das ist eine relativ neue Entwicklung im Vergleich etwa zu England, Frankreich und in gewisser Weise sogar auch Deutschland.
Fischer: Es ist aber nicht unbedingt das Erbe eines harten diktatorischen, disziplinarisch verfolgenden Kommunismus?
Lackner: Es ist dadurch verstärkt worden. Sie haben recht, dass natürlich der Kommunismus oder, sagen wir mal, die Einparteien-Herrschaft oder die Diktatur, wie immer Sie es nennen wollen, über andere Zuchtmittel verfügt, als eine Demokratie. Aber die Vorstellung, dass jeder Sportler, jede Sportlerin nicht für sich selber steht, sondern vor allem und in erster Linie für die eigene Nation, die ist älter als der Kommunismus.
Fischer: Herzlichen Dank an Michael Lackner für dieses Gespräch über ein Stück Mentalitätsgeschichte nach dem Verlust der Medaillenhoffnung für Chinas Sportikone Liu Xiang.
Michael Lackner: Nun ja, Sie haben es ja schon zum Teil genannt. Liu Xiang war oder ist noch ein Symbol für den Sport schlechthin, für den chinesischen Sport. Auch ein Chinese kann sich nicht alle Sportarten merken, indem die Chinesen jetzt mittlerweile en masse Goldmedaillen abschleppen, und da war er ein Symbol. Es gibt aber eine tiefere Ebene vielleicht, wenn wir die ansprechen dürfen, und das ist die der vielleicht noch nicht ganz verarbeiteten Moderne. Olympische Spiele gehören in die Moderne, in den Geist der Moderne, Fair Play, Mitmachen ist alles. Solche Slogans werden die chinesischen Bevölkerung nahegebracht. Aber viele sind doch weit davon entfernt, sie wirklich verstanden zu haben.
Fischer: Und das bedeutet, dass letztendlich nur Gold zählt und schon dem Silbermedaillen-Gewinner vielleicht nicht Verachtung, aber doch Missachtung entgegenschlagen kann?
Lackner: Ja, wir haben ja sogar einen Silbermedaillen-Gewinner vor zwei, drei Tagen gehabt, der geweint hat, darüber, dass er die Silbermedaille gewonnen hat, wo jeder Europäer glücklich und strahlend gewesen wäre und wahrscheinlich noch Jahrzehnte nach seinem Silbermedaillen-Gewinn in seiner Heimatgemeinde gefeiert worden wäre. Nein, das ist der Punkt. Ich kann das Ihnen vielleicht damit erläutern, dass es nirgendwo eine so hohe Auflage gibt vom Guinness Book of (World) Records wie in China. Die Tatsache, dass man Nummer eins war, das ist genau das, was Chinesen mit der Moderne verbinden und nicht etwa jetzt, dass man mitgemacht hat, dass man der Zweite geworden ist, was ja auch sehr ehrenvoll ist. Diese Dinge, die sind einfach noch nicht angekommen. Es geht da nicht um Sport, sondern es geht um eine nationale Ikone. Und je mehr Goldmedaillen, desto wichtiger. Und diese Goldmedaille, das war eben die symbolische Goldmedaille, auf die alle Augen sich richteten, weil alle davon was zu verstehen meinten, so könnte man sagen.
Fischer: Es gab Dokumentationen im Vorfeld der Olympischen Spiele, die gezeigt haben, was mit zum Beispiel chinesischen Sportlerinnen passierte, die nur die Silbermedaille gewannen. Wenn sie nicht ins Ausland gingen, um die Kader anderer Nationen zu trainieren, landeten sie dort, wo sie herkamen, zum Beispiel als Näherin. Dazu passt, dass das KP Politbüro ein Telegramm geschickt hat, indem es über Liu Xiang heißt, wir hoffen, dass er seine Form wiedergewinnt, dass er weiter trainiert und noch härter für den Ruhm der Nation kämpft. Was ist das für ein Mythos, der Ruhm der Nation, woher stammt er und er ist neueren oder älteren Datums?
Lackner: Je nachdem wie Sie rechnen, relativ neuen Datums. Das chinesische Reich als Imperium wird im zweiten Jahrhundert vor Christus gegründet. Der chinesische Nationalstaat 1912. Seit 1912 haben wir, etwas vorher schon, das musste ja geistig vorbereitet werden, die Idee, China ist ein moderner Nationalstaat. Und mit dieser Idee verknüpft sich nicht nur die Problematik der Tibet-Frage, sondern verknüpft sich eben auch ein Ruhm, ein solches ikonisches Symbol wie der Hürdenläufer, die Weltraumfähren, die chinesische Tradition, die angeblich 5000 Jahre alt ist, etc., etc. Das ist eine relativ neue Entwicklung im Vergleich etwa zu England, Frankreich und in gewisser Weise sogar auch Deutschland.
Fischer: Es ist aber nicht unbedingt das Erbe eines harten diktatorischen, disziplinarisch verfolgenden Kommunismus?
Lackner: Es ist dadurch verstärkt worden. Sie haben recht, dass natürlich der Kommunismus oder, sagen wir mal, die Einparteien-Herrschaft oder die Diktatur, wie immer Sie es nennen wollen, über andere Zuchtmittel verfügt, als eine Demokratie. Aber die Vorstellung, dass jeder Sportler, jede Sportlerin nicht für sich selber steht, sondern vor allem und in erster Linie für die eigene Nation, die ist älter als der Kommunismus.
Fischer: Herzlichen Dank an Michael Lackner für dieses Gespräch über ein Stück Mentalitätsgeschichte nach dem Verlust der Medaillenhoffnung für Chinas Sportikone Liu Xiang.