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"Es ist schon vieles besser geworden"

Im Jahr 2000 hat sich Angola vor der UNO verpflichtet, möglichst bis 2015 die Millenniumentwicklungsziele zu erreichen. Dazu gehört auch die Reduzierung der Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel im Vergleich zum Basisjahr 1990. Jule Reimer hat sich in einem kleinen Dorf in Angola angeschaut, was dort in Sachen Gesundheitsvorsorge in den letzten Jahren erreicht wurde.

Von Jule Reimer | 21.02.2009

"Guten Tag, wie geht's ?"

Auf ihrem Rundgang durch das Dorf Mangue grüßt Gracinda Ngulo die Nachbarinnen in ihrer Muttersprache Ngoia. Die Bäuerin ist auf dem Weg zu Isabel Marques, die bald ihr drittes Kind erwartet. Isabels Haus, gebaut aus Lehmziegeln und mit Wellblech gedeckt, gehört zu den größeren im Dorf. Die Innenwände sind glatt verputzt, im Elternschlafraum stehen ein Holzbett und ein Radio, an der Wand hängt neben Kleidern und Schuhen ein Stoßdämpfer für das Moped ihres Mannes. Im ländlichen Nachkriegsangola sind das Zeichen eines bescheidenen Wohlstandes.

Als sie der Schwangerschaft gewahr wurde, habe Isabel sie gebeten, zur Vorsorgeuntersuchung im Gesundheitsposten mitzugehen, berichtet Gracinda Ngulo - jetzt auf portugiesisch. In der Sprache der ehemaligen Kolonialherren spricht sie wie viele Frauen in Mangue nicht so selbstbewusst wie auf Ngoia.

Gracinda Ngulo ist eine Laienhebamme. Die 35-Jährige hat sechs eigene Kinder zur Welt gebracht - zu Hause. Auch Isabel Marques geht davon aus, dass ihr Baby ohne fremde Hilfe auf die Welt kommt.

Isabel: "Wenn es wirklich Kraft kostet und länger dauert, dann rufe ich die Hebamme, aber manchmal geht ja alles gut voran, dann rufe ich sie nicht mehr."

20 Gehminuten entfernt sitzt Graciano Chikumbe an seinem Schreibtisch in einem kleinen Backsteingebäude. Seit drei Jahren arbeitet der Krankenpfleger in Mangue, zusammen mit einem Kollegen.

"Einige Frauen kommen zu uns zur Voruntersuchung, nachdem sie an den Informationskursen teilgenommen haben, die in den Dörfern angeboten werden. Für viele ist es aber auch sehr weit bis hierhin."

20.000 Menschen leben in Dörfern verstreut im Einzugsgebiet des kleinen Gesundheitspostens - manche fünf, sechs oder mehr Stunden Fußweg entfernt. Das Dorf Mangue liegt im angolanischen Hochland, zwischen Wäldern und Busch, mit der Außenwelt über zwei Feldwege verbunden, die von tiefen Wasserfurchen und Schlaglöchern durchzogen sind.

Graciano Chikumbe zeigt seine kleine Krankenstation. Viele Frauen scheuen hier die Untersuchung durch einen fremden Mann. Auch die Ehemänner sehen das nicht gerne. Dabei ließe sich manche Komplikation durch Vorsorge vermeiden, weiß Krankenpfleger Graciano.

"Bei den Schwangeren stellen wir Anämien und Ödeme fest, manche haben entzündete Füße, Bluthochdruck und Malaria sind verbreitet. Und diese Krankheiten können während der Schwangerschaft Fehlgeburten auslösen."

Bei der Gesundheitsverwaltung in der Kreisstadt - fünf mühsame Moped-Stunden entfernt - holt Graciano regelmäßig die übliche Ausrüstung für ein Gesundheitszentrum ab: Spritzen, Impfstoffe und ein Dutzend Medikamente: Asthma-, Malaria- und Schmerzmittel, fünf verschiedene Antibiotika. Für die Schwangerschaftsuntersuchung stehen ihm ein Zentimeterband und ein Hörrohr zur Verfügung:

"Wir können uns nur die Frauen anschauen, den Bauch abtasten und den Bauchumfang messen, um das Wachstum der Gebärmutter zu bestimmen und wir können ab dem fünften, sechsten Monat die Herztöne abhören."

Die bescheidene Einrichtung des Gesundheitspostens hat die Welthungerhilfe finanziert. Mangue ist seit 2005 eines von 15 weltweit ausgewählten Millenniumsdörfern der Entwicklungsorganisation. In Mangue wird zusammen mit der Dorfgemeinschaft explizit analysiert und festgehalten, wie sich die Millenniumsziele dort entwickeln - dazu gehört, die Mütter- und Kindersterblichkeit deutlich zu senken.

Laienhebammentreffen im kargen Warteraum des Gesundheitspostens. Bäuerinnen wie Gracinda Ngulo und Albertina Teixeira sind in der Region die Avantgarde der weiblichen Gesundheitsvorsorge.
Erworben haben die Laienhebammen ihre Kenntnisse einerseits durch Erfahrung, andererseits in Kursen, berichtet Dominga Mauricio:

"Wir als traditionelle Hebammen dürfen bei einer Geburt weder schneiden noch nähen an der Stelle, an der das Kind herauskommt. Dafür muss die Frau zum Gesundheitsposten gebracht werden."

Krankenpfleger Graciano Chikumbe hat dafür eine spezielle Zusatzausbildung absolviert. Treten bei einer Geburt große Komplikationen auf, sieht es bös aus. Das nächste Krankenhaus liegt 45 Kilometer entfernt.

Graciano: "Wir sahen, dass die Frau keine Kraft mehr hatte. Aber die Position des Kindes war gut. Wir dachten, hier können wir nichts mehr tun, deshalb beschlossen wir, sie ins Krankenhaus von Wakukungo zu evakuieren. Und dann wurde die Schwangere mit dem Moped zum Fluss gebracht, wir haben sie mit Tüchern am Fahrer festgebunden. Auf der anderen Seite des Flusses wartete dann ein herbeigeholtes Auto und brachte sie ins Krankenhaus."

Eine Tortur von drei Stunden für Mutter und Kind - beide haben es überlebt. Das war in Angola bislang oft anders. Noch für das Jahr 2005 schätzte UNICEF, dass eine von zwölf Angolanerinnen bei einer Schwangerschaft den Tod riskierte.

Es ist Sonntag, die Katholiken von Mangue werden zum Kirchgang gerufen. Während der Woche arbeiten und leben die Frauen um diese Jahreszeit mit den kleineren Kindern weit draußen auf ihren Feldern. Die Böden sind fruchtbar. Erhalten die Bauern Beratung, können sie schnell ihre Ernte verbessern. In Mangue hungert kaum noch jemand, seitdem der Krieg zu Ende und die Felder wieder zugänglich sind.

In den letzten Jahrzehnten aber gab es viele Tote zu beerdigen. Laurinda Albino erwartet demnächst ihr 13. Kind. Nur vier ihrer 12 Kinder haben überlebt. Die anderen starben an Schwäche, Malaria, Durchfall - an Krankheiten, die eigentlich einfach zu bekämpfen sind:

In Mangue endet noch heute jede 5. Schwangerschaft mit einer Fehl- oder Totgeburt, sagen die Statistiken des Millenniumsdorfes. Aber wer die Geburt überlebt, hat deutlich bessere Perspektiven als anderswo in Angola - die Kindersterblichkeit hat sich im Vergleich zum Rest des Landes halbiert. Diese Entwicklung ist auch den Laienhebammen zu verdanken, die nach der Geburt weiter nach Mutter und Kind schauen.

Auch die verteilten Malarianetze zeigen ihre Schutzwirkung. Allerdings hängen sie nur über den Elternbetten, wo Vater, Mutter und das jeweils kleinste Kind bis zum Alter von zwei Jahren schlafen.

Früher streunten die Schweine zwischen den Kindern durchs Dorf - fraßen jedweden Kot und sorgten so dafür, dass sich Parasiten auf die Menschen übertrugen. Jetzt leben sie hinter Gattern. Das Trinkwasser kommt aus einem eingezäunten Brunnen - Durchfallerkrankungen haben deutlich abgenommen. Latrinen haben sich erst in wenigen Familien durchgesetzt, noch nicht bei Gracinda Ngulo, die sich als Laienhebamme für mehr Gesundheit engagiert: Sie seien es einfach nicht gewöhnt, woandershin als ins Gras zu gehen, erklärt sie.

Nicht nur die fehlenden Latrinen sind eine Hürde. Die Gesundheitsverwaltung liefert keinen ausreichenden Treibstoff, um die kleine Kühltruhe mit den Impfstoffen dauerhaft in Gang zu halten. Dass die Truhe trotzdem läuft, ist der Initiative der Krankenpfleger und den Dorfbewohnern von Mangue zu verdanken. Kleine Fortschritte auf dem Weg ins Jahr 2015.