Die Hunde sind fast nicht mehr zu halten. Wie wildgewordene Wölfe ziehen und zerren sie an den Leinen. Sie kennen das Prozedere und wissen genau: Gleich geht es los. Gleißendes Sonnenlicht liegt über dem zugefrorenen Pielinen-See - da soll es für uns hingehen. Doch erstmal müssen wir lernen, wie man mit den Huskies und den Schlitten umgeht. Hundeführerin Pia gibt erste Instruktionen:
"Wer sind die Fahrer? Kommt bitte her, ich zeig Euch, wie’s geht. Es ist sehr wichtig, dass Ihr vor dem Start die Bremse tretet - und zwar bis unten zum See. Sonst rennen die Hunde los, und Ihr fallt auf die Nase. Während der Fahrt könnt Ihr dann mit der Bremse die Geschwindigkeit regulieren. Und bitte nicht überholen, also haltet bitte Abstand zwischen den Teams."
Dann geht es los über scheinbar ewiges Eis. Mollig eingepackt in Wolldecken sitzen die Einen in den gut gepolsterten Schlitten und genießen. Harte Arbeit ist die Fahrt dagagen für die Tapferen, die hinten auf den Schlitten stehen und lenken und bremsen müssen. Pia fährt voran und muss die Hunde ganz schön triezen.
Ende März ist in Karelien noch richtig Winter. Die Seenlandschaft glitzert in Weiß und Blau. Birken- und Nadelwälder tauchen am Ufer auf, dunkelrot gestrichene Holzhäuser, hier und da eine Kirche. Ein paar Sonnenhungrige rutschen auf Langlaufskiern über den See, ein Gruß mit den Skistöcken - wir winken zurück.
Karelien im Winter - das ist wie eine verzauberte Welt. Eine ganz besondere Stimmung umgibt den Hügel Koli im Südwesten des Pielinensees, ein uralter Kraftplatz, wie die Kulturhistorikerin Sirpa Sulopuisto weiß:
"Die Landschaft ist mythisch, so kann man vielleicht sagen. Weil Koli war früher ein heiliger Platz, es war nicht erlaubt den normalen Leuten dort hin zu gehen, weil die Götter dort wohnten. Die Landschaft ist hügelig und Koli liegt etwa 350 Meter über dem Meeresspiegel und wenn man auf dem höchsten Gipfel steht, da sieht man viel Birkenwald, und dann sieht man auch den Pielinensee mit vielen, vielen Inseln. Und man kann sich vorstellen, wenn die Sonne aufgeht, das ist ja ganz eindrucksvoll."
1991 wurde das Koli-Gebiet zum Nationalpark erklärt, das heißt: keine Baustellen, keine Autos, keine Motorschlitten. Dafür absolute Ruhe, vor allem im Winter - und das kommt auch den Tieren zugute. Elche gibt es hier und Luchse, Bären - und mit Glück kann man sogar mal einen Wolf sehen.
Wir Zweibeiner erobern den Nationalpark mit Schneeschuhen, hügelauf und hügelab, immer wieder mit Blick auf den See. Und natürlich gehört auch das Eisfischen hier zu den fast schon archaischen Winterbeschäftigungen. Ein Fischer erklärt uns, wie es geht:
"Erstmal bohren wir ein Loch ins Eis, so etwa einen halben Meter. Dann kehren wir den Schnee ganz sauber weg, und anschließend stecken wir den Köder auf einen Haken und lassen die Leine durchs Bohrloch ganz auf den Grund des Wassers sinken. Dann die Leine ganz langsam immer etwa zehn Zentimeter hoch und runter bewegen. So wollen wir die Fische anlocken. Wenn Sie einen Fisch am Haken haben, werden Sie es deutlich spüren. Ziehen Sie ihn dann ganz vorsichtig an der Leine hoch."
Klingt ja alles ganz einfach. Aber zuerstmal müssen wir ein Loch ins dicke Eis bohren und dann heißt es langsam an der Leine ziehen und warten.
"Irgendwann müssen die doch mal beißen, das kann doch nicht sein. Man kann doch nicht den ganzen Tag hier warten. Es ist doch so viele Fische hier im Wasser. Huch, da isser doch. Hu, da isser, guck schnellschnellschnell. Huch, jetzt isser wieder weg, er hat den Köder gefressen, und das war so’n schöner dicker."
Nach einiger Zeit aber beißen sie dann doch, und als Belohnung für die Anstrengung gibt es für uns eine richtig deftige Fischsuppe.
Schließlich erwartet uns nach dem abenteuerlichen Wintertag ein gemütliches Refugium: Das Bomba-Haus in der Nähe von Nurmes direkt am Pielinensee. Es ist der Nachbau eines der schönsten karelischen Häuser und stand ursprünglich auf der russischen Seite Kareliens, mit 27 Zimmern und Platz für drei Generationen der Bauernfamilie Bombin. 1978 wurde das Bomba-Haus hier in Finnisch-Karelien nachgebaut, als Attraktion für Touristen. Besonders schön gearbeitet sind die farbigen Dekorationen an den Balkonen und Fensterrahmen. Unsere Führerin Minna Murtonen erklärt das Prachtstück altkarelischer Architektur:
"Die Dekorationen, die kommen aus der Natur oder aus der Religion, aber es gibt auch sehr viele Aberglauben in den Dekorationen. Die Blumen in den Fensterrahmen, die sind natürlich aus der Natur. Und dann die zwei Pflanzen neben der Uhr, man sagt, dass die sind eigentlich Pfefferpflanzen, und von den Blättern könnte man rechnen, wie viele Personen waren in der Familie. Und da gibt es ja ganz viele runde Zeichen, runde Dekorationen und das bedeutet immer die Sonne, also das Licht. Und da am Ende der Bretter da gibt es auch viele runde Dekorationen und da war es auch ein bisschen Aberglaube, weil man hat gedacht, dass wenn der Wind ganz stark ist, kannst du Musik hören, wenn der Wind bläst durch die Löcher da. Und Musik bringt gutes Glück und vertreibt die bösen Geister."
Das Bomba-Haus ist heute Mittelpunkt eines rustikalen Feriendorfes aus Hütten und Holzhäusern. Schwimmbad, Sauna und Wintersportprogramm gibt es natürlich auch, und zur geistigen Erbauung eine orthodoxe Kapelle unter Bäumen am Seeufer.
Abends wird im Restaurant für uns richtig aufgetischt: Räucherfisch und Schinken, eingelegtes Gemüse, Salate aus Kohl und Roter Bete. Danach Fisch und karelischer Fleischtopf, der stundenlang im Ofen garen muss. Als Dessert lieben die Karelier allerlei Süßes mit Beeren - und wir bekommen noch eine Köstlichkeit extra: karelische Folklore mit der Gruppe Lörpöttelijät, zu Deutsch, "Menschen, die viel reden". In ihren Liedern erzählen sie von den Mythen Kareliens, und sprechen lassen sie vor allem ihre Instrumente, eine Art karelische Zither:
"Wir spielen Kantele, das finnische Nationalinstrument, das wohl schon schon seit mehr als 2000 Jahren gespielt wird. Sie hatte lange Zeit nur fünf Saiten, und die Musik basierte auf den alten Traditionen des Ostens. Die Leute erzählten durch das Singen mit der Kantele abends stundenlang Geschichten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Kantele größer und neue musikalische Einflüsse kamen aus dem Westen. Wir haben hier Kanteles mit zehn, elf, 14, 19 und sogar 40 Saiten."
"Wer sind die Fahrer? Kommt bitte her, ich zeig Euch, wie’s geht. Es ist sehr wichtig, dass Ihr vor dem Start die Bremse tretet - und zwar bis unten zum See. Sonst rennen die Hunde los, und Ihr fallt auf die Nase. Während der Fahrt könnt Ihr dann mit der Bremse die Geschwindigkeit regulieren. Und bitte nicht überholen, also haltet bitte Abstand zwischen den Teams."
Dann geht es los über scheinbar ewiges Eis. Mollig eingepackt in Wolldecken sitzen die Einen in den gut gepolsterten Schlitten und genießen. Harte Arbeit ist die Fahrt dagagen für die Tapferen, die hinten auf den Schlitten stehen und lenken und bremsen müssen. Pia fährt voran und muss die Hunde ganz schön triezen.
Ende März ist in Karelien noch richtig Winter. Die Seenlandschaft glitzert in Weiß und Blau. Birken- und Nadelwälder tauchen am Ufer auf, dunkelrot gestrichene Holzhäuser, hier und da eine Kirche. Ein paar Sonnenhungrige rutschen auf Langlaufskiern über den See, ein Gruß mit den Skistöcken - wir winken zurück.
Karelien im Winter - das ist wie eine verzauberte Welt. Eine ganz besondere Stimmung umgibt den Hügel Koli im Südwesten des Pielinensees, ein uralter Kraftplatz, wie die Kulturhistorikerin Sirpa Sulopuisto weiß:
"Die Landschaft ist mythisch, so kann man vielleicht sagen. Weil Koli war früher ein heiliger Platz, es war nicht erlaubt den normalen Leuten dort hin zu gehen, weil die Götter dort wohnten. Die Landschaft ist hügelig und Koli liegt etwa 350 Meter über dem Meeresspiegel und wenn man auf dem höchsten Gipfel steht, da sieht man viel Birkenwald, und dann sieht man auch den Pielinensee mit vielen, vielen Inseln. Und man kann sich vorstellen, wenn die Sonne aufgeht, das ist ja ganz eindrucksvoll."
1991 wurde das Koli-Gebiet zum Nationalpark erklärt, das heißt: keine Baustellen, keine Autos, keine Motorschlitten. Dafür absolute Ruhe, vor allem im Winter - und das kommt auch den Tieren zugute. Elche gibt es hier und Luchse, Bären - und mit Glück kann man sogar mal einen Wolf sehen.
Wir Zweibeiner erobern den Nationalpark mit Schneeschuhen, hügelauf und hügelab, immer wieder mit Blick auf den See. Und natürlich gehört auch das Eisfischen hier zu den fast schon archaischen Winterbeschäftigungen. Ein Fischer erklärt uns, wie es geht:
"Erstmal bohren wir ein Loch ins Eis, so etwa einen halben Meter. Dann kehren wir den Schnee ganz sauber weg, und anschließend stecken wir den Köder auf einen Haken und lassen die Leine durchs Bohrloch ganz auf den Grund des Wassers sinken. Dann die Leine ganz langsam immer etwa zehn Zentimeter hoch und runter bewegen. So wollen wir die Fische anlocken. Wenn Sie einen Fisch am Haken haben, werden Sie es deutlich spüren. Ziehen Sie ihn dann ganz vorsichtig an der Leine hoch."
Klingt ja alles ganz einfach. Aber zuerstmal müssen wir ein Loch ins dicke Eis bohren und dann heißt es langsam an der Leine ziehen und warten.
"Irgendwann müssen die doch mal beißen, das kann doch nicht sein. Man kann doch nicht den ganzen Tag hier warten. Es ist doch so viele Fische hier im Wasser. Huch, da isser doch. Hu, da isser, guck schnellschnellschnell. Huch, jetzt isser wieder weg, er hat den Köder gefressen, und das war so’n schöner dicker."
Nach einiger Zeit aber beißen sie dann doch, und als Belohnung für die Anstrengung gibt es für uns eine richtig deftige Fischsuppe.
Schließlich erwartet uns nach dem abenteuerlichen Wintertag ein gemütliches Refugium: Das Bomba-Haus in der Nähe von Nurmes direkt am Pielinensee. Es ist der Nachbau eines der schönsten karelischen Häuser und stand ursprünglich auf der russischen Seite Kareliens, mit 27 Zimmern und Platz für drei Generationen der Bauernfamilie Bombin. 1978 wurde das Bomba-Haus hier in Finnisch-Karelien nachgebaut, als Attraktion für Touristen. Besonders schön gearbeitet sind die farbigen Dekorationen an den Balkonen und Fensterrahmen. Unsere Führerin Minna Murtonen erklärt das Prachtstück altkarelischer Architektur:
"Die Dekorationen, die kommen aus der Natur oder aus der Religion, aber es gibt auch sehr viele Aberglauben in den Dekorationen. Die Blumen in den Fensterrahmen, die sind natürlich aus der Natur. Und dann die zwei Pflanzen neben der Uhr, man sagt, dass die sind eigentlich Pfefferpflanzen, und von den Blättern könnte man rechnen, wie viele Personen waren in der Familie. Und da gibt es ja ganz viele runde Zeichen, runde Dekorationen und das bedeutet immer die Sonne, also das Licht. Und da am Ende der Bretter da gibt es auch viele runde Dekorationen und da war es auch ein bisschen Aberglaube, weil man hat gedacht, dass wenn der Wind ganz stark ist, kannst du Musik hören, wenn der Wind bläst durch die Löcher da. Und Musik bringt gutes Glück und vertreibt die bösen Geister."
Das Bomba-Haus ist heute Mittelpunkt eines rustikalen Feriendorfes aus Hütten und Holzhäusern. Schwimmbad, Sauna und Wintersportprogramm gibt es natürlich auch, und zur geistigen Erbauung eine orthodoxe Kapelle unter Bäumen am Seeufer.
Abends wird im Restaurant für uns richtig aufgetischt: Räucherfisch und Schinken, eingelegtes Gemüse, Salate aus Kohl und Roter Bete. Danach Fisch und karelischer Fleischtopf, der stundenlang im Ofen garen muss. Als Dessert lieben die Karelier allerlei Süßes mit Beeren - und wir bekommen noch eine Köstlichkeit extra: karelische Folklore mit der Gruppe Lörpöttelijät, zu Deutsch, "Menschen, die viel reden". In ihren Liedern erzählen sie von den Mythen Kareliens, und sprechen lassen sie vor allem ihre Instrumente, eine Art karelische Zither:
"Wir spielen Kantele, das finnische Nationalinstrument, das wohl schon schon seit mehr als 2000 Jahren gespielt wird. Sie hatte lange Zeit nur fünf Saiten, und die Musik basierte auf den alten Traditionen des Ostens. Die Leute erzählten durch das Singen mit der Kantele abends stundenlang Geschichten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Kantele größer und neue musikalische Einflüsse kamen aus dem Westen. Wir haben hier Kanteles mit zehn, elf, 14, 19 und sogar 40 Saiten."