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Essen nach Genkarte

Ernährung. - Dass Menschen aufgrund erblicher Stoffwechselunterschiede verschieden auf Medikamente reagieren, ist bekannt. Dass sich das auch auf die Nährstoffaufnahme und damit die Ernährung beziehen kann, lag da nahe. Die ersten "personalisierten" Ernährungsempfehlungen sind bereits auf dem Markt. Auf der 13. Dreiländertagung der Ernährungsgesellschaften Österreichs, Deutschlands und der Schweiz in Wien waren sie ein Thema.

Von Volker Mrasek | 28.09.2012

    Es gibt schon heute Firmen, die versprechen Verbrauchern speziell auf sie zugeschnittene Ernährungstipps. Dafür analysieren sie das Erbgut ihrer Kunden. Jürgen König, Professor für Humanernährung an der Universität Wien:

    "Die bieten einen Service an, wo man eine Speichelprobe nimmt, also um genau zu sein: eine Mundschleimhautprobe. Aus der kann man das Genom ablesen. Das schickt man dann ein, zahlt zwischen 500 und 1000 Euro für diese Analyse. Die sind relativ teuer. Und bekommt dann eine individuelle Empfehlung für das Ernährungsverhalten zurück."

    Man spricht auch von "personalisierter Ernährung". Sie stützt sich darauf, daß wir genetische Variationen in unserem Erbgut haben, sogenannte Polymorphismen. König:

    "...die dazu führen, daß bestimmte Stoffwechselvorgänge schlechter funktionieren bei einzelnen Personen als bei anderen."

    Durch die Zufuhr der richtigen Nährstoffe läßt sich dieser genetische Nachteil unter Umständen beheben. Das ist die Idee der personalisierten Ernährung. Zeig' mir Deine Gen-Variante, und ich sag' Dir, was Du am besten isst! Auf der Dreiländertagung in Wien wurde das Konzept jetzt lebhaft diskutiert. Von den ersten Angeboten am Markt hält Jürgen König allerdings nicht viel, wie der Ernährungswissenschaftler deutlich machte:

    "Diese individuellen Empfehlungen schauen dann so aus: 'Essen Sie mehr Obst und Gemüse!' Dafür brauche ich keine 500 Euro zu bezahlen. Das kann ich mir auch so denken. Es gibt aber tatsächlich für ein paar wenige Nährstoffe und genetische Variationen relativ gute Daten."

    Das betrifft zum Beispiel Vitamin B2 und eine Gen-Variante, bei der ein bestimmtes Körperenzym nicht richtig aktiv ist. Die Forscher nennen es bloß MTHF4, weil sein richtiger Name viel zu lang und sperrig ist. Dieses Enzym benötigt Vitamin B2 als sogenannten Co-Faktor – erst recht bei Menschen mit der ungünstigen Gen-Variante. Bei ihnen scheint nämlich das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme erhöht zu sein, wenn MTHF4 nicht richtig arbeitet. Das zeigen neue Untersuchungen, über die Mary Ward in Wien berichtete. Sie forscht über Riboflavin, wie Vitamin B2 auch heißt. Und zwar am Nationalen Zentrum für Lebensmittel und Gesundheit in Nordirland:

    "Wenn Leute mit dieser Gen-Variante einen schlechten Riboflavin-Status haben, dann leiden sie eher unter Bluthochdruck. Und Bluthochdruck ist vermutlich der wichtigste Risikofaktor für Schlaganfälle. Gibt man diesen Patienten Blutdruck senkende Medikamente, zeigt das kaum Wirkung. Nur die Zufuhr von Riboflavin kann bei ihnen die Enzym-Schwäche beheben, und dadurch wiederum scheint der Blutdruck zu fallen. Das ist ein sehr schönes Beispiel für personalisierte Ernährung."

    Die Studienteilnehmer erhielten Vitamin B2 in Form von Tabletten, wie man sie auch im Drogeriemarkt bekommt. Ward:

    "Es ist ein ziemlich neues Feld. Deswegen behandeln wir auch noch keine Patienten so. Aber den Studienteilnehmern mit der ungünstigen Gen-Variante haben wir geraten, das Vitamin auch weiterhin als Nahrungsergänzung einzunehmen. Viel Riboflavin ist ansonsten in Milchprodukten enthalten."

    Die ungünstige Gen-Variante für das Enzym ist ziemlich weit verbreitet. In Deutschland trägt sie vermutlich jeder Zehnte, in Mexiko sogar jeder Dritte. Eine personalisierte Ernährung käme in diesem Fall also sehr vielen Menschen zugute. Doch es gibt auch Bedenken unter den Ernährungswissenschaftlern. Sollen wir wirklich alle unser Genom analysieren lassen? Für Jürgen König wirft das auch ethische Fragen auf. Denn was kommt noch alles dabei heraus?

    "Es gibt tatsächlich einen Polymorphismus. Wenn der vorliegt, weiß man, daß das Risiko, Alzheimer zu entwickeln im Alter, drastisch erhöht ist. Was mache ich mit der Information? Teile ich die dem Patienten mit? Auch versicherungstechnisch ist das ein Punkt: Müssen die höhere Versicherungsprämien bezahlen? Da kommen auch ethische Fragen ins Spiel, die man sich sehr gut überlegen muss."

    Natürlich könnte man es auch viel einfacher haben – indem man sich gescheit ernährt und darauf achtet, ausreichend mit Vitaminen und anderen wichtigen Nährstoffen versorgt zu sein. Doch wer hält sich schon daran? Sicher nur eine Minderheit. Deswegen hat die personalisierte Ernährung in Zukunft sicher Chancen. Jürgen König:

    "Da bin ich überzeugt davon, daß das kommen wird."