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Essensretter in Not
Behörden sehen öffentliche Kühlschränke kritisch

Die Idee der Essensretter ist einfach: Wer Lebensmittel übrig hat oder nicht gebrauchen kann, stellt sie in einen öffentlichen Kühlschrank, wo Bedürftige sich dann bedienen können. In Berlin sollen nun aber die Regeln für diese Kühlschränke verschärft werden. Die Initiatoren befürchten, dass ihrer Idee das Aus droht.

Von Dieter Nürnberger | 04.02.2016

    Ein öffentlicher Kühlschrank in einem Fahrradunterstand in der Malmöerstraße in Berlin. Bei den sogenannten Fairteilern können Lebensmittel wie Brot, Gemüse, oft aber auch Kühlware kostenlos abgeholt werden. Das Sammeln bei Supermärkten oder Bäckereien übernehmen ehrenamtliche Mitglieder der Initiativen Lebensmittelretten.de und Foodsharing.de.
    Ein öffentlicher Kühlschrank in einem Fahrradunterstand in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
    "Also hier in diesem Beutel - ich will das nicht alles anfassen, schließlich sollen die Leute es ja noch nehmen - sind mal wieder Biobrote. Wir retten ja bei ganz vielen Lebensmittelbetrieben, die geben uns das immer freiwillig ab. Es sind Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden."
    Gerard Roscoe-Misler ist nicht nur Künstler und Honorarlehrer an einer Schule in Berlin-Pankow, sondern auch Lebensmittelretter. Ein ehrenamtlicher Helfer, der beispielsweise in Supermärkten oder Bäckereien Lebensmittel abholt, die nicht verkauft wurden oder auch kleine Fehler haben. An öffentlich zugänglichen Kühlschränken oder Verteilstationen kann sich dann jeder bedienen. Lebensmittelretter gibt es mittlerweile in vielen deutschen Kommunen, sie haben sich im Netzwerk Foodsharing zusammengeschlossen.
    Doch nun droht zumindest einigen Kühlschränken der Berliner Essensretter die Abschaltung. Wegen Hygienebedenken und rechtlicher Hürden. Gerard Roscoe-Misler versteht deshalb die Welt nicht mehr - "sein" Kühlschrank steht in einem Durchgangsflur eines ehemals besetzten Berliner Wohnhauses mit Hinterhöfen am Prenzlauer Berg. Auch private Spenden an Lebensmitteln können hier abgegeben werden. Zudem kümmerten sich auch viele Bewohner um die Verteilstation, die Foodsharer haben eigene Regeln, die beachtet würden: "Zum Beispiel: Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum oder leicht verderbliche Waren wie Fisch oder Produkte mit Ei dürfen hier gar nicht rein."
    Nach EU-Recht sind Foodsharer Lebensmittelunternehmer
    Dass Lebensmittel, die sonst in der Tonne landeten, kostenlos verteilt werden, hält man auch im zuständigen Bezirksamt Pankow grundsätzlich für eine gute Idee. Allerdings schlecht umgesetzt, wie Torsten Kühne, der Stadtrat für Verbraucherschutz, sagt. Vor ihm liegen Kühlschrank-Fotos, die Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht in den vergangenen Wochen gemacht haben. Zu sehen sind schon aufgerissene Verpackungen, beispielsweise mit Sprossen. Der CDU-Politiker ist alarmiert, er verweist auf Briefe, die er bekommen hat.
    "Dort wird uns geschrieben, dass es schon zu Durchfallerkrankungen gekommen wäre. Es wurden zwar keine Zeugen benannt, insofern konnten wir das nicht nachprüfen, aber wir nehmen natürlich solche Hinweise ernst. Es war auch die Rede von Rattenbefall. Also in der jetzigen Form können wir das so nicht akzeptieren."
    Nach EU-Recht definiert der Berliner Senat die Foodsharer als Lebensmittelunternehmer, auch wenn sie damit kein Geld verdienen. Für Stadtrat Torsten Kühne sind damit verbundene rechtliche Klarstellungen und Anforderungen wichtig: "Dass es eine verantwortliche Person, einen Ansprechpartner gibt, der die Lebensmittel entgegennimmt. Und der Bürger, der dort Lebensmittel abgibt, trägt sich in eine Liste ein. Das machen wir nicht, weil wir Bürokratie schätzen und wollen, sondern weil wir in Berlin in den vergangenen Jahren auch immer wieder Lebensmittelskandale hatten. Da war es sehr wichtig, schnell zu wissen, wer diese Lebensmittel in Umlauf gebracht hat. Deshalb ist uns diese Rückverfolgbarkeit so wichtig."
    Kühne will nicht schwarzmalen, aber er erwähnt auch, dass in der Vorweihnachtszeit eine Frau vergiftete Kekse an Kinder verteilen wollte. Berlin sei mitunter ein gefährliches Pflaster.
    Foodsharer befürchten das Aus für eine gute Idee
    Ein Kühlschrank der Berliner Lebensmittelretter wurde bereits behördlich stillgelegt. Er steht am Rande des Eingangs zum Kindermuseum "Machmit" - ebenfalls am Prenzlauer Berg, direkt in der Hausfront am Bürgersteig. Hier engagiert sich Sina Maatsch als Essensretterin, nun ist der Kühlschrank leer und verschlossen: "Der Verteiler wurde super gut angenommen. Es gab auch viele aus der Nachbarschaft, die ihre Lebensmittel hier abgegeben haben. Solche, die sie selbst nicht mehr gebraucht haben. Man hat das beobachten können. Viele kamen ganz zielstrebig mit dem Fahrrad, haben Lebensmittel hineingegeben oder auch wieder rausgenommen."
    Geht es nach den neuen Berliner Mindestanforderungen dürfen künftig Kühlschränke der Essensretter nur noch - Zitat: geschützt in Betriebsräumen - stehen. Das treffe auf einige Verteilstationen in Berlin ohnehin schon zu, so Stadtrat Torsten Kühne: "Wir reden hier nicht von Regeln, die ein Restaurant-Betreiber oder ein Supermarkt zu befolgen hat. Wir sprechen von Mindest-Anforderungen, die auch jede andere gemeinnützige Initiative, wie Lebensmittel-Tafeln oder Suppenküchen befolgen. Ja - und wer sich nicht daran hält und meint, ohne Regeln auf öffentlichem Straßenland solche Einrichtungen aufzubauen, der muss man Ende des Tages mit einer Abräumung rechnen."
    Foodsharing dürfe nicht zu Lebensmitteln "zweiter Klasse" führen, heißt es in den Anforderungen des Berliner Senats. Für die Essensretter eine Hiobsbotschaft - Gerard Roscoe-Misler spricht von völlig überzogenen Maßnahmen. Und befürchtet das Aus für eine gute Idee. "Eine Person müsste alles kontrollieren, was in den Kühlschrank hineingelegt wird. Er müsste es kennzeichnen. Das können wir nicht leisten. Bezahlung hin oder her - wer soll das machen?"