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StartseiteForschung aktuellErde als Nahrung oder Medizin27.03.2019

Essgewohnheiten in GambiaErde als Nahrung oder Medizin

Tonerde essen könnte chemisch und mechanisch bei der Verdauung helfen oder Übelkeit in der Schwangerschaft vermeiden - glauben einige Menschen in Afrika. Auch Tiere essen Erde, wobei es sich auch um eine Art Fressstörung handeln könnte. Zwei US-amerikanische Wissenschaftlerinnen haben dieses Phänomen erstmals in Gambia untersucht.

Von Michael Stang

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Ein Stück Tonerde liegt in der Hand (Jennifer Danzy Cramer)
Es gibt noch Unklarheit darüber, ob Tonerde Nahrung oder Medizin ist. (Jennifer Danzy Cramer)
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2018 fuhr Jennifer Danzy Cramer nach Gambia in Westafrika. Die Anthropologin vom American Public University System wollte in dem vom Senegal umschlossenes Land eigentlich das Verhalten von Pavianen untersuchen.

"In Gambia hatte ich anfangs nur wissen wollen, ob die Menschen dort schon einmal Affen beobachtet hätten, die Erde fressen. Das bejahten alle und verwiesen immer auf dieselbe Stelle. Dann kam schnell heraus, dass auch Frauen dort den Ton essen.

Menschen in Gambia essen "saubere Erde"

Wenn Tiere oder Menschen gezielt Erde konsumieren, bezeichnen Forscher dies als Geophagie. Dieses Verhalten ist vor allem im Osten Afrikas gut untersucht. Dass auch Menschen in Gambia gezielt Ton suchen und ihn essen, hatte bisher niemand erforscht. Jennifer Danzy Cramer kontaktierte Sera Young von der Northwestern University in Evanston, eine Expertin für seltene Essgewohnheiten beziehungswiese Ess-Störungen und eben auch für Geophagie.

"Die Menschen sind sehr vorsichtig und wählen die Erde genau aus, die sie essen wollen, sie sprechen auch immer von 'sauberer Erde'. Manchmal wird der Ton in bestimmte Formen gebracht, vor allem, wenn er verkauft wird. Mitunter erhitzen sie auch die Erde vorab. In Sansibar, wo ich viel geforscht habe, machen die Menschen das. Sie backen den Ton im Ofen oder trocknen ihn in der Sonne. Die Menschen essen also nicht beliebig irgendwelche Erde."

Ton essen soll gegen Schwangerschafts-Übelkeit helfen

In Gambia begann Jennifer Danzy Cramer mit ihrer Studie. Sie fuhr in 23 Dörfer und führte Interviews mit dutzenden Menschen, die über ihre seltsame Ess-Gewohnheit zu sprechen bereit waren. Meist waren das Frauen. Nur fünf Männer berichteten der Anthropologin über das Essen von Erde. Manche bezeichneten es als schlechte Angewohnheit, wie das Rauchen von Zigaretten, anderen sahen darin eine Selbst-Medikation, dass der Ton bei Asthma, Geschwüren oder Parasitenbefall helfen könnte.

"Ich wollte herausfinden, welche Motivation hinter dem Essen von Ton steckt. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass es in Verbindung mit einer Schwangerschaft steht. Auf Nachfragen gaben die Frauen an, dass sie das entweder bei ihrer Mutter selbst gesehen hätten, wenn diese wieder schwanger war oder anderen Frauen hatten ihnen es empfohlen, damit das Essen im Magen bleibt, zudem hilft es gegen die Übelkeit, die vor allem zu Beginn einer Schwangerschaft auftritt."

Im Schnitt lag der tägliche Konsum bei rund 35 Gramm. Die Frauen aber gaben alle an, mit diesem Verhalten ihr Baby zu schützen. Nach einer Schwangerschaft hatten die meisten wieder die Finger vom Ton gelassen. Ob und welchen medizinischen Effekt die "weiße Erde", wie sie häufig genannt wird, hat, müssen weitere Forschungen zeigen, so Sera Young. Denkbar sei, dass der Ton auch vor Durchfall schützen könnte. Nachteile sind bisher noch nicht dokumentiert. Klar sei nur, dass eine vorschnelle Vorverurteilung im Sinne einer unterstellten Essstörung vermutlich falsch ist.

Keine schlechten Erfahrungen mit Tonerde

"Menschen machen ständig eigenartige Dinge, die nicht zwangsläufig gut für sie sind. Wenn wir aber ein Verhalten sehen, dass es auch im Tierreich gibt und von hunderten Arten praktiziert wird, sollten wir innehalten und vielleicht überlegen: Verdammt, vielleicht ist dieses Verhalten auch einfach eine Art Anpassung."

Beide Wissenschaftlerinnen haben die Tonerde übrigens auch selbst probiert und zumindest keine schlechten Erfahrungen gemacht. Demnächst will Jennifer Danzy Cramer wieder zurück nach Gambia fahren und vor allem in Osten des Landes an jenen Tongruben ihre Forschung fortsetzen, in denen sich Paviane und Menschen regelmäßig die "saubere Erde" besorgen.

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