Sonntag, 26. Juni 2022

Essstörungen im Sport
Was passiert wenn Sportlerinnen hungern

Dünne Ärmchen, kaum Busen und Po, hervorstehende Knochen: Viele Sportlerinnen haben scheinbar jedes Gramm Fett wegtrainiert. Essstörungen im Sport sind ein ernstzunehmendes Phänomen geworden - vor allem bei Frauen. Mittlerweile seien die Kontrollmechanismen aber sehr viel strenger geworden, sagte Sportmedizinerin Christine Kopp im Dlf.

Christine Kopp im Gespräch mit Astrid Rawohl | 19.06.2022

Ein Papierblock, auf dem täglich das exakte Körpergewicht notiert wird, liegt auf dem Badewannenrand.
Menschen mit Sport-Anorexie kontrollieren ihr Gewicht mit exzessivem Sport. (dpa / picture alliance / Annette Riedl)
Sportlerinnen mit Essstörungen haben seit 2018 eine offizielle Anlaufstelle: An der Universität Tübingen bietet Christine Kopp eine Sprechstunde für Kadersportler an - "für das "relative Energiedefizit im Sport, im Fachbegriff RED-S". Denn Essstörungen im Leistungssport sind "ein ernstzunehmendes Phänomen geworden", sagte die Sportmedizinerin.
Das Ausbleiben der Regelblutung - teilweise über Jahre hinweg - sei eine Begleiterscheinung. Dazu: Ermüdungsfrakturen, Depressionen und häufige Infekte. Zudem können anhaltende Hormonstörungen eine ganze Lebensplanung verändern - weil sie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können. Ab einem Bodymaßindex (BMI) von 17 sollte man aufmerksam werden. Normal ist bei Frauen 20 bis 24.

Verändertes Essverhalten, ausbleibende Regelblutung, heimliche Nahrungsaufnahme

Warnsignale seien ein verändertes Essverhalten, eine heimliche Nahrungsaufnahme im Verborgenen oder eine ausbleibende Regelblutung, die auf eine Esstörung hindeuten könnten, sagte Sportmedizinerin Christine Kopp im Dlf. Im Sport sei der Übergang von einem Energiedefizit zu einer Essstörung dabei sehr schleichend.
Zu den Risikosportarten für Essstörungen zählen neben Skispringen unter anderem Turnen, Rhythmische Sportgymnastik, Wasserspringen sowie Ausdauersportarten wie Triathlon, Langstreckenlauf, Biathlon und Skilanglauf. In diesen Sportarten sei die Problematik, dass die Ästhetik sehr wichtig ist, das Körperbild mitbewertet wird oder das Körpergewicht durch Gewichtsklassen eine Rolle spielt, sagte Kopp.
Die Sportmedizinerin Christine Kopp
Die Sportmedizinerin Christine Kopp (picture alliance / picture alliance / Frank May)

Mindest-BMI bringt nur wenig

Bei den Skispringern habe man mit der Festlegung eines Mindest-BMI reagiert, allerdings bringe dies nichts, wenn dies nur Deutschland festlege, sagte die Internistin. Allerdings habe jeder Kaderathlet jedes Jahr einen vorgegebenen Check, wo Körpergewicht, Regelblutung oder häufige Infekte überprüft werden. Mittlerweile seien die Kontrollmechanismen sehr viel strenger und die Sportmediziner hätten die Möglichkeit, die Sportler über einen längeren Zeitraum unter Beobachtung zu stellen - ohne das diese von Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Die Sportler müssten dann regelmäßig Angebote zur Ernährungsberatung oder Psychotherapie wahrnehmen oder den Frauenarzt besuchen.
Bei den Ratsuchenden in Kopps RED-S-Sprechstunde kommt im Schnitt auf zehn Frauen ein Mann, berichtete die Medizinerin. Neben Magersucht sei die Bullemie, aber auch die Orthorexie, also die zwanghafte Fixierung auf den ausschließlichen Verzehr von gesunden Nahrungsmitteln, die am häufigsten auftretenden Esstörungen im Sport. Dabei sei vor allem die Bullemie schwierig zu erkennen, weil die Regelblutung und das Körpergewicht gleich bleibe.
Anbei finden Sie die Kontaktdaten der RED-S-Sprechstunde an der Universitätsklinik Tübingen von Christine Kopp.