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StartseiteTag für Tag"Es gibt eine Lust an der Eskalation"30.04.2020

Ethik in der Coronakrise"Es gibt eine Lust an der Eskalation"

Die Folgen der Pandemie würden uns noch lange beschäftigen, sagte die Theologin Petra Bahr, neues Mitglied im Deutschen Ethikrat, im Dlf. Es werde mehr gesellschaftliche Konflikte geben. Dass wieder öffentliche Gottesdienste möglich sind, sieht die Regionalbischöfin mit gemischten Gefühlen.

Petra Bahr im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Petra Bahr, Kulturbeauftragte des Rates der EKD (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
Petra Bahr ist Theologin, Regionalbischöfin von Hannover und Mitglied im Deutschen Ethikrat. (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
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"Die Zahl der Konflikte wird steigen, es gibt eine spürbare Nervosität, eine Dünnhäutigkeit und Lust an der Eskalation. Das führt zu Konflikten, über die man ethisch nachdenken muss", sagte die evangelische Theologin Petra Bahr, die seit heute dem Deutschen Ethikrat angehört. "Auch der neue Ethikrat wird sich mit den vielen Folgen dieser Pandemie befassen: mit den sozialen Verwerfungen, mit medizinethischen Themen und Fragen der Datensouveränität", so Bahr.

Sie sehe die Pandemie nicht als Weckruf, sie sehe darin keine Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen. Das Thema Tod und Sterben werde in der Gesellschaft nicht mehr verdrängt. Bahr, die auch Regionalbischöfin in Hannover ist, widersprach in dieser Hinsicht der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann. Diese hatte im Dlf gesagt, die Menschen seien entwöhnt, sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Bahr hielt dem entgegen, dass Menschen heute offen mit schweren Erkrankungen umgingen. Es gebe eine breite Diskussion um Patientenverfügungen und Sterbehilfe, so Bahr. "Ich glaube nicht, dass diese Pandemie ein Memento mori ist, dass uns daran erinnert, dass wir sterblich sind", sagte sie. 

„Ungangbar mit radikaler Ungewissheit“ 

Für sie sei eine der größten Herausforderungen als Theologin der Umgang mit radikaler Ungewissheit: "diese grundstürzende Erfahrung, dass man sagen muss: Ich weiß es nicht. Wir müssen ertragen, dass sogar Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sagen: Wir wissen es nicht genau." Eine der wichtigen Fragen sei, woher die Resilienz komme, das auszuhalten, ohne sich in falsche Gewissheiten zu flüchten.

Ihr persönlich gehe die Exodus-Geschichte der Bibel in Coronazeiten nahe: "Das ist eine Geschichte von einem ziemlich chaotischen Volk, das durch die Wüste geht und nicht weiß, ob es ankommt. Ein Weg durch Ungewissheit, Krankheit, Rebellion und Revolte gegenüber den Führern."

„Religionsfreiheit nicht angegriffen“ 

Zu der Entscheidung der Bund-Länder-Konferenz, Gottesdienste wieder zuzulassen, sagte Petra Bahr: "Ich freue mich, dass Gottesdienste wieder stattfinden können, aber ich gebe zu, dass das, was da unter großen Auflagen geplant ist, nicht die Art von Gottesdienst ist, auf die ich mich von Herzen freue." Christliche Existenz werde nicht nur im Gottesdienst gelebt, sondern im Alltag.

Am Donnerstag hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass religiöse Versammlungen wieder zugelassen werden könnten. Die Religionsfreiheit sei allerdings durch die bisherigen Versammlungsverbote nicht in Frage gestellt worden, so Bahr im Dlf-Gespräch. Verboten worden seien lediglich religiöse Versammlungen, also auch öffentliche Gottesdienste. "Für andere da zu sein, für sich selbst ein religiöses Leben zu führen und öffentlich über Religion zu sprechen, das ist ja davon gar nicht betroffen", sagte die Theologin. 

Religionen lebten von Gemeinschaft, vom miteinander feiern, beten, singen und essen. Dass dies nicht mehr stattfinden könne, sei ein großer Verlust. Der lasse sich aber durch die Öffnung für Gottesdienste nicht kompensieren. Denn Gottesdienste mit strengen Hygienevorschriften widersprächen dem, was einen Gottesdienst ausmache. Mit Blick auf die Zukunft rechnet Bahr damit, dass sich das Bild religiöser Gemeinschaft durch Corona ändert. Sie warnte vor voreiliger Entspannung. "Wir wissen, dass auch aus Kirchen, Kirchenkonzerten und kirchlichen Versammlungen hohe Infektionswellen entstanden sind, nicht nur in Deutschland."

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