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StartseiteForschung aktuell"Es geht ans Eingemachte mit Blick auf unser Menschsein"09.05.2019

Ethikrat zu Keimbahn-Eingriffen"Es geht ans Eingemachte mit Blick auf unser Menschsein"

Lulu und Nana heißen die Designerbabys aus dem Genlabor, die der chinesische Biophysiker Jiankui He mit einem Eingriff ins Erbgut manipulierte. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Peter Dabrock forderte im Dlf eine zivilgesellschaftliche Debatte: Es gehe um Menschenwürde, Freiheit, Solidarität.

Peter Dabrock im Gespräch mit Arndt Reuning

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Sie sehen ein symbolisches Bild für Designer-Babys: Die Silhouetten von Embyonen in grellen Farben. (imago)
Werden Designer-Babys irgendwann zur Normalität? (imago)
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Arndt Reuning: Im vergangenen November stellte der chinesische Biophysiker Jiankui He der Weltöffentlichkeit zwei Kleinkinder vor, die durch künstliche Befruchtung gezeugt worden waren – Lulu und Nana. Das Besondere an ihnen: Noch bevor die befruchteten Eizellen in die Gebärmutter implantiert worden waren, hatte der chinesische Forscher mit Hilfe der Gen-Schere Crispr/CAS das Erbgut der Mädchen so verändert, dass sie vor einer HIV-Infektion geschützt sind. Das stellte eine nie zuvor dagewesene Manipulation am menschlichen Erbgut dar, nämlich einen Eingriff in die menschliche Keimbahn, denn die Mädchen können diese Eigenschaft nun selbst weitervererben. Heute nun legte der Deutsche Ethikrat in Berlin eine Stellungnahme vor zu den Möglichkeiten, in das Erbgut von menschlichen Embryonen oder Keimzellen einzugreifen. Von dem Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, von Peter Dabrock, wollte ich vor der Sendung wissen, wie das Gremium solch einen Eingriff ethisch bewertet.

Peter Dabrock: Ein Eingriff in die menschliche Keimbahn ist uns derzeit absolut zu risikoreich, derzeit unverantwortlich, aber kein Mitglied des Deutschen Ethikrates hat gesagt, dass man sich das grundsätzlich überhaupt nicht vorstellen könnte. Also wir sagen nicht, es ist kategorisch verboten, in die menschliche Keimbahn einzugreifen, aber es müssen bestimmte Voraussetzungen, wenn überhaupt, erfüllt sein.

Sehr komplexer Entscheidungsbaum für Keimbahneingriffe

Arndt Reuning: Welche Voraussetzungen, welche Bedingungen wären das denn?

Dabrock: Es muss natürlich so sein, dass es hinreichend sicher ist – uns ist beiden klar, dass das ein durchaus offener Begriff ist – und hinreichend wirksam sein. Dann kann man überhaupt nur darüber nachdenken, einen solchen Eingriff durchzuführen. Natürlich gibt es dann auch eine Gruppe im Deutschen Ethikrat, die dann sagt, dass das auch in der Embryonenforschung im Bereich der Grundlagenforschung, um überhaupt dahinzukommen, nicht statthaft ist, und wenn das so gesehen wird, dann ist natürlich auch für diese Ratsmitglieder, es sei denn es gibt Alternativmethoden oder andere Länder kommen zu entsprechenden Ergebnissen, sehr schwierig, überhaupt zu sagen, auf einer zweiten Ebene, dass man dann dafür ist, Keimbahneingriffe durchzuführen. Dafür haben wir einen sehr komplexen Entscheidungsbaum entworfen, um deutlich zu machen, wo wann welche Positionen dafür sind oder wann welche abbiegen und sagen, ab hier mache ich nicht mehr mit.

In großen Stickstoffbehältern werden gefrorene Embryonen bei -130 Grad gelagert. Experimente an diesen menschlichen Embryonen waren bislang in den meisten Ländern untersagt. Doch angesichts der Verheißung, Menschen schon im Vorfeld vor Krankheiten schützen zu können, verflüchtigt sich das Tabu zusehends. Nicht nur in China werden rote Linien überschritten. Auch in den USA wurde kürzlich die DNA von menschlichen Embryonen mit Hilfe der Genschere verändert. Viele fragen sich jetzt besorgt, ob bald die "Designer-Babys" kommen. (Deutschlandradio / Peter Kreysler)In großen Stickstoffbehältern werden gefrorene Embryonen bei -130 Grad gelagert. Experimente an diesen menschlichen Embryonen waren bislang in den meisten Ländern untersagt. Nicht nur in China werden rote Linien überschritten. (Deutschlandradio / Peter Kreysler)

"Elementar ethische Fragen immer mitberücksichtigen"

Reuning: In der Geschichte der Medizin lassen sich ja viele Beispiele finden für sprunghafte Fortentwicklungen, die aber auch durchaus mit Risiken verbunden waren, die andererseits großen Nutzen gebracht haben. Also ich denke zum Beispiel an die erste Impfung mit Lebendimpfstoffen. Wo genau sehen Sie denn die Grenzüberschreitung beim Eingriff in die menschliche Keimbahn, oder gibt es die nicht?

Dabrock: Eine ganz wichtige Frage, die Sie stellen. Sehr viele Stellungnahmen zuvor haben das allein beantwortet, indem sie auf Chancen und Risiken geachtet haben. Der Deutsche Ethikrat verfolgt einen anderen Weg. Der Deutsche Ethikrat verbindet die Abwägung von Chancen und Risiken mit der Frage nach grundlegenden Orientierungsmaßstäben, nennen wir das, die auch immer im Schwange sind – also Fragen nach Menschenwürde, nach Freiheit, nach Schadensvermeidung, nach Natürlichkeit, nach Solidarität. Wir sind der Auffassung, auch diese ganz elementar ethischen Fragestellungen müssen immer mitberücksichtigt werden, und dann kommt es tatsächlich darauf an, neben Chancen und Risiken diese verschiedenen Kriterien mit zu berücksichtigen und dann zu einem Urteil in dem jeweiligen Fall zu kommen. Wir wollen diese Fragestellungen so debattieren, dass wir auf Entwicklungen, die auf die eine oder andere Weise weltweit stattfinden und die manchmal, wie Sie gerade gesagt haben, auch sprunghaft dann plötzlich sein können, vorbereitet sind, und deswegen haben wir sehr unterschiedliche Szenarien, sehr viele ethische Kriterien und dann diesen Entscheidungsbaum entwickelt, in dem wir dann allen, die sich an dieser Debatte beteiligen wollen – und das ist eine Menschheitsfrage –, daran tatsächlich Orientierungshilfe für anbieten.

Entwicklung hat in den letzten Jahren "alle überrollt"

Reuning: Wenn wir die Beseitigung von Krankheiten jetzt mal aus dem Auge lassen, gibt es ja auch noch ein Ziel, das als Enhancement bezeichnet wird, als eine gezielte Verbesserung von menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten. Das würde ja möglicherweise bedeuten, dass wir uns Menschen machen nach unserem Bild, nach unseren Wertvorstellungen, oder etwas weniger euphemistisch würde man das wohl auch als Eugenik bezeichnen. Wie steht denn der Deutsche Ethikrat dazu?

Dabrock: Der Deutsche Ethikrat debattiert diese Fragestellung, aber auch unter der Maßgabe, dass es derzeit sehr unwahrscheinlich ist, dass so etwas – gerade wenn man so an Superman denkt – realisiert wird, aber wir debattieren es unter der Maßgabe, dass das sehr unwahrscheinlich ist, dennoch, weil uns ja doch die Entwicklung, die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Gebiet in den letzten Jahren, wenn man ehrlich ist, doch zum Teil alle nicht nur überrascht hat, sondern überrollt hat. Deswegen wollen wir vorbereitet sein dafür, und wir wägen sehr sorgfältig neben der wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit ab, was für uns Menschen dabei auf dem Spiel steht, auch mit Blick auf unsere elementaren Orientierungsmuster, mit Blick auf unser individuelles und unser gesellschaftliches Zusammenleben. Im Grunde alle Ethikratsmitglieder sagen, jedenfalls wenn man unter Verbesserung tatsächlich so einen Superman sich vorstellt, dass das unverantwortlich ist, aber wir debattieren auch, dass der Übergang zwischen Enhancement und klassischer medizinischer Therapie – nehmen Sie das Stichwort Prävention, Impfung, also eine Keimbahnimpfung – manchmal schwieriger festzulegen ist als man das so auf dem ersten Zugriff, wenn man nur an so einen Superman denkt, sich denken könnte.

Auf diesem Screenshot spricht der chinesische Forscher He Jiankui während eines Interviews in der Stadt Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong. Die Behörden untersuchen, ob er tatsächlich zwei Babys gentechnisch manipuliert hat. Nach Angaben von He Jiankui wurde das Gen CCR5 der Zwillinge Lulu und Nana erfolgreich verändert. (dpa / Chen Jialiang / Imaginechina)er chinesische Forscher He Jiankui. Er hat nach eigenen Angaben das Gen CCR5 der Zwillinge Lulu und Nana erfolgreich verändert. (dpa / Chen Jialiang / Imaginechina)

Sieben Forderungen an die Politik

Reuning: Steht denn der Deutsche Ethikrat einstimmig hinter diesem Papier, oder wie stark variieren die Meinungen innerhalb des Gremiums?

Dabrock: Der Deutsche Ethikrat ist von Gesetzes wegen ein plural verfasstes Gremium, und es wäre erstaunlich, wenn er in diesen Fragen, wo es wirklich um elementares menschliches Lebensverständnis geht, einfach mit einer Stimme sprechen würde, aber wir haben doch sieben Forderungen auch an die Politik, Bundestag, Bundesregierung, die wir einstimmig gemeinsam gefasst haben. Dazu zählt neben der gerade genannten Einschätzung, dass die Keimbahn für sich selber nicht sakrosankt ist, vor allen Dingen der starke Impuls an Bundesregierung, Bundestag, darauf hinzuarbeiten, dass es zu einer internationalen Debatte kommt, jenseits der Wissenschaftsgemeinde, die darüber schon heftig debattiert, aber es muss in die Zivilgesellschaft hineinkommen, weil es wirklich eine Frage ist, bei der wir am Ende darüber nachdenken müssen, dass es um das Menschsein an sich geht. Das ist so komisch für viele. Es ist so eine komplizierte Fragestellung. Die ist nicht so sexy für tagesaktuelle News, und trotzdem geht es ans Eingemachte mit Blick auf unser Menschsein. Wir dürfen uns nicht wundern, dass irgendwann plötzlich Dinge sich so entwickelt haben, dass wir sagen, hoppla, da haben wir gar nicht hingewollt. Darauf aufmerksam zu machen, dass hier in der Tat eine komplizierte, eine komplexe Fragestellung im Schwange ist, die uns aber in unserem Menschsein betrifft. Das haben wir alle unterschrieben und haben alle der Bundesregierung und dem Bundestag gesagt, engagiert euch dafür, nicht nur in Deutschland, sondern auf der internationalen Ebene, weil das eine globale Fragestellung ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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