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StartseiteUmwelt und VerbraucherVon legalem und illegalem Fischfang20.10.2020

EU-Importe aus GhanaVon legalem und illegalem Fischfang

85 Prozent des Fischfangs in Ghana wird in die EU importiert. Doch viele ghanaische Fangflotten fischen illegal, Bestände werden überfischt. Die dortige Regierung und die EU könnten mehr gegen illegale Praktiken in der Fischereiindustrie tun - aber deren Strukturen sind intransparent und komplex.

Von Katja Scherer

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Ein chinesischer Fischtrawler im Meer, Pohnpei, Mikronesien, Ozeanien. (picture alliance / Imagebroker)
Die industriellen Fangflotten gehören chinesischen Besitzern, die sich hinter ghanaischen Scheinfirmen verstecken - sagen die traditionellen Handwerksfischer (picture alliance / Imagebroker)
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Ob Thunfisch, Sardinen oder Kalmare: Das Meer vor Ghana gilt normalerweise als fischreich. Derzeit aber werden dort bestimmte Fischarten knapp, weil Bestände illegal überfischt werden. Dafür trage indirekt auch die EU Verantwortung, kritisiert Georg Werner von der Environmental Justice Foundation*. Der Fisch, der hier importiert werde, stamme nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit auch von Unternehmen, die illegal fischen:

"Das heißt: Es besteht die Möglichkeit, dass Unternehmen, die mit illegaler Fischerei aufgefallen sind, auch Thunfisch in Dosen in europäische Märkte exportieren könnten, sodass letztlich die europäischen Konsumentinnen und Konsumenten unbeabsichtigter Weise illegale Praktiken unterstützen."

Intransparente Strukturen – illegale Methoden

Die Environmental Justice Foundation* ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich seit 20 Jahren mit den Strukturen in der Fischereiindustrie beschäftigt. Diese sind oft intransparent und komplex – und das gilt nicht zuletzt für Ghana. Die Unternehmen, die dort industriellen Fischfang für den Export betreiben, besitzen in aller Regel eine offizielle Fanggenehmigung. Auf den ersten Blick gibt es also kein Problem. Viele Unternehmen fischten aber zusätzlich zu diesem legalen Geschäft auch illegal, sagt Werner:

"Sprich zum einen durch die Verwendung verbotener Netze mit zu kleiner Maschengröße, zum anderen fischen sie auch oberhalb des Meeresbodens, und außerdem werfen sie ihre Netze in Gebiete in Küstennähe aus, die kleinen Fischern vorbehalten sind."

Mit diesem Fang betreiben die industriellen Fangschiffe dann den sogenannten "Saiko"-Handel. Das heißt: Sie geben den illegal gefangenen Fisch auf hoher See an dubiose Zwischenhändler ab, und die wiederum verkaufen die Ware an Land. Darüber hinaus gibt es Fangschiffe, die in die EU exportieren, die zwar nicht direkt in den Saiko-Handel verwickelt sind, aber trotzdem den gleichen Betreibern gehören, sagt Georg Werner.

"Und da besteht dann halt dieser kleine, aber feine Link."

"Wir fangen nichts mehr"

Für kleine Handwerksfischer in Ghana ist der illegale Saiko-Handel ein enormes Problem. Im Meer bleibt für sie derzeit nämlich kaum noch Fisch übrig – und stattdessen müssen sie sogar dann die illegalen Fänge auf dem lokalen Markt einkaufen, um für ihre Familien etwas zu essen zu haben:

"Wir fangen nichts mehr! Wir sind mitten in der Hochsaison von Mitte Juni bis Ende September. Aber es gibt praktisch keine Fische mehr!"

Fischer ziehen ein Boot an Land am Fischereihafen in Jamestown in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (imago / Shao Haijun)Von den Handwerksfischern in Ghana haben viele kaum noch ein Einkommen (imago / Shao Haijun)

Sagt Nana Jojo Solomon. Er leitet eine Organisation für Handwerks-Fischer in Ghana. Viele Fischpopulationen stünden kurz vor dem Zusammenbruch, sagt er. Die Fischer hätten kaum noch Einkommen, viele Familien litten Hunger. Den Betreibern der industriellen Fangflotte sei das egal, glaubt er. Die Schiffe gehörten chinesischen Besitzern, die sich hinter ghanaischen Scheinfirmen versteckten:

"Wenn unsere Fischbestände zusammengebrochen sind, werden die Chinesen weiterziehen. Wissenschaftler sagen, dass sich noch in diesem Jahr etwas verändern muss, um einen Kollaps der Bestände zu verhindern. Deswegen werden viele Fischer panisch und wütend."

Mehr Engagement der Behörden in Ghana nötig

85 Prozent des Fischs, der in Ghana für den Export gefangen wird, geht nach Angaben von EJF in die EU. Vor allem nach Spanien, Portugal und Italien. Deutschland importiert einen kleinen Teil der Ware. Im Jahr 2019 waren es knapp 9.000 Tonnen Thunfisch- und Boniten-Konserven, schreibt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Einfuhren aus Ghana würden immer voll umfänglich manuell kontrolliert, heißt es dort weiter, da das Land als "Risiko-Flaggenstaat" gelte. Allerdings schränkt das Ministerium auch ein:

"Bei der Bekämpfung der Saiko-Fischerei in Ghana sind in erster Linie die Behörden in Ghana gefragt. Ohne die Mithilfe der ghanaischen Behörden und Auskünfte darüber, ob ein Schiff in illegale Praktiken verwickelt ist, lässt sich allein anhand der validierten Papiere keine illegale, unregulierte, undokumentierte Fischerei feststellen."

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Mehr Engagement ihrer Regierung – dafür haben kürzlich auch die Fischer in Ghana demonstriert. Die Regierung hat daraufhin versprochen, Wasserschutzpolizei und Marine besser auszustatten. Und Nana Jojo Solomon warnt, dass es sonst Aufstände geben könnte:

"Wir müssen schnell handeln. Wenn die Fischbestände tatsächlich zusammenbrechen, werden wir ein nationales Sicherheitsproblem bekommen."

Georg Werner von der Environmental Justice Foundation* fordert außerdem mehr Engagement von der EU. Diese müsse Ghana im Kampf gegen die illegale Fischerei besser unterstützen und darüber hinaus europäische Importeure verpflichten, ihre Lieferketten noch umfassender zu kontrollieren.

*An dieser Stelle wurde eine Organisationsbezeichnung korrigiert.

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