Kinder und Jugendliche auf Social Media
Verbieten oder nicht verbieten – das ist hier die Frage

TikTok, Instagram und andere Social-Media-Plattformen werden für psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen verantwortlich gemacht. Die Bundesregierung scheint auf eine Altersbeschränkung zuzusteuern.

    Eine junge Frau liegt mit dem Smartphone in der Hand auf dem Bett.
    Zu viel Social Media kann bei Kindern zu ernsthaften Problemen führen - nicht nur in Deutschland wird deswegen ein Altersbeschränkung in Erwägung gezogen (Symbolfoto). (picture alliance / dpa / Elisa Schu)
    Dass die ständige und ausufernde Nutzung von Social-Media-Plattformen bei Kindern und Jugendlichen zu psychischen Problemen führen kann, wird kaum noch bestritten. Nach einer Studie der Krankenkasse DAK verbringen die 10- bis 17-Jährigen in Deutschland werktags über zweieinhalb Stunden mit TikTok, Instagram und Co., am Wochenende sind es sogar knapp vier Stunden. Insgesamt weist demnach mehr als jeder vierte junge Mensch in Deutschland ein problematisches, teils suchtähnliches Nutzungsmuster auf.
    Wie man Kinder und Jugendliche davor schützen kann, wird nun schon länger diskutiert. Dabei scheint sich in Union und SPD die Ansicht durchzusetzen, dass ein Nutzungsverbot bis zu einem bestimmten Alter sinnvoll wäre. Das Bundesfamilienministerium hat eine Kommission eingesetzt, die im Sommer einen Bericht vorlegen soll. Erst danach soll eigentlich eine Entscheidung getroffen werden.
    Doch die Diskussion ist schon jetzt in vollem Gang. Der Bundesparteitag der CDU in Stuttgart hat sich gerade für eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke ausgesprochen. Und aus der SPD-Bundestagsfraktion stammt ein Papier, das ebenfalls fordert, Kindern unter 14 Jahren die Nutzung sozialer Medien zu untersagen. Für Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren soll es spezielle Versionen der Plattformen geben. Ein Verbot steht also im Raum. Die Argumente dafür und dagegen.

    Inhalt

    Was sagen die Befürworter eines Social-Media-Verbots?

    „Wenn Kinder heute im Alter von 14 Jahren bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag, wenn die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet, dann brauchen wir uns über Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten von jungen Menschen nicht zu wundern“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich in einem Podcast.
    Merz zeigt sich deswegen offen für ein Social-Media-Verbot. Auch die Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hat sich schon ähnlich geäußert. Sie begrüßte ein Papier aus der SPD-Bundestagsfraktion, in dem ein Verbot für Kinder unter 14 Jahren gefordert wird. Für die 14- bis 16-Jährigen soll es dann eine Jugendversion der Plattformen geben.
    Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich dafür ausgesprochen, dass Kinder unter 13 Jahren keine Social-Media-Accounts einrichten dürfen. Für 13- bis 15-jährige Jugendliche sollten soziale Medien nur mit elterlicher Zustimmung nutzbar sein. Geht es nach den Forschern, müssen die Netzwerke für 13- bis 17-Jährige zudem altersgerecht gestaltet werden.
    Tatsächlich zeigen viele Studien inzwischen, dass soziale Medien die psychische Gesundheit beeinflussen können. Die Risiken sind hoch, insbesondere bei intensiver und passiver beziehungsweise vergleichsorientierter Nutzung. Zu den Algorithmen und Designelementen, die dazu beitragen, dass die jungen Nutzer immer weiter auf der Plattform verbleiben, kommen Gefahren wie Online-Mobbing und nicht jugendfreie Inhalte.

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    Die Risiken sind inzwischen auch Thema vor Gericht. In den USA muss sich der Konzern Meta wegen möglicher Suchtgefahren seiner Online-Netzwerke Facebook und Instagram vor Gericht verantworten. Firmenchef Mark Zuckerberg wies bei einer Anhörung den Vorwurf zurück, die Plattformen würden gezielt Kinder ansprechen. Von den Klägern vorgelegte interne Dokumente legen jedoch eine andere Strategie nahe.

    Wie argumentieren die Gegner eines Verbots?

    Die Gegner eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche argumentieren unter anderem, dass die Debatte über die Plattformen zu verkürzt geführt wird. Die Diskussion gehe am wesentlichen Kern des Problems vorbei, sagt beispielsweise die Bildungsforscherin Nina Kolleck. Der zentrale Hebel sollte die Verantwortung der Plattformen sein – man müsse beim Design und den Algorithmen ansetzen. Manipulative Strukturen müssten begrenzt und personalisierte Dauerfeeds abgeschafft werden, so die Wissenschaftlerin. Ein Verbot kratze nur an der Oberfläche.
    Auch die Generalsekretärin der Bundeschülerkonferenz Amy Kirchhoff hat deutliche Zweifel, ob ein Verbot der richtige Weg ist. Für sie ist suchtähnliches Nutzungsverhalten nicht in erster Linie ein Problem des Alters, sondern fehlender Medienkompetenz. Kirchhoff verweist darauf, dass viele Jugendliche sich über die Plattformen auch über politische Themen informieren – ein Verbot bedeute dann, dass eine „Hauptinformationsquelle“ wegfalle.
    Kritiker eines Verbots verweisen außerdem darauf, dass eine Altersbeschränkung ein tiefer Eingriff in das Recht junger Menschen auf informationelle Selbstbestimmung wäre. "Soziale Medien sind ⁠Teil unserer Lebensrealität", sagt der bayerische Digitalminister Fabian Mehring. "Aus Überforderung durch diese Entwicklung einen digitalen Verbotsstaat zu errichten, wäre eine Kapitulation vor der digitalen Transformation."

    In welchen Ländern wird noch über ein Verbot nachgedacht?

    In Frankreich hat die Nationalversammlung bereits ein Verbot für unter 15-Jährige auf den Weg gebracht, und auch Spanien plant eine Zugangsbeschränkung für TikTok, Instagram & ⁠Co nach australischem Vorbild.
    Österreich und Tschechien wollen noch dieses Jahr folgen. "Der Entzug von Social Media und Smartphone löst mittlerweile die gleichen körperlichen Symptome aus wie ein eiskalter Entzug von Drogen", sagt die österreichische Familienministerin Claudia Bauer. Albanien hatte zuletzt ein knappes Jahr lang den Zugang zu TikTok gesperrt, nachdem ein Streit auf der Plattform eskaliert und ein Jugendlicher infolgedessen von einem Mitschüler erstochen worden war. Anfang Februar 2026 wurde die Sperre wieder aufgehoben.

    Welche Rolle spielt die EU bei der Frage eines Verbots?

    Eine große. Für eine Regulierung von Social-Media-Plattformen ist in Europa in erster Linie die Europäische Union zuständig. Grundlage ist der Digital Services Act (DSA) der EU, der zahlreiche Bestimmungen enthält, aber keine pauschale Altersgrenze vorgibt. Die EU-Kommission prüft derzeit, ob sie eine solche Regelung auf den Weg bringen soll. Diese würde dann für alle EU-Staaten gelten.
    Das Europäische Parlament hat ein EU-weit geltendes Mindestalter von 16 Jahren für den Zugang zu sozialen Medien vorgeschlagen. Ob EU-Länder auch im Alleingang nationalstaatliche Regelungen erlassen können, ist fraglich. Über die Vereinbarkeit von nationalen Regelungen mit EU-Recht müsste am Ende der Europäische Gerichtshof (EuGH) entscheiden.

    Funktioniert das Social-Media-Verbot in Australien?

    Nur bedingt. Das Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren trat in Australien im Dezember 2025 in Kraft. Die Plattformen kontrollieren nun das Alter ihrer User mithilfe von hochgeladenen Ausweisdokumenten, einer Gesichtserkennung und digitalen Spuren im Netz.
    Doch das funktioniert offenbar nicht lückenlos, denn noch immer sind viele unter 16-Jährige auf den gängigen Plattformen unterwegs. Manche haben es geschafft, die Altersprüfung auszutricksen, andere nutzen den Account der Eltern oder weichen auf Gaming-Plattformen aus, die nicht vom Verbot betroffen sind.
    Die Regierung lässt sich von den Unternehmen jeden Monat die Anzahl der gesperrten Accounts zeigen. Rund fünf Millionen sind es bislang. Schwachstellen bei der Sperrung will die Regierung durch Anpassungen des Gesetzes beheben. Bei Verstößen gegen die Alterssperre haben Kinder und Eltern nichts zu befürchten, den Plattformbetreibern drohen hingegen Strafen von bis zu 30 Millionen Euro.

    Onlinetext: Asmus Heß