Prozess gegen Tech-Konzerne
Social Media vor Gericht

Eine 20-Jährige zieht gegen Instagram und YouTube vor Gericht. Ihr Vorwurf: Die Plattformen sind bewusst suchtfördernd gebaut. Wie gefährlich ist Social Media wirklich? Und welche Folgen hätte ein Urteil für die Tech-Branche?

    Eine junge Frau sitzt und hält ein Smartphone mit beiden Händen. Sie blickt auf das Display. Ihr Gesicht ist unscharf im Hintergrund.
    Studien bringen die intensive Social-Media-Nutzung mit Konzentrationsproblemen, Stress und depressiven Symptomen in Verbindung (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
    In einem Prozess in Los Angeles klagt eine 20-Jährige Frau gegen die Social-Media-Plattformen Instagram und YouTube. Sie wirft ihnen vor, ihre Angebote bewusst so gestaltet zu haben, dass Nutzer danach süchtig werden, und führt ihre Depressionen und Angstzustände darauf zurück. Das Verfahren könnte weitreichende Folgen für Social-Media-Unternehmen haben. Und auch in Deutschland und Europa befeuert der Prozess die Debatte über strengere Regeln für soziale Netzwerke.

    Inhalt

    Worum es im US-Prozess geht

    Im Mittelpunkt des Prozesses steht eine 20-jährige Frau, die unter dem Kürzel KGM auftritt. Bereits als Sechsjährige nutzte sie Social-Media-Plattformen wie YouTube und später Instagram. Es folgten Accounts bei Snapchat und TikTok. Funktionen wie das endlose Scrollen hätten sie immer tiefer in einen Strudel aus Konsum und sozialem Vergleich gezogen, berichtet sie.
    Die Klägerin macht ihre intensive Nutzung für Depressionen, Angstzustände und eine massive Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verantwortlich. Besonders Filter und algorithmisch empfohlene Inhalte hätten ihr Selbstbild verzerrt. Vor Gericht wird nun geklärt, ob diese Funktionen bewusst so gestaltet wurden – und ob die Unternehmen für mögliche Folgen verantwortlich gemacht werden können.
    KGM richtete ihre Klage gegen Instagram, YouTube, Snapchat und TikTok. Die Firmen hinter TikTok und Snapchat gingen im Vorfeld einen Vergleich mit der Klägerin ein. Instagram und YouTube wollen die Vorwürfe vor Gericht klären lassen.

    Juristische Hürden und die Verteidigung der Tech-Konzerne

    In den USA sind Social-Media-Plattformen durch die sogenannte Regelung “Section 230” weitgehend vor Klagen geschützt. Demnach können Unternehmen nicht für Inhalte haftbar gemacht werden, die ihre Nutzer veröffentlichen. Auf diesen Schutz beriefen sich auch die Plattformen im aktuellen Verfahren in Los Angeles und beantragten die Abweisung der Klage. Ihr Argument: Selbst wenn der Klägerin Schaden entstanden sei, gehe dieser auf Beiträge anderer Nutzerinnen und Nutzer zurück, nicht auf die Unternehmen selbst.
    Die zuständige Richterin Carolyn Kuhl stellte allerdings klar, dass es durchaus eine Haftung geben könnte, wenn der Schaden auf das Design der Plattform zurückzuführen sei. Im konkreten Fall gebe es Hinweise darauf, dass Funktionen von Instagram die Klägerin zu zwanghaftem Videokonsum verleitet haben könnten.
    Die Klägerin und ihre Anwälte müssen nun die Geschworenen davon überzeugen, dass Funktionen von Instagram und YouTube ein wesentlicher Faktor für ihre psychischen Probleme waren.
    Der Mutterkonzern Meta hält dagegen, die Schwierigkeiten der jungen Frau hätten bereits vor ihrer Social-Media-Nutzung bestanden. Außerdem sei bei ihr keine klinische Sucht diagnostiziert worden. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erklärte vor Gericht, dass Meta inzwischen keine Ziele mehr für möglichst lange Nutzungszeiten seiner Apps setze. Auch dass Social Media süchtig macht, bestreiten die angeklagten Unternehmen.

    Social Media und psychische Gesundheit: Was die Wissenschaft zeigt

    Plattformen wie Instagram oder TikTok sind darauf ausgelegt, dass Nutzer möglichst viel Zeit dort verbringen. Wenn man Inhalte liked, zeigt der Algorithmus ähnliche Beiträge, was die Nutzung weiter verstärkt. Die Plattformen profitieren von der längeren Verweildauer der Nutzer - und die Nutzer wiederum fühlen sich gut, wie der Psychologe Christian Montag erklärt. Studien aus den USA zeigen demnach, wie stark sogenannte Likes wirken, denn sie aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn. Dadurch entstehen positive Gefühle, die Menschen dazu bringen, immer wieder auf die Plattform zurückzukehren.
    “Es gibt schon sehr viele Hinweise, dass wie hier von Sucht sprechen können”, erklärt Bildungsforscherin Nina Kolleck. Eine aktuelle Studie des Deutschen Gesundheitsbarometers zeigt, dass über ein Viertel der Befragten hierzulande soziale Medien in einem suchtähnlichen Ausmaß nutzt.

    Deutliche Suchtsymptome bei vielen jungen Menschen

    Bei den unter 20-Jährigen weist sogar mehr als die Hälfte deutliche Suchtsymptome auf, bei den 20- bis 39-Jährigen etwa ein Drittel. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Die möglichen Folgen seien Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen und psychische Belastungen.
    Auch andere Studien geben Hinweise darauf, dass soziale Medien die psychische Gesundheit beeinflussen können. Sie können etwa Konzentrationsprobleme, Stress, Angst und depressive Symptome verstärken. Zwar gibt es laut Kolleck keine pauschale Kausalität im Sinne von Social Media mache automatisch krank, jedoch bestünden Risiken, insbesondere bei intensiver und vergleichsorientierter Nutzung.
    Besonders problematisch seien eine rein passive Nutzung und Cybermobbing. Gerade bei Kindern und Jugendlichen könnten dadurch negative Folgen noch verstärkt werden. Online- und Offlinewelt lassen sich laut Kolleck heute kaum noch trennen. Was in sozialen Netzwerken passiere, beeinflusse stark die Identitätsentwicklung. Viele Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene identifizierten sich so sehr mit ihrem Online-Leben, dass es spürbare Auswirkungen auf ihr reales Leben habe.

    Auch Erwachsene sind betroffen

    Eine repräsentative Studie der Hochschule Macromedia legt nahe, dass auch Erwachsene von den negativen Auswirkungen sozialer Medien betroffen sind. Demnach treten bei jedem vierten Deutschen bis zum Alter von 44 Jahren pathologische oder problematische Nutzungsmuster auf.
    „Die Politik darf nicht länger so tun, als sei das Problem mit der Volljährigkeit erledigt. Exzessive Social-Media-Nutzung belastet längst auch die Arbeitswelt, Beziehungen und die psychische Gesundheit von Erwachsenen“, sagte Studienleiter René Arnold. In der Studie wird auch explizit das Design der Plattformen als Suchtverstärker genannt.
    Auch das österreichische Forschungsprojekt ADDICT kommt zu dem Schluss, dass bestimmte Design-Elemente sozialer Medien zwanghafte Nutzung fördern können, zum Beispiel endloses Scrollen oder automatisch startende Videos. In Fallstudien zu TikTok und Instagram stuften die Forschenden den Großteil der Funktionen als hochriskant ein.

    Was für Tech-Konzerne auf dem Spiel steht

    Für die Tech-Branche steht im aktuellen Fall weit mehr auf dem Spiel als ein einzelner Schadensersatzfall. Der Prozess in Los Angeles gilt als Testlauf für ähnliche Klagen in den USA gegen Meta, Google, Snap und TikTok. Familien, Schulbezirke und mehrere Bundesstaaten haben inzwischen Tausende Klagen eingereicht. Sie werfen den Unternehmen vor, eine psychische Gesundheitskrise bei Jugendlichen mitverursacht zu haben.
    In den vergangenen Jahren hatten zudem investigative Recherchen interne Dokumente von Meta ans Licht gebracht, die zeigen, dass dem Unternehmen mögliche gesundheitliche Schäden durch seine Plattformen bekannt waren, diese Erkenntnisse aber nicht veröffentlichte.
    Sollten die Geschworenen im aktuellen Fall zu dem Schluss kommen, dass Plattform-Designs suchtverstärkend wirken und Unternehmen dafür haftbar gemacht werden können, könnte das eine Welle weiterer Verfahren auslösen und die bisherige rechtliche Verteidigungsstrategie der großen Tech-Unternehmen deutlich schwächen. Beobachter ziehen dabei auch Parallelen zu früheren Verfahren gegen die Tabakindustrie, bei denen Unternehmen am Ende hohe Summen zahlten und ihre Werbepraktiken einschränken mussten.

    Regulierung von Social Media: Wie Deutschland und die EU reagieren

    Der Prozess in Los Angeles bringt in Deutschland die Diskussion über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche wieder in Gang. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich offen dafür. Eine Expertenkommission zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt soll innerhalb eines Jahres konkrete Vorschläge erarbeiten.
    Die Europäische Kommission will bis zum Sommer entscheiden, ob sie ein Social-Media-Verbot für Jugendliche auf den Weg bringt. Ein Vorbild ist Australien. Dort gilt seit Mitte Dezember ein striktes Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige.

    Bildungsforscherin: Ein Social-Media-Verbot greift zu kurz

    Die Bildungsforscherin Nina Kolleck hält davon nicht viel. Ein Verbot greife zu kurz, weil wir längst in einer digitalen Welt lebten, in der solche Verbote leicht zu umgehen seien und oft nicht alle problematischen Plattformen erfassten. Der zentrale Hebel liege nicht bei den Kindern, sondern bei den Plattformen selbst und deren Design sowie Algorithmen. “Wir müssen die manipulativen Strukturen begrenzen", fordert Kolleck. Die personalisierten Dauerfeeds müssten für Minderjährige wie auch für Erwachsene abgeschafft werden.
    In Europa gerät derzeit TikTok ins Visier der Behörden. Die EU-Kommission wirft der Video-App nach vorläufigen Ergebnissen vor, möglicherweise gegen europäisches Recht zu verstoßen. Auch hier stehen Mechanismen im Mittelpunkt, die eine suchtartige Nutzung fördern könnten. Nach Einschätzung der Kommission belohnt das Plattform-Design Nutzer ständig mit neuen Inhalten und verstärkt so den Drang, immer weiterzuscrollen.

    Onlinetext: Elena Matera