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EU-Wettbewerbsverfahren gegen GoogleSmartphone-Apps im Fokus

Die EU-Kommission untersucht, ob Google mit dem Handy-Betriebssystem Android eine marktbeherrschende Stellung ausnutzt - insbesondere, ob die verpflichtende Verknüpfung verschiedener Apps missbräuchlich ist. Der damit verbundene Datenaustausch trifft allerdings das Kerngeschäft von Google und wird deshalb für den Konzern nur schwer verhandelbar sein.

Peter Welchering im Gespräch mit Manfred Kloiber | 23.04.2016

Ein riesiges grünes Robotermännchen - Maskottchen für das Google-Betriebssystem Android - steht vor dem Eingang des amerikanischen Internet-Konzerns Google in Mountain View.
Ein riesiges grünes Robotermännchen - Maskottchen für das Google-Betriebssystem Android. (picture alliance / dpa / Christof Kerkmann)
Manfred Kloiber: Peter Welchering, wie hat man bei Google denn auf die Ausweitung des Wettbewerbsverfahrens reagiert?
Peter Welchering: Das Google-Management in Europa nimmt das sehr ernst, anders als das Management in Mountain View, in der Google-Zentrale. Fast schon gelassen hat Google-Chefjustiziar Kent Walker der EU-Kommission erst mal ein bisschen Nachhilfeunterricht erteilt und süffisant darauf hingewiesen, dass es sich bei Android ja um Open Source handele. Wie da jemand auf die Idee komme, Open-Source-Software könne genutzt werden, um eine wettbewerbsbeherrschende Marktposition aufzubauen und zu missbrauchen, das müsse man ihm erst einmal erklären. Denn allein der freie Zugang zu Open Source verhindere so etwas ja schon. Das Europa-Management von Google nimmt das schon ernst. Die haben auch die ersten Ermittlungen in Sachen Android im vergangenen Jahr ernst genommen. Und ihre damalige Taktik verstärken die jetzt als Reaktion auf die Ausweitung des Verfahrens und bauen ihre Hilfstruppen gezielt auf.
Kloiber: Wer soll Google da zu Hilfe kommen?
Welchering: Die freien Entwickler. Das deckt sich ja auch mit der Einlassung von Kent Walker, Android sei Open Source und allein deshalb sei das Wettbewerbsverfahren der EU-Kommission nicht nachvollziehbar. Als Kronzeugen werden hier dann unter anderem Microsoft, Intel und Sony angeführt. Denn die stellen Services für Android-Entwickler bereit, vom Cloudservice bis hin zum App-Simulations-Kit. Dahinter steckt also die Botschaft, kein Android-Entwickler ist auf Google angewiesen, muss also die Google Services auch nicht nutzen. Damit lenkt Google allerdings ein bisschen vom eigentlichen Problem ab. Denn der EU-Kommission geht es ja seit dem vergangenen Jahr um das Bundling von Apps.
Kloiber: Was beanstandet die Kommission denn bei den Google Apps?
Welchering: Vor allen Dingen Gerätehersteller, Smartphone-Hersteller in erster Linie. Die haben sich darüber beschwert, dass sie Google-Mail und Google-Maps nur im Verbund mit weiteren elf Apps nutzen können. Das wollen sie entflochten haben. Google begründet das damit, dass diese Apps miteinander Daten austauschen müssten, um einen reibungslosen Betrieb garantieren zu können. Eine Begründung, die übrigens von den freien Entwicklern nicht geteilt wird.
Kloiber: Wie wird die Ausweitung des Wettbewerbsverfahrens von der freien Entwicklergemeinde bewertet?
Welchering: Die wollen natürlich Google Zugeständnisse abringen. Die Ermittlungen in Sachen Android sind ja nicht so neu, wie das jetzt oft in der Presse dargestellt wurde. Voruntersuchungen laufen seit einem Jahr. Und als die Voruntersuchungen vor einem Jahr bekannt wurden, gab es seitens der freien Entwickler gleich die Forderung, dass die Speicher-Standardeinstellung etwa bei Android M geändert werden müsse. Android M sah zu diesem Zeitpunkt ja vor, dass alle App-Daten auf Google-Servern gespeichert werden. Das wollten die Entwickler kippen. Und sie haben sich hier durchgesetzt. Google hat zugelassen, dass freie Entwickler in ihre Apps eine Art Opt-Out-Lösung einbauen. Bei der Installation einer solchen App wird dem Anwender mitgeteilt, Google würde gern sämtliche Daten, die bei dieser App anfallen, auf Google-eigenen Servern speichern. Der Anwender könne dem zustimmen, oder, wenn er das nicht wolle, auch diese Speicherung verhindern. Und dieses Opt-Out hat Google vor einem Jahr eingeräumt.
Kloiber: Kann man das als Zeichen werten, dass Google auch beim beanstandeten Bundling von Apps einlenken wird?
Welchering: Das Europa-Management will eine einvernehmliche Lösung mit der EU-Kommission. Die werden so ein bisschen von der Zentrale in Mountain View ausgebremst, weil dort die Ansicht vorherrscht, das Wettbewerbsverfahren läuft ja nun schon seit 2010, da können wir uns erst mal zurücklehnen und abwarten. Ein Punkt allerdings wird sehr schwierig: Wenn dieses Bundling von Apps nicht mehr stattfindet, dann darf Google zum Beispiel Google-Mail nicht mehr mit der Such-App verbinden oder Google-Maps. Und das trifft das Kerngeschäft von Google. Das dürfte auch für das Europamanagement nicht verhandelbar sein.