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Europa sucht den Super-Nazi

It's casting time in Europa. Jeder soll die Chance haben, etwas zu werden. Er muss nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort erscheinen. Zum Beispiel der deutsche Michel – pardon: Schulz. Einmal geräuspert, schon fällt der Glanz der großen Medienwelt auf ihn. Was nämlich hat der oberste Castingchef aller europäischen Besetzungsbetriebe zum kleinen deutschen Nebendarsteller wirklich gesagt?

Von Florian Felix Weyh |
    Herr Schulz... Aufhorchen, man ist persönlich wahrgenommen! Ich weiß, dass in Italien derzeit ein Produzent einen Film über Nazi-Konzentrationslager dreht. Ah! Einen Film, das klingt gut! Ich würde Sie für die Rolle des Kapos vorschlagen. Eine Rolle? Super! Sie wären perfekt dafür.

    Huh! Erst mal durchatmen. Wann kriegt man das schon mal gesagt? Perfekt für eine Rolle! Und dann gleich Bösewicht statt Parlamentskomparse. Jeder Schauspieler kann bestätigen: Bösewicht ist das Beste. Liebhaber, Kommissar, weiser Staatsmann – alles nichts gegen den Schwerverbrecher. Bevor der Auserwählte sein beglücktes "Danke, Silvio!" ausstoßen kann, bricht schon der Tumult der Zukurzgekommenen los. Äußert sich da wirklich Protest? Hören wir mal hin: "Und was ist mit mir?" – "Der Schulz sieht doch gar nicht deutsch aus!" – "Mein Großvater war bei der SS!" Nicht vergessen: Europa sucht den Super-Nazi, da muss man sich deutlich in Szene setzen. Wir sind ... ja wo sind wir eigentlich? In einem Parlament? In einem Tollhaus (was die Nutzung als Parlament nicht ausschlösse)? In einem Studio in Cinecittà? Der Mann, der die Besetzungsvorschläge macht, ist jedenfalls vom Fach. Er weiß, dass Demokratie viel Fußvolk und wenige Hauptdarstellern braucht und sich darin die Schwäche des Systems offenbart. Es fehlt nämlich die ordnende Hand des Produzenten, der den mörderischen Konkurrenzkampf durch kluge Rotation der Hauptdarsteller befriedet. Divide et impera, teile und herrsche, hieß das bei den römischen Cäsaren, und niemand anderes als die Mediencäsaren unserer Tage haben die Wirksamkeit dieses Prinzips wiederentdeckt. Das ist die Angst der EU-Regierungschefs vor Silvio Berlusconi. Der Mann hat das Gespür zum Rollenverteilen und strebt skrupellos danach, es praktisch umzusetzen! Was um Himmelswillen soll dann aus Joschka Fischer werden? Wird er als gealterter Bonvivant mit Gerhard Schröder um junge Sekretärinnen fechten müssen? Darf Jacques Chirac als Käseverkäufer in einer Simenon-Verfilmung brillieren oder muss er als Kollaborateur im italienischen Historienschinken "Ohne Hitler wäre Benito Napoleon geblieben" früh an einer verirrten Kugel sterben?

    Filmproduzenten, das ist ein eherner Topos, sind schon Halunken gewesen, als man sie noch Impressarios nannte, und sich das Zelluloid mühsam durch Kurbelkameras quälte. Zynismus gehört ebenso zu ihrem Geschäft wie Ausbeuterverträge mit Abhängigen und innige Kontakte zu den "Freunden der italienischen Oper". Vor allem aber beherrscht ein gewiefter Produzent die Kunst der kalkulierten Sprengung. Vor der Kamera knallt es gewaltig, eine mächtige Rauchwolke steigt zum Himmel, die auslösende Sprengkapsel indes passt in jede Jackentasche und hinterlässt allenfalls ein paar Schmauchspuren auf dem Stoff. Warum, fragt sich der Betrachter des Straßburger Operettenparlaments, das ob seiner Machtlosigkeit jedem Monarchen zum Wohlgefallen gereichte, warum reden alle nur vom Rauch und keiner über die Sprengkapsel? Liegt es daran, dass sie, überall erhältlich, gern auch von Laien benutzt wird? Verschiedene Größen tragen die Aufschrift "KZ", "Auschwitz", "Gaskammer", "SS-Mann" und so weiter, doch steht darunter immer derselbe Text: Starke Rauchentwicklung und vorzügliche Nebelwirkung garantiert. Wer mit solchen Sprengkapseln hantiert, will nicht nur Dampf ablassen oder jemanden beleidigen, sondern vor allem von peinlichen Tatsachen ablenken. Todsicher wird ein Chaos ausbrechen, das den eigentlichen Konflikt hinter Nebelwänden verschwinden lässt. Genau das ist Silvio Berlusconi gelungen. Durchaus zur Erleichterung seiner EU-Regierungskollegen, von denen sich nicht einer je hingestellt und gesagt hat, was doch jeder weiß: Dass dieser Mann eine Schande für Italien, ein Schaden für die Demokratie und ein Problem für Europa ist. Ein Problem, das man nicht mit Appeasement löst, sondern nur mit klaren, an Ultimaten geknüpften Forderungen. Keine Zivilcourage, nirgends. Weil der neureiche Renaissancefürst Berlusconi aber genau weiß, wie groß die Ressentiments gegen ihn in Resteuropa sind, hat er sie mit einer harmlosen Sprengkapsel vorsorglich entschärft. Denn Empörung am falschen Objekt schützt für lange Zeit vor echten Konsequenzen. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, dauerhaft entrüstet zu sein. Chapeau, Herr Berlusconi – die Runde geht an Sie.

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