Friedbert Meurer: Vorgestern, am Sonntag, ist die Europäische Union 50 Jahre alt geworden. Aus diesem historischen Anlass verabschiedeten denn auch die Staats- und Regierungschefs die so genannte Berliner Erklärung. Die Regierungen der 27 Mitgliedsstaaten wollen die EU bis zum Jahr 2009 auf eine, Zitat, "erneuerte gemeinsame Grundlage stellen". Aber die Harmonie hat nicht lange gehalten. Polen und Tschechien wollen die Sache auf die lange Bank schieben, über das Jahr 2009 jedenfalls hinaus.
Europa löst im Moment offenbar mehr Bedenken als Hoffnungen aus, auch bei der Jugend. In Potsdam tagt das Europäische Jugendparlament. Die Hauptorganisatorin ist Sonja Weicker, eine Jurastudentin aus Berlin und jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen, Frau Weicker.
Sonja Weicker: Guten Morgen!
Meurer: Wer sitzt denn da im Europäischen Jugendparlament?
Weicker: Wir haben 220 Delegierte aus über 30 europäischen Ländern, die alle in ihren nationalen Komitees ausgewählt wurden und ihr Land repräsentieren bei uns. Das sind Schüler zwischen 16 und 19 Jahren.
Meurer: Sie sind ja schon weiter als die EU. Die hat nur 27 Mitglieder.
Weicker: Ja, da haben Sie Recht. Wir bewegen uns in den Grenzen des Europarates, und da kommen sie dann auch gleich zu einem ganz großen Unterschied. Die Erweiterung war bei uns wahrscheinlich schon ein bisschen früher vollzogen, als das in der wirklichen EU passiert ist.
Meurer: Ist das schon ein Plädoyer dafür, dass Sie gerne die Türkei oder Kroatien dabei hätten?
Weicker: Ich würde das nicht so als ganz starkes Plädoyer sehen, aber es ist auf jeden Fall einfacher. Ich denke, die jungen Menschen hier haben ein viel, viel kleineres Problem und sehen da nicht die Gefahren, die vielleicht die Erwachsenen oder wirklichen Politiker da sehen. Das ist alles ein bisschen visionistischer, und man kommt sich auf einer ganz anderen Ebene viel näher.
Meurer: Ist das Gemeinschaftsgefühl größer?
Weicker: Ja, auf jeden Fall.
Meurer: Wie äußert sich das?
Weicker: Wenn Sie sich überlegen, dass Länder, die vielleicht in der wirklichen EU nicht ganz so gut miteinander umgehen können, hier nebeneinander sitzen, Resolutionen zusammen verfassen, einfach zehn Tage lang diskutieren und sich niemand die Köpfe einschlägt, das ist, denke ich, mal schon ein ganz, ganz großes Zeichen dafür.
Meurer: Mit wem haben Sie sich so in den letzten Tagen unterhalten, Frau Weicker?
Weicker: Da ich ja die Hauptorganisatorin dieser ganzen Sitzung bin, bin ich natürlich die ganze Zeit am Herumrennen von hier nach dort. Wir hatten gestern unsere feierliche Eröffnungszeremonie. Dort war Herr Frattini, Herr Platzeck und Herr Schäuble. Mit denen habe ich mich unterhalten, aber natürlich versuche ich auch, mit unseren jungen Delegierten hier so viele Kontakte wie möglich zu haben.
Meurer: Nach dem Gipfel in Berlin, der am Sonntag zu Ende gegangen ist, ist auch darüber geredet worden, über die "Berliner Erklärung"?
Weicker: Bis jetzt noch nicht. Unsere Sitzung ist immer in drei Unterpunkte aufgeteilt. In den ersten zwei Tagen lernen sich die Jugendlichen kennen. Sie schreiben ja dann in international besetzten Ausschüssen ihre Resolutionen. Um das wirklich gut machen zu können, werden erst mal Spiele gespielt, um sich wirklich kennen zu lernen, um sich ein bisschen näher zu kommen und einfach gut arbeiten zu können. Heute fängt die Ausschussarbeit erst richtig an.
Meurer: Die Teilnehmer sind ja, wenn ich das richtig sehe, Frau Weicker, so etwa zwischen 16 und 19 Jahre alt. Wie hätten die gerne die EU? Wie sind die Vorstellungen, wie die Europäische Union aussehen sollte?
Weicker: Ich glaube, viel visionistischer erstmal als in der wirklichen EU. Es ist natürlich auch einfacher für die Jugendlichen. Sie haben nicht die ganzen Sorgen hinter sich, sondern sie sehen das aus einer ganz jugendlichen Perspektive. Ich denke, ein Europa ohne Grenzen ist da, glaube ich, ein ganz, ganz großer Wunsch, den man hier bemerkt, vor allem auch von den neueren Mitgliedsstaaten. Rumänien und Bulgarien sind ja auch dabei. Da merkt man das schon sehr, sehr doll.
Meurer: Also Sie erleben den Kontakt mit anderen Jugendlichen, erleben den Kontakt mit anderen Nationen einfach als eine Bereicherung?
Weicker: Ja, auf jeden Fall.
Meurer: Blenden Sie die Probleme aus?
Weicker: Nein, das würde ich so nicht sagen. Es gibt sehr, sehr heiße Diskussionen in den Ausschüssen, wirklich.
Meurer: Zum Beispiel worüber?
Weicker: Ich kann natürlich jetzt nichts vorweg nehmen für diese Sitzungen. Ich kann aus Erfahrung sprechen. Ich war selber Delegierte auf internationalen Sitzungen. Ich saß damals zum Beispiel in einem Ausschuss, wo es um die Frage ging, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren sollen dürfen. Wenn Sie sich dann vorstellen, dass man mit einer Griechin, einer Zypriotin, einem Holländer, einer Weißrussin in ein Komitee geht, dann gehen die Meinungen da schon sehr weit auseinander. Und dann auf einen gemeinsamen Standpunkt zu kommen, ist nicht ganz einfach. Da werden dann auch die Probleme natürlich nicht ausgeblendet, sondern auch ganz hart attackiert und ausdiskutiert.
Meurer: Also die Mentalitätsunterschiede sind schon spürbar?
Weicker: Ja, auf jeden Fall. Aber das Gute daran ist ja, dass man sich wirklich am Anfang kennen lernt, ohne Vorbehalte sich zwei Tage lang miteinander beschäftigt, Spiele spielt, et cetera und danach zusammenkommt und die Personen eigentlich als Mensch kennt, als Freund kennen gelernt hat und dann merkt, Mensch, der hat ja vielleicht eine ganz, ganz andere Sichtweise auf dieses Thema, aber ich mag den ja eigentlich. Wie kann das sein? Das ist eine ganz wichtige Sache hier beim Europäischen Jugendparlament, dass die Jugendlichen merken, wie unterschiedlich man sein kann, aber dass das trotzdem auch Menschen so wie Du und ich sind, so nach dem Motto
Meurer: Gibt es auch Europagegner im Jugendparlament?
Weicker: Ja, klar. Wir sind jetzt hier keine Veranstaltung, die komplett proeuropäisch ist. Das ist halt das Gute. Wir sind nicht wie andere Parlamentssimulationen, dass die Meinungen von Parteien oder von den Ländern vertreten werden müssen, sondern es geht um die eigene Meinung. Es geht um die eigene Vision. Da ist natürlich auch jeder kritische Gedanke nicht verboten. Wir haben auch Resolutionen, die im Endeffekt nicht nur europaförderlich sind. Wenn das ganze Komitee dahinter steht, dann gibt es diese Resolutionen eventuell auch.
Meurer: Aus welchen Ländern kommen diese Europaskeptiker und Gegner bei Ihnen?
Weicker: Das würde ich gar nicht so generalisieren können. Da würde ich mich auch nicht aus dem Fenster lehnen wollen, ein bestimmtes Land zu nennen. Ich denke, das gibt es in allen Ländern quer durch, sowohl die alten als auch die neueren Mitgliedsstaaten, aber auch die noch nicht Mitgliedsstaaten, oder die wahrscheinlich niemals Mitgliedsstaaten sein werden wie zum Beispiel Russland oder so. Die gibt es, denke ich, quer durch, obwohl man vielleicht sagen kann, dass tendenziell die neueren Mitgliedsstaaten weniger europaskeptisch sind, also die ganzen neuen auf jeden Fall.
Meurer: Das war Sonja Weicker. Sie ist die Hauptorganisatorin der 54. Internationalen Sitzung des Europäischen Jugendparlaments, die zurzeit in Potsdam stattfindet. Frau Weicker, alles Gute für das Parlament und Dankeschön fürs Interview. Auf Wiederhören.
Weicker: Dankeschön, tschüss.
Europa löst im Moment offenbar mehr Bedenken als Hoffnungen aus, auch bei der Jugend. In Potsdam tagt das Europäische Jugendparlament. Die Hauptorganisatorin ist Sonja Weicker, eine Jurastudentin aus Berlin und jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen, Frau Weicker.
Sonja Weicker: Guten Morgen!
Meurer: Wer sitzt denn da im Europäischen Jugendparlament?
Weicker: Wir haben 220 Delegierte aus über 30 europäischen Ländern, die alle in ihren nationalen Komitees ausgewählt wurden und ihr Land repräsentieren bei uns. Das sind Schüler zwischen 16 und 19 Jahren.
Meurer: Sie sind ja schon weiter als die EU. Die hat nur 27 Mitglieder.
Weicker: Ja, da haben Sie Recht. Wir bewegen uns in den Grenzen des Europarates, und da kommen sie dann auch gleich zu einem ganz großen Unterschied. Die Erweiterung war bei uns wahrscheinlich schon ein bisschen früher vollzogen, als das in der wirklichen EU passiert ist.
Meurer: Ist das schon ein Plädoyer dafür, dass Sie gerne die Türkei oder Kroatien dabei hätten?
Weicker: Ich würde das nicht so als ganz starkes Plädoyer sehen, aber es ist auf jeden Fall einfacher. Ich denke, die jungen Menschen hier haben ein viel, viel kleineres Problem und sehen da nicht die Gefahren, die vielleicht die Erwachsenen oder wirklichen Politiker da sehen. Das ist alles ein bisschen visionistischer, und man kommt sich auf einer ganz anderen Ebene viel näher.
Meurer: Ist das Gemeinschaftsgefühl größer?
Weicker: Ja, auf jeden Fall.
Meurer: Wie äußert sich das?
Weicker: Wenn Sie sich überlegen, dass Länder, die vielleicht in der wirklichen EU nicht ganz so gut miteinander umgehen können, hier nebeneinander sitzen, Resolutionen zusammen verfassen, einfach zehn Tage lang diskutieren und sich niemand die Köpfe einschlägt, das ist, denke ich, mal schon ein ganz, ganz großes Zeichen dafür.
Meurer: Mit wem haben Sie sich so in den letzten Tagen unterhalten, Frau Weicker?
Weicker: Da ich ja die Hauptorganisatorin dieser ganzen Sitzung bin, bin ich natürlich die ganze Zeit am Herumrennen von hier nach dort. Wir hatten gestern unsere feierliche Eröffnungszeremonie. Dort war Herr Frattini, Herr Platzeck und Herr Schäuble. Mit denen habe ich mich unterhalten, aber natürlich versuche ich auch, mit unseren jungen Delegierten hier so viele Kontakte wie möglich zu haben.
Meurer: Nach dem Gipfel in Berlin, der am Sonntag zu Ende gegangen ist, ist auch darüber geredet worden, über die "Berliner Erklärung"?
Weicker: Bis jetzt noch nicht. Unsere Sitzung ist immer in drei Unterpunkte aufgeteilt. In den ersten zwei Tagen lernen sich die Jugendlichen kennen. Sie schreiben ja dann in international besetzten Ausschüssen ihre Resolutionen. Um das wirklich gut machen zu können, werden erst mal Spiele gespielt, um sich wirklich kennen zu lernen, um sich ein bisschen näher zu kommen und einfach gut arbeiten zu können. Heute fängt die Ausschussarbeit erst richtig an.
Meurer: Die Teilnehmer sind ja, wenn ich das richtig sehe, Frau Weicker, so etwa zwischen 16 und 19 Jahre alt. Wie hätten die gerne die EU? Wie sind die Vorstellungen, wie die Europäische Union aussehen sollte?
Weicker: Ich glaube, viel visionistischer erstmal als in der wirklichen EU. Es ist natürlich auch einfacher für die Jugendlichen. Sie haben nicht die ganzen Sorgen hinter sich, sondern sie sehen das aus einer ganz jugendlichen Perspektive. Ich denke, ein Europa ohne Grenzen ist da, glaube ich, ein ganz, ganz großer Wunsch, den man hier bemerkt, vor allem auch von den neueren Mitgliedsstaaten. Rumänien und Bulgarien sind ja auch dabei. Da merkt man das schon sehr, sehr doll.
Meurer: Also Sie erleben den Kontakt mit anderen Jugendlichen, erleben den Kontakt mit anderen Nationen einfach als eine Bereicherung?
Weicker: Ja, auf jeden Fall.
Meurer: Blenden Sie die Probleme aus?
Weicker: Nein, das würde ich so nicht sagen. Es gibt sehr, sehr heiße Diskussionen in den Ausschüssen, wirklich.
Meurer: Zum Beispiel worüber?
Weicker: Ich kann natürlich jetzt nichts vorweg nehmen für diese Sitzungen. Ich kann aus Erfahrung sprechen. Ich war selber Delegierte auf internationalen Sitzungen. Ich saß damals zum Beispiel in einem Ausschuss, wo es um die Frage ging, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren sollen dürfen. Wenn Sie sich dann vorstellen, dass man mit einer Griechin, einer Zypriotin, einem Holländer, einer Weißrussin in ein Komitee geht, dann gehen die Meinungen da schon sehr weit auseinander. Und dann auf einen gemeinsamen Standpunkt zu kommen, ist nicht ganz einfach. Da werden dann auch die Probleme natürlich nicht ausgeblendet, sondern auch ganz hart attackiert und ausdiskutiert.
Meurer: Also die Mentalitätsunterschiede sind schon spürbar?
Weicker: Ja, auf jeden Fall. Aber das Gute daran ist ja, dass man sich wirklich am Anfang kennen lernt, ohne Vorbehalte sich zwei Tage lang miteinander beschäftigt, Spiele spielt, et cetera und danach zusammenkommt und die Personen eigentlich als Mensch kennt, als Freund kennen gelernt hat und dann merkt, Mensch, der hat ja vielleicht eine ganz, ganz andere Sichtweise auf dieses Thema, aber ich mag den ja eigentlich. Wie kann das sein? Das ist eine ganz wichtige Sache hier beim Europäischen Jugendparlament, dass die Jugendlichen merken, wie unterschiedlich man sein kann, aber dass das trotzdem auch Menschen so wie Du und ich sind, so nach dem Motto
Meurer: Gibt es auch Europagegner im Jugendparlament?
Weicker: Ja, klar. Wir sind jetzt hier keine Veranstaltung, die komplett proeuropäisch ist. Das ist halt das Gute. Wir sind nicht wie andere Parlamentssimulationen, dass die Meinungen von Parteien oder von den Ländern vertreten werden müssen, sondern es geht um die eigene Meinung. Es geht um die eigene Vision. Da ist natürlich auch jeder kritische Gedanke nicht verboten. Wir haben auch Resolutionen, die im Endeffekt nicht nur europaförderlich sind. Wenn das ganze Komitee dahinter steht, dann gibt es diese Resolutionen eventuell auch.
Meurer: Aus welchen Ländern kommen diese Europaskeptiker und Gegner bei Ihnen?
Weicker: Das würde ich gar nicht so generalisieren können. Da würde ich mich auch nicht aus dem Fenster lehnen wollen, ein bestimmtes Land zu nennen. Ich denke, das gibt es in allen Ländern quer durch, sowohl die alten als auch die neueren Mitgliedsstaaten, aber auch die noch nicht Mitgliedsstaaten, oder die wahrscheinlich niemals Mitgliedsstaaten sein werden wie zum Beispiel Russland oder so. Die gibt es, denke ich, quer durch, obwohl man vielleicht sagen kann, dass tendenziell die neueren Mitgliedsstaaten weniger europaskeptisch sind, also die ganzen neuen auf jeden Fall.
Meurer: Das war Sonja Weicker. Sie ist die Hauptorganisatorin der 54. Internationalen Sitzung des Europäischen Jugendparlaments, die zurzeit in Potsdam stattfindet. Frau Weicker, alles Gute für das Parlament und Dankeschön fürs Interview. Auf Wiederhören.
Weicker: Dankeschön, tschüss.
