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Europäische Wirtschaft
Deutschland muss die Arbeitskosten steigern

Sind die Arbeitskosten in Deutschland zu gering? Ja, ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Forscher haben die Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland untersucht und sagen: Die niedrigen Arbeitskosten gehen zulasten des europäischen Währungsraumes.

Von Nadine Lindner | 10.07.2017

    Ein junger Bauarbeiter steht an einer Betonmischmaschine auf einer Baustelle. Er trägt eine gelbe Warnweste und einen bleuen Helm.
    Die Diskrepanz zwischen Industrie und Dienstleistungssektor ist in Deutschland zu groß. (imago)
    Deutschland rangiert bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin im oberen Mittelfeld Europas. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, kurz IMK, die heute in Berlin vorgestellt wurde.
    Demnach lagen Ende 2016 die Arbeitskosten in Deutschland bei 33,60 pro Stunde.
    "Die Arbeitskosten sind im vergangenen Jahr in Deutschland um 2,5 Prozent gestiegen und damit fast doppelt so stark wie im Durchschnitt des Euroraums", erklärt Gustav Horn vom IMK.
    Phase der Lohnzurückhaltung noch nicht ausgeglichen
    Es habe zwar in Deutschland nun eine stärkere Lohnentwicklung gegeben, aber die konnte die lange Phase der Lohnzurückhaltung, von gut 15 Jahren nicht ausgleichen, so Ulrike Stein, ebenfalls IMK:
    "Wir sehen, dass die Arbeitskostenentwicklung sich seit einiger Zeit stabilisiert hat, das heißt, etwas höher war als im Durchschnitt der 2000er-Jahre. Aber die niedrige Entwicklung der vergangenen Jahre immer noch nicht wett gemacht hat."
    Deutschland liegt an siebter Stelle unter den EU-Ländern. Am meisten kostet mit über 40 Euro eine Stunde Arbeit in Dänemark und Belgien, am wenigsten in Ungarn und Polen mit etwas über acht Euro.
    Die Arbeitskosten setzen sich aus Bruttolohn und Lohnnebenkosten zusammen. Die IMK-Forscher haben auch die Entwicklung der Lohnstückkosten untersucht, die ein wichtiger Indikator für Wettbewerbsfähigkeit sind und sich idealerweise am Inflationsziel der EZB orientieren sollen. Im Falle von Deutschland gelinge das aber nach wie vor nicht, so Stein. Sie seien nach wie vor zu gering. Und das gehe zu Lasten des Währungsraumes.
    "Und dass hier Deutschland einiges wettmachen müsste, auch um die Stabilität im Euroraum wieder herzustellen."
    Großer Abstand zwischen Industrie und Dienstleistungssektor
    Mit Sorge sehen die Forscher des IMK den großen Abstand zwischen Arbeitskosten in der Industrie und dem privaten Dienstleistungssektor, der auf 8,40 Euro pro Stunde angestiegen ist.
    "Diese Diskrepanz ist deutlich ausgeprägt und das ist auch einer der Gründe dafür, dass die Ungleichheit in Deutschland so ausgeprägt ist."
    Die Bundesregierung müsse nun eingreifen und mehr öffentliche Investitionen anschieben, das gelte sowohl für den Bund als auch die Kommunen. Auch die Rahmenbedingungen müssten gewerkschaftsfreundlicher werden, um eine höhere Tarifbindung zum Beispiel im Dienstleistungssektor zu erreichen:
    "Wir haben in Deutschland ein Problem damit, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Das wiederum schwächt natürlich die Macht von Tarifabdeckung."
    Der 2015 eingeführte Mindestlohn habe zwar in Deutschland stabilisierend im unteren Lohnsegment gewirkt, habe aber die langfristige Entwicklung nicht völlig verändern können. Ökonom Horn verweist beim Thema Arbeitskosten auch auf die aktuellen Beschlüsse des G20-Gipfels in Hamburg. Deutschland müsse über eine weitere Steigerung der Arbeitskosten und Lohnstückkosten den Euro-Raum stabilisieren.
    "Das entspräche auch dem, zu was sich Deutschland mit seinem G20-Abschlussdokument verpflichtet hat. Mit den anderen zusammen. Die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zu überwinden, ohne Wachstum und Beschäftigung zu gefährden."
    Deutschland habe sich damit verpflichtet, mehr zu tun, so Horn. Dem könne sich auch eine künftige Bundesregierung nicht entziehen.