Mittwoch, 08. Dezember 2021

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Europas Nähstube

"Es wird keine Rosen-, keine Orangen- und auch keine Bananenrevolution geben", beschied der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko kürzlich seinen Landsleuten. Der ehemalige Kolchosdirektor regiert das Land seit zehn Jahren mit diktatorischen Vollmachten. International ist Weißrussland weitgehend isoliert. Doch zumindest die Bekleidungsindustrie hat beste Verbindungen in den Westen. Eine Reportage von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster.

15.06.2005

Über die Landstrasse holpert der Minibus von Minsk Richtung Westen. Gut 40 Kilometer sind es bis nach Dscherschinsk, der 30.000-Einwohner-Stadt, die nach dem Tschekisten-Gründer Felix Dscherschinski benannt ist, dem geistigen Vater des sowjetischen Geheimdienstes. Links an der Hauptstrasse: Ein vierstöckiges Gebäude. Vor dem Eingang flattern vier rote Fahnen im Wind. Der Sitz von Eliz, dem größten Arbeitgeber der Kleinstadt.

"Unser Unternehmen wurde vor 70 Jahren gegründet. Das heißt, wir haben viel Erfahrung, wenn es darum geht, Hemden zu produzieren. Wir können perfekte Qualität in kürzester Zeit liefern. "

Nikolai Gardienka, der Technische Direktor, steht in der großen Eingangshalle. Links von ihm hängen die Porträts der verdienten Werktätigen an den Wänden. Von der Decke spenden vergoldete Leuchter Licht; hinter dem Resopal-Tresen sitzen zwei beleibte Mittvierzigerinnen im roten Kittel, neben einem quietschenden gelben Drehkreuz, das nur passieren darf, wer von ihnen kontrolliert wurde.

"In der früheren Sowjetunion war unser Land auf die Leichtindustrie spezialisiert. Und das ist der Grund, warum es so viele Unternehmen hierzulande gibt, die alle möglichen Textilprodukte herstellen können: Das reicht von Unterwäsche, über Anzüge bis hin zu Hosen und vielem mehr."

Heute ist Weißrussland so etwas wie die Nähstube Europas. Dessous-Hersteller produzieren hier etliche ihrer BH-Modelle, Hosenproduzenten aus ganz Europa lassen hier ihre Beinkleider fertigen. In Dscherschinsk aber ist man auf Hemden aller Art spezialisiert. 100.000 Stück pro Monat können bei Eliz genäht werden. Unermüdlich rattern die Nähmaschinen. Gut 200 Arbeiterinnen sitzen im Nähsaal. Im grellen Leuchtröhrenlicht. Monatsverdienst: Zwischen 150 und 200 Euro.

"Hier sind die Brigaden gerade mit einer Bestellung aus Großbritannien beschäftigt. Hier sehen sie, das sind Blusen, eine Art Uniformblusen ..."

Gut 40 blaue Uniformblusen hängen an den Ständern, jede mit Plastik umhüllt, fertig für den Transport nach Großbritannien. Gardienka lächelt. 60 Prozent aller Hemden produziert Eliz mittlerweile für Westeuropa.

Dass bei Eliz die Nähmaschinen surren, verdankt das Unternehmen nicht zuletzt Auftraggebern aus Deutschland. Denn auch wenn Weißrussland wegen seiner Menschenrechtsverletzungen international isoliert ist, die preiswerten Nähdienste aus dem Diktatorenstaat sind durchaus willkommen:

"Was den deutschen Markt angeht, sind wir der größte Produzent von Uniformhemden. In unserer Entwicklungsabteilung werden Sie die Modelle sehen. Und auf den Ärmeln der Hemden, da sind die jeweiligen Hoheitsabzeichen."

Im Showroom, gleich neben der Entwicklungsabteilung: zwei Kleiderständer. Daran nichts als Uniformhemden. Farbe: Bambus. An den Armen die Hoheitsabzeichen. Oben steht Polizei, darunter die Wappen der Bundesländer. Nordrhein-Westfalen neben Niedersachsen, Baden-Württemberg, Sachsen, Berlin. Zusätzlich hängen hier noch die Hemden für Bundesgrenzschutz und Zoll.
Nikolai Gardienka lächelt. 200.000 Uniformhemden liefert sein Unternehmen pro Jahr nach Deutschland. Günstige Nähdienste aus der Diktatur für die Hüter der freiheitlich-rechtlichen Grundordnung.

"Die Haupt-Mitbewerber sind die Produzenten aus der Ukraine. Und das heißt, dass wir auf dem Uniformhemdenmarkt den Kunden nicht nur mit der besten Qualität, sondern auch mit dem niedrigsten Preisen versorgen müssen. Das ist schwierig. Aber: Solche Hemden-Bestellungen geben uns garantierte Arbeit. Und darum müssen wir die niedrigsten Preise bieten."

Auch um die nächsten Großaufträge wird sich Eliz bewerben. Wenn einige Bundesländer beginnen, ihre Uniformfarbe zu wechseln und demnächst blaue Hemden benötigen.