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StartseiteDeutschland heuteFrankfurt (Oder) und Słubice wachsen weiter zusammen22.05.2019

EuropaserieFrankfurt (Oder) und Słubice wachsen weiter zusammen

Wärme verbindet. Die brandenburgische Stadt Frankfurt (Oder) und die polnische Stadt Słubice teilen sich das Fernwärmenetz. Und nicht nur das. Die grenzüberschreitende Buslinie ist ebenfalls eine Erfolgsgeschichte. Die EU-Zugehörigkeit ermöglicht vielfältige Verbindungen.

Von Vanja Budde

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Aufnahme von oben: Links Frankfurt Oder, recht die polnische Stadt Slubice, dazwischen die Oder. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)
Durch einen Fluss getrennt, aber eng verbunden: Frankfurt (Oder) und Slubice (picture alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)
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Im Rathaus von Frankfurt (Oder), nur einen Steinwurf vom Grenzfluss entfernt, sitzt der junge Linke Oberbürgermeister René Wilke und freut sich, dass zusammen wächst, was seiner Meinung nach zusammen gehört. René Wilke war noch ein Kind, als die Mauer fiel: Er wurde 1984 in Frankfurt (Oder) geboren.

"Wir haben eine gemeinsame Fernwärmeversorgung, wo Słubice und Frankfurt sich gegenseitig mit Fernwärme versorgen. Das ist insofern toll, als dass sich eine polnische Stadt in die Abhängigkeit einer Deutschen begibt und andersherum. Das war noch vor einigen Jahrzehnten, also vor dem Beitritt Polens zur EU und am Anfang dieser Phase war das völlig undenkbar, dass so etwas passiert."

"Und hier in dem gelben Brückenkörper, da liegen die Rohre. Man hat hier unten den Einstieg, können wir noch mal gucken. Da stand dann da so ein olles klappriges Gerüst in der Bauphase und dann sind hier unsere Projektleute immer über so einer Hühnerleiter da in die Brücke gestiegen. Ach, war eine schöne Zeit, dass man da dabei war."

Ein Teilabschnitt der 700 Meter langen Fernwärmetrasse wurde im Körper der Stadtbrücke verlegt, die Frankfurt (Oder) und Słubice am anderen Ufer verbindet.

Mehr als nur grenzüberschreitende Energieversorgung

Seit 2015 wärmt man sich nun gegenseitig, erklärt Antje Bodsch, Sprecherin der Stadtwerke von Frankfurt (Oder): Europaweit einmalig versorge im Winter das große Heizkraftwerk auf der deutschen Seite hunderte Haushalte in Słubice mit. Im Gegenzug kommt vom Frühsommer bis zum Herbst ein Teil des Warmwassers, das Frankfurt braucht, von den polnischen Kollegen. Das deutsche Kraftwerk wird derweil abgeschaltet. Eine Win-win-Situation, sagt Bodsch.

"Ja, ist genauso wie mit der Buslinie, die der Stadtverkehr betreibt nach Słubice, ist ja auch eine wirkliche Erfolgsgeschichte, dieser grenzüberschreitende Bus, ist auch die meistgenutzte Buslinie in Frankfurt."

Antje Bodsch und Harald Wolf stehen vor einer Groß-Heizung (Deutschlandradio/Budde)Antje Bodsch und Harald Wolf von den Stadtwerken Frankfurt (Oder) freuen sich in der Wärmeübertragungsstation über das europaweit einmalige Projekt (Deutschlandradio/Budde)

Wärme verbindet, sagt Harald Wolf, Ingenieur für Elektro- und Automatisierungstechnik bei den Stadtwerken. Er führt in die Wärmeübertragungsstation an der Stadtbrücke, wo drei der sechs Pumpen im Moment noch Słubice mitversorgen.

"Also zu Anfang sind wir alle natürlich ein bisschen vorsichtig miteinander umgegangen, aber mittlerweile ist es Alltag geworden und sogar in den Gesprächen fallen schon private Sätze." "

Słubice war ja die ehemalige Dammvorstadt von Frankfurt, da fuhr auch noch eine Straßenbahn über die Brücke bis zum Krieg. Also ich kenne es ja auch noch, als zu DDR-Zeiten die Grenze zu war und man gar nicht rüber kam. Das ist schon toll, wie sich das jetzt entwickelt, wie sich das auch öffnet, also wie auch die jungen Leute entspannter miteinander umgehen als noch vor 20, 25 Jahren."

Junge Leute aus aller Welt, die nach Frankfurt (Oder) kommen, um an der Europa-Universität Viadrina zu studieren. Janine Nyuken ist die Vizepräsidentin.

"Die deutsch-polnische Zusammenarbeit ist wie das europäische Profil die Gründungs-DNA der Viadrina. Wie so eine Art Prisma, in dem man Europa sehen, lesen und erfahren kann."

EU gibt grenzüberschreitende Impulse

Ähnlich sieht es Karl-Heinz Lambertz: Der Belgier ist Präsident des Ausschusses der Regionen der EU in Brüssel.

"Die gemeinsame Zugehörigkeit zur EU ist eine ganz wesentliche Voraussetzung, um das Weiterentwickeln dieser Beziehungen zu ermöglichen, gerade im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen, aber die EU ist auch wichtig, weil sie ganz gezielt durch ihre Kohäsionspolitik dazu beiträgt, dass an den Grenzen besondere Impulse möglich sind."

Von der Kohäsionspolitik, die zwischen reicheren und ärmeren Regionen in der EU eine Umverteilung erreichen will, haben neben Süd- und Osteuropa auch die neuen deutschen Bundesländer sehr profitiert. Hunderte Millionen Euro seien allein in die Region um Frankfurt (Oder) geflossen, bestätigt Oberbürgermeister René Wilke.

 "Aber wenn man da nicht konsequent auch vordenkt und das langfristig, nachhaltig plant, dann sind es auch schnell mal Einmalfliegen und das ist auch nicht gut."

Wilke nennt sich einen glühenden und überzeugten Europäer. Eine Überzeugung, die er täglich lebt, und mit ihm die ganze Stadtverordnungsversammlung: Regelmäßig tagt das Stadtparlament gemeinsam mit dem von Słubice. Von Sprachbarrieren lasse man sich nicht aufhalten:

"Simultan wird gedolmetscht. Erst in der vergangenen Woche am Donnerstag zum Europatag gab’s wieder eine gemeinsame Stadtverordnetenversammlung, wo wir den Handlungsplan 2020 bis 2030 beschlossen haben und da die nächsten Projekte, kleine und größere, definiert haben, die wir anstreben wollen."

Eine zweite Oderbrücke für Fußgänger und Radfahrer zum Beispiel. Und ein gemeinsames Schwimmbad. Ein Projekt, für das Frankfurt (Oder) und Słubice jeweils allein das Geld fehlt.

"Dass wir die Finanzierung gemeinsam stemmen und dann die Betreibung gemeinsam stemmen: Das gibt es so bisher noch nicht."

"Das ist wirkliche Pionierarbeit für Europa, denn Grenzregionen sind gleichermaßen ein Laboratorium und ein Motor für die europäische Entwicklung."

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