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StartseiteDeutschland heuteDer pfälzische Sinto Romeo Franz kämpft für Minderheitenrechte08.05.2019

EuropawahlDer pfälzische Sinto Romeo Franz kämpft für Minderheitenrechte

Der EU-Parlamentarier Romeo Franz stammt aus der Pfalz – und er ist Sinto. Für die Grünen sitzt er im EU-Parlament und setzt sich für Menschen- und Minderheitsrechte ein. Dem "preußische Sinto" geht es auch darum, innerhalb der Justiz und der Polizei für Rassismus zu sensibilisieren.

Von Anke Petermann

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Romeo Franz sitzt neben seinem Fan Michael Güttler aus Ludwigshafen (Deutschlandradio / Anke Petermann)
Der grüne EU-Abgeordnete Romeo Franz (rechts) beim Wahlkampfplausch in Ludwigshafen (Deutschlandradio / Anke Petermann)
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Im Hackgarten, einem Urban Gardening-Projekt vorm Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum, warten schon die Anhänger auf Romeo Franz: Grüne oder Grünen-Sympathisanten sind gekommen, einige mit Migrations- oder Flucht-Hintergrund - ein Heimspiel für den Europa-Parlamentarier. Auf einer Gartenbank lässt sich Michael Güttler neben Franz fotografieren. Der Ludwigshafener ist Fan des Musikers.

"Der ist halt kulturell sehr aktiv mit seiner Musikgruppe, die ist außergewöhnlich jazzig, er hat halt seinen eigenen Stil und ich mag das. Ich mag Al Jarreau, ich mag den Romeo – um die zwei mal in einer Liga zu nennen."

Romeo Franz siedelt seine Musik eher in der Liga des Geigers Schnuckenack Reinhardt an, dessen Meisterschüler er war. Doch an diesem Nachmittag geht es nicht um Sinti-Jazz – auf der kleinen Bühne zwischen Blumenkästen und Recycling-Brunnen kommt Franz zügig zum Hauptthema seines Wahlkampfs: Menschen- und Minderheitsrechte. Wie die in Europa mit Füßen getreten werden, hat er unlängst bei einer Rumänienreise in einem Kleinstadt-Slum gesehen. 200 Roma lebten dort ohne sanitäre Anlagen.

Dossier: Europawahlen (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Mehr Beiträge zum Thema finde Sie auf unserem Europawahl-Portal (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Wahlkampf nicht nur für die Deutschen

"In Hütten mit Lehmboden. Schwerstbehinderte liegen nackt draußen – Kinder - im Schlamm, das habe ich dann selbst gesehen, die übersät waren von Rattenbissen. Für mich war klar, dass selbst hier ein Schlafplatz unter der Brücke besser ist, als das, was sie in ihrer Heimat vorfinden."

"Großartig" findet Grünen-Anhängerin Heike Grützmacher, dass sich Franz selbst ein Bild von menschenunwürdigen Lebensbedingungen in Europa macht. "Man kann Fluchtursachen – denke ich - nur dann bekämpfen, wenn man tatsächlich weiß, wie es aussieht."

Klarstellen will Romeo Franz in seinem ersten Wahlkampf, "dass unsere Verantwortung nicht an der deutschen Grenze endet, sondern dass unsere Verantwortung bis nach Rumänien geht – auch dorthin – weil wir alle gemeinsam in einem Europa leben und wir gemeinsam diese Auswirkungen tragen müssen. Wir haben kein Roma-Problem, wir haben ein Rassismus-Problem."

Kampfansage an den Rassismus

Auf diesem Leitsatz insistiert der erste Sinto im Europäischen Parlament – der Nachrücker prangert diejenigen an, die das Rassismus-Problem schüren. Wie den rechtsnationalen italienischen Innenminister Matteo Salvini, "der ja angefangen hat, in alter faschistischer Manier, die Roma in Italien zu zählen."

Gut, dass Romeo Franz den italienischen Lega-Chef stellt, findet Claudia Roth:

"Das muss man sich mal vorstellen, der katalogisiert die Roma in Italien," empört sich die Bundestagsvizepräsidentin. Die Grünen-Politikerin begleitet Romeo Franz vom Ludwigshafener Hackgarten nach Mannheim - zur abendlichen Diskussion über einen europäischen Rechtsruck. Die Debatte findet im Romnokher statt, dem Bildungs- und Kulturzentrum, das Sinti und Roma berät und den Dialog zwischen Minderheiten und Mehrheiten fördert. Gegenüber vom Romnokher haben sich ein paar rechte Demonstranten postiert, denen das Diskussionsthema nicht passt.

"Der hat gerade den Hitlergruß gezeigt!"

Der Fotograf Alexander Kästel hält den Polizisten beim Sicherheitscheck im Kulturzentrum seine Kamera unter die Nase. Zu sehen das kurz vorher aufgenommene Bild eines rechten Demonstranten mit hoch gerecktem Arm. Kästel will sofort Anzeige erstatten, die Polizei wimmelt ihn ab.

"Das können Sie auf dem Revier mache, das machen wir hier vor Ort nicht."

Der Fotograf ist nicht einverstanden. Er findet, die Polizei hätte nach dem Hitlergruß die Versammlung von Demonstranten aus den Reihen von NPD, AfD und Junger Alternative auflösen müssen. Romeo Franz erzählt bei der Diskussion im Romnokher davon, wie er als Parlamentarier darauf drängt, dass Sensibilisierung für Rassismus in Polizei-Fortbildungen eingebaut wird. Auch in Deutschland und auch bei der Justiz bestehe da Nachholbedarf, findet der "preußische Sinto". So nennt er sich selbst.

Rassismus ist kein Kavaliersdelikt

"Wenn ich Plakate der NPD auch an meinem Wohnort sehe, wo es wieder heißt 'Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma' – ich habe das jetzt auch wieder zur Anzeige gebracht, und die Justiz in der Vergangenheit durchweg diese Anzeigen abgelehnt hat, mit dem Argument – und gerade bei mir - es würde sich ja nur reimen", dann zeige ihm das, wie wenig sensibel Staatsanwaltschaften und Gerichte für Antiziganismus als eine Spielart des Rassismus seien. Doch der Grünen-Politiker bleibt dran: Volksverhetzung per Wahlplakat will Romeo Franz nicht hinnehmen.

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