Montag, 08. August 2022

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Evgeny Kissin mit Emerson String Quartet
Große Namen, zu große Erwartungen

"The New York Concert", die neue CD des Pianisten Evgeny Kissin mit dem Emerson String Quartet wirft Fragen auf. Zumindest, was die Interpretation der Werke von Mozart und Dvořák angeht. Nur bei einem Komponisten glänzen alle Musiker gemeinsam.

Am Mikrofon: Christoph Vratz | 07.04.2019

    Der Pianist Evgeny Kissin.
    Hat eine neue CD mit dem Emerson String Quartet produziert: Pianist Evgeny Kissin (Deutsche Grammophon)
    Es war die Idee findiger Konzertagenten, als sie vor einigen Jahren dem amerikanischen Emerson String Quartet eine Zusammenarbeit mit dem Pianisten Evgeny Kissin vorschlugen. Man traf sich gemeinsam, verstand sich auf Anhieb, begann zu planen und gab 2018 acht Konzerte. Eines davon fand am 27. April in der New Yorker Carnegie Hall statt, dessen Mitschnitt nun als Doppel-CD vorliegt.
    Musik: W.A. Mozart, Klavierquartett g-Moll, KV 478 - Allegro
    Auf dem Programm standen neben Mozarts g-Moll-Klavierquartett KV 478 auch das erste Klavierquartett von Gabriel Fauré sowie das A-Dur-Quintett von Antonín Dvořák. Wie immer beim Emerson String Quartet, so wechselten sich auch bei diesem Konzert Eugene Drucker und Philip Setzer am Ersten Geigenpult ab, Setzer nahm diese Position bei Mozart ein.
    Musik: W.A. Mozart, Klavierquartett g-Moll, KV 478 - Allegro
    Allegro fordert Mozart im ersten Satz, also schnell. Rasch ist klar: Hier rauscht kein ICE-Kammermusikzug am Hörer vorbei, weit wagen sich die Musiker nicht ins Risiko. Das wiederum eröffnet Chancen für Details. Die aber liefert in erster Linie Evgeny Kissin, etwa wenn er – wie gerade gehört - die Bass-Oktaven am Ende kurzer Phrasen leise ausklingen lässt. Von den Streichern hingegen kommt vor allem eines: Mittelmaß.
    Kissin entfaltet still leuchtende Intensität
    Den langsamen Satz eröffnet das Klavier allein. Die Moll-Welten des Kopfsatzes sind einem lyrischen B-Dur gewichen. Die Bezeichnung Andante wird eher defensiv gedeutet, nah an der Grenze zum Adagio. Dabei schlüpft Kissin in die Rolle eines Sängers: Über der sonor begleitenden Bassstimme entfalten sich die Melodietöne mit still leuchtender Intensität.
    Musik: W.A. Mozart, Klavierquartett g-Moll, KV 478 - Andante
    Wenn dann die Streicher hinzutreten, fragt man sich: Wo ist er, der von Mozart geforderte Gegensatz von piano zu Beginn und forte, sobald alle vier Instrumente zusammenspielen? Das klingt hier auffallend zaghaft und zaudernd. So gerät Mozart, der auch in seiner Kammermusik immer wie ein Opernkomponist denkt und fühlt, zu einheitlich, zu spannungsarm. Eine Ahnung von dem, was Mozart, dieser Virtuose der plötzlichen Kontraste und der schleichenden Stimmungsumschwünge, vorgeschwebt haben dürfte, ergibt sich erst im Rondo.
    Musik: W.A. Mozart, Klavierquartett g-Moll, KV 478 - Rondo. Allegro moderato
    Glitzernd und filigran setzt Kissin die rauschenden Diskant-Triolen in die Tasten und hebt davon die knurrigen Bassoktaven ab. Dass die Emerson-Streicher perfekt zusammenspielen und rhythmisch keine Wünsche offenlassen, ist nicht neu – und wird in diesem Mitschnitt abermals unter Beweis gestellt.
    Auf Mozart folgt Gabriel Fauré. Der hätte seine beiden Klavierquartette vermutlich nie geschrieben, wenn nicht Camille Saint-Saëns 1871 in Frankreich eine Nationale Gesellschaft für Musik gegründet hätte. Ziel dieser "Société" war es, Werke von vor allem jüngeren Komponisten aufzuführen. Davon angeregt, machte sich auch Fauré daran, Kammermusik zu komponieren: je eine Sonate für Geige und Cello, ein Trio, ein Streichquartett, zwei Klavierquintette – und eben die beiden Klavierquartette. Das Emerson String Quartet und Evgeny Kissin haben das erste dieser beiden Werke ausgewählt, in düster-schwülem c-Moll.
    Musik: G. Fauré, Klavierquartett Nr. 1 c-Moll, op. 15 - Allegro molto moderato
    Man mag darüber streiten, inwieweit das eher dunkel gefärbte, nicht sonderlich transparente und zugleich etwas trockene Klangbild dieser Aufnahme dem Werk zugute kommt oder auch nicht. Etwas mehr Raumklang, lichter und heller, hätte es schon sein dürfen, allein um die einzelnen Streicherstimmen besser voneinander unterscheiden zu können. Sei’s drum. – In diesem Allegro molto moderato bilden Pianist und das Emerson String eine Einheit: entschlossen, aufrührerisch und, wo nötig, melancholisch.
    Plötzlich freieres Spiel
    Im Scherzo verleihen, mehr noch als die gezupften Töne der Streicher, die Akzente des Klaviers diesem Satz ihren unverwechselbar geisterhaften Charakter. Insgesamt wirkt der Vortrag bei Fauré freier und mutiger als eingangs beim Mozart-Quartett.
    Musik: G. Fauré, Klavierquartett Nr. 1 c-Moll, op. 15 - Scherzo. Allegro vivo – Trio
    Im Gegensatz zu diesem flirrenden Scherzo beginnt das Adagio choralhaft - für viele Fauré-Liebhaber ohnehin einer der zentralen Sätze seiner frühen Schaffensperiode. Die Schlichtheit der gewählten Mittel muss von den Interpreten so zwingend eingefangen werden, dass die Musik den Hörer in ihren Bann schlägt.
    Musik: G. Fauré, Klavierquartett Nr. 1 c-Moll, op. 15 - Adagio
    Großer Farbenreichtum bei Fauré
    Diesen feierlich-andeutenden Gestus löst Fauré durch eine von der Geige angestimmte lyrische Passage ab, gefolgt von zart-melancholischen Harmoniewechseln, die vom Klavier über mehrere Takte hinweg nur begleitend gestaltet werden. Hier haben sich die Musiker nun endgültig gefunden, ihr Spiel lebt von einem großen Farben- und Nuancenreichtum, angereichert durch sanfte Andeutungen und Zwischentöne.
    Musik: G. Fauré, Klavierquartett Nr. 1 c-Moll, op. 15 - Adagio
    Bereits vor 26 Jahren, im April 1993, hat das Emerson String Quartet erstmals eine Aufnahme des A-Dur-Klavierquintetts von Antonín Dvořák vorgelegt mit Menahem Pressler, seinerzeit noch Mitglied im legendären Beaux Arts Trio. Markantester Unterschied zwischen beiden Einspielungen: Damals haben die Emersons, wie von Dvořák eindeutig vorgegeben, den ersten Teil des Kopfsatzes wiederholt. Hier, in der neuen Aufnahme mit Evgeny Kissin, führt der Weg geradewegs in die Durchführung. Fragt sich nur: Warum?
    Musik: A. Dvořák, Klavierquintett A-Dur, op. 81, Allegro, ma non tanto
    Befremdliche Süße macht sich breit
    Das Emerson String Quartet wählt in den beiden ersten Sätzen langsamere Zeitmaße als bei der eigenen Vergleichsaufnahme, die insgesamt von größerem, natürlichem Schwung lebt. Doch viel schwerer wiegt die Tatsache, dass sich hier nun an einigen Stellen eine befremdliche Süße breit macht, besonders in der hohen Lage der ersten Geige und begünstigt durch einige Rubato-Dehnungen, die Dvořák nirgends fordert.
    Musik: A. Dvořák, Klavierquintett A-Dur, op. 81, Allegro, ma non tanto
    Den zweiten Satz hat Dvořák mit Andante con moto überschrieben, er wünscht also explizit eine gewisse Bewegung oder auch Unruhe. Evgeny Kissin eröffnet diese Dumka solistisch. Das klingt schön, extrem schön sogar, klangintensiv und schimmernd, bevor baritonesk die Bratsche als Gegenstimme auftritt. Wo aber bleibt der con moto-Charakter?
    Musik: A. Dvořák, Klavierquintett A-Dur, op. 81, Dumka. Andante con moto
    Mehr Stringenz in der zweiten Hälfte des Dvořák-Quartetts
    Die ersten beiden Sätze werfen mehrere Fragen auf, die man sich als Hörer nicht überzeugend beantworten kann. Das Scherzo wirkt dagegen stringenter, auch wenn man sich den furiant-Charakter des böhmischen Volkstanzes, den Dvořák hier fordert, noch zwingender hätte vorstellen können.
    Musik: A. Dvořák, Klavierquintett A-Dur, op. 81, Scherzo (Furiant). Molto vivace – Poco tranquillo
    Erst im Finale stellt sich ungezügelte Spielfreude ein. Hier finden Kissin und das Emerson String zu einem Ton, der Antonín Dvořáks Vorstellungen von Melos und böhmischem Feuer, rhythmischer Variabilität und natürlichem Schwung treffend wiedergibt.
    Musik: A. Dvořák, Klavierquintett A-Dur, op. 81, Finale. Allegro
    Als Bilanz steht eine Reihe von gemischten Eindrücken: Bei Mozarts g-Moll-Quartett überzeugt Pianist Evgeny Kissin weit mehr als seine Kollegen vom Emerson String Quartet. Das Klavierquintett op. 81 von Antonín Dvořák zeichnet sich durch zwei fragwürdige erste Sätze und durch zwei stimmige Abschnitte danach aus. Der gelungenste Vortrag in diesem Mitschnitt vom New Yorker Konzert im April 2018 ist das erste Klavierquartett von Gabriel Fauré.
    "The New York Concert"
    Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierquartett g-Moll, KV 478
    Gabriel Fauré: Klavierquartett Nr. 1 c-Moll, op. 15
    Antonín Dvořák: Klavierquintett A-Dur, op. 81
    Dimitri Schostakowitsch: Scherzo aus: Klavierquintett g-Moll, op. 57

    Evgeny Kissin (Klavier)
    Emerson String Quartet
    Label: Deutsche Grammophon (2 CDs)