Samstag, 07.12.2019
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellDer Ursprung des weiblichen Orgasmus02.10.2019

EvolutionDer Ursprung des weiblichen Orgasmus

Frauen können auch ohne Orgasmus schwanger werden - so gesehen scheint der weibliche Höhepunkt unnütz für die Fortpflanzung. Das sei nicht immer so gewesen, sagte die Biologin Mihaela Pavlicev im Dlf. Forschungen an Kaninchen legten nahe, dass früher der Orgasmus den Eisprung ausgelöst habe.

Mihaela Pavlicev im Gespräch mit Lennart Pyritz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Liebespaar in einem Bett. (imago / Westend61)
Forscher konnten an Kaninchen die Bedeutung des Orgasmus für den Eisprung untersuchen (imago / Westend61)
Mehr zum Thema

Philosophie des Höhepunkts Muss der Orgasmus weiblicher werden?

Warum gibt es Sex?

Lennart Pyritz: Für die Wissenschaft ist es durchaus rätselhaft, warum es ihn gibt: Der weibliche Orgasmus bei Menschen ist nicht notwendig, um Nachwuchs zu zeugen. Andererseits ist es ein so komplexer physiologischer Vorgang, dass er nicht zufällig im Lauf der Evolution entstanden sein sollte. Es gibt eine ganze Reihe Vermutungen dazu, warum er sich entwickelt hat. Eine davon hat jetzt ein Forschungsteam in den USA anhand von Experimenten mit Kaninchen genauer unter die Lupe genommen. Ich habe vor der Sendung mit einer der Studienautorinnen telefoniert: Mihaela Pavlicev, mittlerweile Professorin für Theoretische Biologie an der Universität Wien. Meine erste Frage war, welche Vermutungen über den Ursprung des weiblichen Orgasmus die Wissenschaft vor der aktuellen Studie bereits angestellt hat?

Mihaela Pavlicev: Die meiste Forschung scheint sich eigentlich eher um die Funktion, die Orgasmus momentan hat, zu kümmern und dann zu extrapolieren, dass das vielleicht auch diejenige ist, die am Anfang die Evolution verursacht hat. Vielleicht erwähne ich da nur eine dazu, und die wäre, dass weiblicher Orgasmus ein Eintauchen von Muttermund in einer Lake von Samen verursacht und dass die Fertilisation fördert. Das konnte leider nicht nachgewiesen werden. Wir haben uns vielmehr auf den wirklichen Ursprung von Orgasmus fokussiert, und dazu gibt es eigentlich relativ wenig.

Weiblicher Orgasmus könnte Ovulation ausgelöst haben

Pyritz: Sie haben sich also jetzt sozusagen den evolutiven Ursprung des weiblichen Orgasmus angesehen und dabei speziell auf eine Hypothese geblickt, die sozusagen den Orgasmus mit dem Eisprung in Zusammenhang bringt. Was genau steckt dahinter?

Pavlicev: Genau. Wir haben beobachtet, dass der Reflex, der beim weiblichen Orgasmus stattfindet – das heißt, der Reflex von taktilen Stimulationen ins Gehirn, dann auch in der Hypophyse ein Loslassen von Hormonen auslöst –, relativ ähnlich ist zu einem anderen Reflex, und das ist derjenige, der den Eisprung verursacht in manchen Tieren, und das sind die Tiere, die nur dann ovulieren, wenn sie kopulieren. Das sind zum Beispiel die Katzen und die Hasen und auch die Kamele und einige andere. Und das hat uns irgendwie die Idee gegeben, dass möglicherweise der weibliche Orgasmus ein Überbleibsel ist von dieser Funktion, nämlich des Reflexes, der die Ovulation auslöst.

Pyritz: Wie sind Sie dann jetzt experimentell vorgegangen, um eben diese Annahme zu prüfen?

Pavlicev: Ja, wir haben uns überlegt, um so eine Ähnlichkeit der Mechanismen zu testen, könnten wir vielleicht in einem Tier versuchen, die Funktion zu unterbinden oder zu stören mit den gleichen Medikamenten, die in den Menschen auch den Orgasmus beeinflussen. Und ein sehr bekanntes Medikament dafür sind die Antidepressiva, insbesondere Antidepressiva, die sehr häufig verwendet werden, die heißen Fluoxetin, das unterdrückt nämlich den Orgasmus in Menschen. Und wir haben das benutzt und haben praktisch zwei Wochen lang die Häsinnen auf diesen Antidepressiven gehalten, und danach haben wir sie kopulieren lassen und beobachtet, ob ihr Eisprung verändert wird, im Sinne von, ob die Anzahl der Eier, die ovulieren aus dem Ovar, ob die verringert wird. Und das ist dann tatsächlich der Fall gewesen. Wir hatten eine Kontrollgruppe natürlich, die nicht mit Antidepressivum behandelt worden ist, und die Gruppe, die es war, hat um 30 Prozent geringere Raten an Ovulation.

Frühere Funktion ist heute verlorengegangen

Pyritz: Wie interpretieren Sie denn jetzt Ihre Ergebnisse aus den Experimenten? Lassen sich da Rückschlüsse darauf ziehen, welchen evolutiven Ursprung der weibliche Orgasmus im Tierreich tatsächlich hat?

Pavlicev: Ja. Wir glauben schon, zumindest ist es ein guter Hinweis. Natürlich, es wäre gut, das noch bei anderen Arten zu testen als nur bei einer. Aber was wir glauben, ist tatsächlich: Der Reflex, der hinter dem menschlichen weiblichen Orgasmus steckt, ist ein alter, und es hatte eine andere Funktion gehabt, und die Funktion war das Auslösen von Ovulation. Diese Funktion ist verlorengegangen. Unser Eisprung wird endogen gesteuert, das heißt, es wird ausgelöst jeden Monat, ohne dass ein externes Signal gebraucht wird. Der Reflex eigentlich ist aber dageblieben. Also es gibt immer noch den taktilen Reflex, dann auf die Hypophyse wirkt, und macht fast alles, was das Ursprüngliche hat, außer: Es löst nicht mehr das Hormon aus, das die Ovulation bewirken würde. Das heißt, wir glauben, dass dadurch, dass wir mit der gleichen Störung die beiden Funktionen stören können, das heißt, dass die tatsächlich einen gemeinsamen Ursprung haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk