Ex-Fünfkämpferin Allenby"Missmanagement durch den Verband"

Moderner Fünfkampf soll künftig ohne Reiten ablaufen. Das hat der Weltverband beschlossen. Athleten forderten daraufhin den Rücktritt des Verbandsvorstandes. Die britische Fünfkampf-Medaillengewinnerin Kate Allenby nennt im Dlf die Regeln und den Verband als eigentlichen Ursprung des Problems.

Kate Allenby im Gespräch mit Maximilian Rieger | 06.11.2021

Kate Allenby duckt sich im Sprung nah an das Pferd.
Kate Allenby mit dem Pferd Babar bei den Olympischen Spielen von Athen 2004 (dpa/picture alliance / AP Photo | CHARLES KRUPA)
"Annikas und Kims Vorfall war unglaublich erschütternd anzusehen, aber es war nicht der erste oder der letzte", sagt Kate Allenby über die massiv kritisierten Versuch der deutschen Fünfkämpferin Annika Schleu und Trainerin Kim Raisner, das zugeloste Pfed zum Springen im Parcours zu bewegen. Allenby war selbst Fünfkämpferin, gewann beim ersten Olympischen Wettbewerb für Frauen in Sydney 2000 die Bronzemedaille. Heute arbeitet sie als Trainerin.
Die Schuld liegt für Allenby aber woanders: "Dieser Vorfall ist das Resultat von Missmagement durch den Weltverband, der nicht auf das Wohl der Pferde und der Reiter geachtet hat, für viele Jahre. Die Athleten hatten für viele Jahre darum gebeten. Und trotzdem haben die Funktionäre sie ignoriert und weitergemacht, obwohl die gleichen Probleme immer und immer wieder aufgetaucht sind." Problematisch aus ihrer Sicht auch: Es habe vor der Entscheidung keine Befragung oder Beteiligung der Athleten gegeben.

"Warum den Sport streichen, wenn nur Regeln fehlen?"

Als Vorbild sieht Allenby den Welt-Reitverband, dessen Regeln Pferde und Reiter schützten. "Es gibt keine Vorschriften in den Regeln des Fünfkampf-Verbandes, die besagen, dass man die Pferde und Reiter schützen muss. Also warum müssen wir den Sport streichen, nur weil wir solche Vorschriften nicht haben?"
Allenby schlägt vor, das Reiten im Verhältnis zu den anderen Sportarten aufzuwerten, damit im Training mehr Wert darauf gelegt werde. Das Argument, dass der Sport mit den Pferden sehr kostspielig und daher für Athleten in vielen Teilen der Welt nicht leistbar, weist sie zurück. Das könne über Allianzen mit finanzstarken Nationen gelöst werden.
+++
Die Übersetzung des kompletten Interviews
Maximilian Rieger: Frau Allenby, warum sind Sie dagegen, dass das Reiten aus dem Programm gestrichen wird?
Kate Allenby: Ben Johnson wurde 1988 positiv getestet. Trotzdem wurden die 100-Meter nicht aus dem Programm genommen. Ein Zwischenfall ist also kein Grund, eine ganze Sportart zu verändern, weg von dem olympischen Ideal, der Vision von Baron Pierre de Coubertain. Und diese Entscheidung, die der Weltverband am Donnerstag verkündet hat, wurde schon seit 2017, 2018 diskutiert.
Der Vorfall bei Olympia war wirklich, wirklich erschütternd. Aber wir müssen beachten: Dieser Vorfall ist das Resultat von Missmagement durch den Weltverband, der nicht auf das Wohl der Pferde und der Reiter geachtet hat, für viele Jahre. Die Athleten hatten für viele Jahre darum gebeten. Und trotzdem haben die Funktionäre sie ignoriert und weitergemacht, obwohl die gleichen Probleme immer und immer wieder aufgetaucht sind. Annikas und Kims Vorfall war unglaublich erschütternd anzusehen, aber es war nicht der erste und der letzte.
Rieger: Aber Sie haben jetzt die Probleme angesprochen, die der Moderne Fünfkampf schon vor den Spielen von Tokio hatte und die offensichtlich waren. Warum sind Sie dann dagegen, Reiten zu streichen, obwohl das dazu führen könnte, dass Sponsoren Ihren Sport unterstützen, die vielleicht zögern, wenn Reiten Teil des Programms bleibt?
Allenby: Reiten hat seinen Platz bei den Olympischen Spielen. Wir müssen uns am Weltreitverband orientieren. Der achtet wirklich auf das Wohl der Tiere bei Olympia. Sie arbeiten mit den Pferden, kühlen sie, sie haben an den Regeln gearbeitet. Wenn ein Pferd während eines Wettkampfes stürzt, wird es rausgenommen. Wenn ein Reiter stürzt, wird er rausgenommen. Im Modernen Fünfkampf haben wir solche Regeln nicht. Wenn bei uns ein Reiter vom Pferd fällt, dann ist es okay, wieder aufs Pferd zu steigen. Aber woher wissen wir, ob sich das Pferd nicht verletzt hat? Oder dass der Reiter keine Gehirnerschütterung hat? Es gibt keine Vorschriften in den Regeln des Fünfkampf-Verbandes, die besagen, dass man die Pferde und Reiter schützen muss. Also warum müssen wir den Sport streichen, nur weil wir solche Vorschriften nicht haben?
Rieger: Aber selbst wenn es diese Vorschriften im Modernen Fünfkampf geben würde, würden die Athletinnen und Athleten die Pferde trotzdem erst 20 Minuten vor dem Start kennenlernen. In den anderen Reitdisziplinen trainieren die Athletinnen und Athleten täglich mit ihren Pferden. Da gibt es also einen großen Unterschied, auch in der Beziehung zwischen Reiterin und Pferd.
Allenby: Ja, und der Sport ist seit mehr als hundert Jahren bei den Olympischen Spielen mit dabei. Und trotzdem hat die aktuelle Führung im Weltverband die Regeln so gesetzt, dass Reiten weniger wichtig ist, als die anderen Disziplinen. Und die Athleten orientieren sich daran. In den Neunziger-Jahren wurden die Regeln so verändert, dass im Halbfinale nicht mehr geritten wurde. Die Message an die Sportler war: Reiten ist nicht mehr so wichtig, um ein Finale bei einer WM zu erreichen. Du musst ein Weltklasse-Vierkämpfer sein, nur dann darfst du reiten. Und die Athleten sagen: Ich will ein WM-Finale erreichen, also trainiere ich diese vier Sportarten sehr hart. Und dann kommen sie ins Finale und merken: Hm, vielleicht bin ich nicht genug geritten.
Und so sind wir in der jetzigen Situation gelandet: Du musst sehr gut in den anderen vier Sportarten sein, bevor du reiten darfst. Also warum verändern wir die Regeln nicht so, dass es wirklich wichtig ist, dass du ein guter Reiter bist? Weil es zum Beispiel sehr viel Zeit kostest, wenn du eine Stange reißt oder das Pferd sich weigert, zu springen. Im Moment kostet das 7 Sekunden. Meine Tochter nimmt hier in England an einem ähnlichen Sport teil, dort wird eine Verweigerung mit 20 Sekunden bestraft. Das würde die Situation stark verändern, nur durch eine kleine Regeländerung. Also warum ändern wir die Regeln nicht so, dass auf die Pferde und Reiter geachtet wird und das Reiten im Vergleich zu den anderen Disziplinen wichtig ist. Dann hätte man einen Wettbewerb, wo Pferde und Athleten sicher sind.
Rieger: Aber wenn diese Regeländerungen kommen würde, dann müssten die Athletinnen und Athleten noch mehr Reiten trainieren. Und das wäre sehr teuer. Das ist vielleicht kein Problem hier in Europa, aber es würde viele andere Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt ausschließen, die es sich vielleicht nicht leisten können, ein Pferd zu besitzen.
Allenby: In diesem Fall sollten wir Allianzen bilden. Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, USA, Australien – diese Länder sind sehr stark und haben eine lange Reit-Geschichte. Da sollten wir Allianzen schmieden. Aber gleichzeitig, wenn sie sagen, dass es Athleten aus anderen Ländern gibt mit weniger Chancen, teilzunehmen. In großen Teilen von Afrika und in der Karibik gibt es keinen Schnee. Und trotzdem gibt es Olympische Winterspiele. Zugang kann ermöglicht werden, das muss kein Hindernis sein. Lasst uns den Athleten helfen, Zugang zu den Pferden zu bekommen.
Rieger: Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie unzufrieden sind mit dem Prozess, wie der Weltverband zu der Entscheidung gekommen ist. Können Sie das etwas ausführen. Wie hat der Weltverband die Athletinnen und Athleten vor der Entscheidung einbezogen?
Allenby: Es hat keine Befragung gegeben.
Rieger: Gar keine?
Allenby: Es hat keine Befragung gegeben.
Rieger: Ist das vielleicht der Grund, warum so viele Athletinnen und Athleten, gerade aus Großbritannien, aber auch woanders her, so unzufrieden sind? Weil sie sich einfach überrollt fühlen?
Allenby: Es gibt einen Artikel, der in der Nacht auf dem Portal insidethegames veröffentlicht wurde. Darin wird ein Brief zitiert, der von 650 Athleten unterstützt wird, mehr als 650 Athleten aus der ganzen Welt. Aus Korea, Australien, Brasilien, wir haben ein paar Deutsche auf der Liste. Sie haben kein Vertrauen mehr in die aktuelle Führung des Weltverbandes und fordern ihren Rücktritt.
Rieger: Glauben Sie, dass dieser Brief und der öffentliche Widerstand die Entscheidung verändern kann? Es gibt ja in drei Wochen einen Kongress des Verbandes, wo darüber diskutiert wird. Wird sich noch was ändern?
Allenby: Der Brief allein wird nicht ändern. Aber das ist von Seiten der Athleten nur der Anfang.
Rieger: Aber wenn die Entscheidung Bestand hat und Reiten wird wirklich gestrichen nach den Spielen 2024 - was heißt das für die Athletinnen und Athleten, die bisher ihre ganze Karriere mit Pferden trainiert haben?
Allenby: Ich bin selbst Trainerin und am Dienstag-Morgen habe ich mit ein Kindern ein Warm-Up gemacht und erklärt, was wir heute vorhaben. Und dann hat mich plötzlich ein Kind mit großen Augen angeguckt und gesagt: Streichen die Reiten aus dem Fünfkampf? Das ist der Sport, den ich liebe! Die Athleten und die Fünfkampf-Gemeinschaft müssen der Jugend ins Gesicht gucken können und sagen können: Die Entscheidung ist richtig. Aber viele Athleten stimmen diesen Entscheidungen nicht zu. Auch wir sehen die Zukunft des Sports. Und diese Athleten waren am Boden zerstört. Wir müssen aufstehen und für unseren Sport kämpfen, für die nächste Generation. Manche haben geweint.