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StartseiteSprechstundeExperten warnen vor Suchtgefahr durch Computerspiele20.12.2005

Experten warnen vor Suchtgefahr durch Computerspiele

Spielsucht ist bislang bekannt aus Casinos. Erst in jüngster Zeit findet auch die Computer-Spielsucht Beachtung. Das Ergebnis einer Untersuchung an der Berliner Charité hat ergeben, dass jeder 10.Computerspieler Abhängigkeitskriterien wie Kontrollverlust und unstillbares Verlangen erfüllt. Außerdem aktiviert das exzessive Spielen am Computer vermutlich gleiche Strukturen im Gehirn wie stoffliche Drogen.

Von Bettina Köster

Computerspiele können süchtig machen. (AP Archiv)
Computerspiele können süchtig machen. (AP Archiv)
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" Das ist jetzt ein Spiel, da geht es um den amerikanischen Bürgerkrieg, also das ist jetzt quasi ein Kriegsspiel, es geht darum dass zwei Armeen eben die Südstaaten gegen die Nordstaaten, dass man halt Schlachten nachspielt, die sich ereignet haben. Es ist ein bisschen wie interaktives Fernsehen, als wenn man Fernsehen guckt, aber selber eingreifen kann. "

Der 40-jährige Stefan ist ein leidenschaftlicher Computerspieler. Oftmals sitzt er Stunden um Stunden vor dem Computer und merkt gar nicht mehr wie die Zeit vergeht. Als süchtig würde er sich jedoch nicht bezeichnen, weil er auch noch genügend andere Dinge gern tut. Es gibt aber auch immer wieder Männer, die zu exzessivem Computerspielen neigen, wie die Forscher der Charite das suchtartige Computerspielen bezeichnen. Die Wissenschaftler befragten über 7000 Computerspieler zu ihrem Spielverhalten und ihrer Einstellung zu Gewalt und Aggression via Internet. Dabei stellte sich heraus, dass knapp 12 Prozent zu einem süchtigen Spielverhalten neigen, aber deshalb nicht zu aggressivem Verhalten. Sie erfüllten nämlich mindestens drei der international anerkannten Kriterien für Abhängigkeit, wie unstillbares Verlangen, Entzugserscheinungen oder Kontrollverlust. Projektleiter Ralf Tahnemann relativiert jedoch die Ergebnisse.

" Das war eine Online-Befragung und wir haben kein Einzelfallinterview geführt, um danach festzustellen, wie richtig es ist, also warum haben die bestimmte Felder angekreuzt, stimmt die Selbsteinschätzung auch objektiv. Das muss man im Einzelfall immer genauer abklären. "

Und das versuchte das Forscherteam in einem zweiten Teil der Untersuchung herauszufinden. Im Labor überprüften sie bei 15 exzessiven Spielern und 15 Gelegenheitsspielern die Hirnaktivität mit dem EEG, wenn ihnen verschiedene Bilder, die unterschiedliche Gefühle hervorrufen, gezeigt wurden. Ralf Tahnemann.

" Was wir gefunden haben in der Untersuchung, dass exzessiv Computerspielende Männer, das waren ausschließlich Männer, dass die sich tatsächlich in der Kategorie von Gelegenheitsspielern aus der Kontrollgruppe unterschieden haben und das war die Kategorie Computerspielbilder, das heißt die haben zwar auch auf positive und negative ganz normal reagiert, wie die Kontrollgruppen auch, aber haben eben auch genauso heftige Reaktionen auf Computerspielreize gezeigt, obwohl die Kontrollgruppe auch aus den Gelegenheitsspielern bestand, das heißt auch mal gelernt hat, dass Computerspiele positiv sind, aber eben nicht in der spezifisch exzessiven Form. Insofern sehen wir einen Beleg dafür, dass es eine ähnliche Verarbeitung ist, wie bei Alkoholikern Alkoholreize und das ist dann erstmalig ein Beleg dafür, dass nicht nur formal über die Beschreibung von Diagnosekriterien Computerspielabhängigkeiten festzustellen sind, sondern dass sie sich auch über physiologische Reaktionen zeigen. "

Ob und wie sich das Hirn genau verändert bei denjenigen Spielern, die zu exzessivem Verhalten neigen, konnte in dieser Studie noch nicht erfasst werden. Da die Probanden im Durchschnitt 21 Jahre alt waren, muss außerdem noch erforscht werden, wie sich süchtiges Spielverhalten von Kindern und Jugendlichen auf deren Hirnentwicklung auswirken kann. Dazu läuft derzeit eine Begleitstudie, die in einer Kurklinik für Kinder in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt wird. Erste Ergebnisse erwartet das Team im kommenden Jahr. Jenseits dieser Untersuchung beobachtete Tahnemann, dass viele Eltern das Computerverhalten ihres Nachwuchses nicht richtig einschätzen.

" Wenn eine Mutter anruft und sagt, mein Junge spielt so viel Computer, der ist doch süchtig. Wenn sich dann aber herausstellt, dass er nach zwei Stunden liest und zwei Stunden Hausaufgaben und zwei Stunden Fußball. Dann würde ich das Kriterium nicht als erfüllt ansehen, weil eine Verhaltenseinengung nicht stattgefunden hat. "

Genaueres Hinschauen ist also im jedem Falle notwendig, bevor auch Ärzte entscheiden können, ob das Computerverhalten so exzessiv ist, dass eine gezielte psychologische Behandlung notwenig wird. Das heißt jedoch nicht, dass diese Notwenigkeit von der Krankenkasse anerkannt und unterstützt wird. Der Projektleiter der Untersuchung Ralf Tahnemann.

" Es ist so, dass das höchst umstritten ist, das ganze Konzept der Verhaltenssucht, weil es eben nicht als Krankheit festgeschrieben ist. Das pathologische Glücksspiel ist als einzige exzessive Verhaltensweise eine anerkannte Krankheit. Insofern denke ich, dass da ein ganzer finanzieller Rattenschwanz dranhängt, das auch gesetzliche Regeln fordern würde und ich derzeit noch keine Chance sehe, das das als Krankheit anerkannt würde. "

Die Charite bietet übrigens eine Hotline für ratsuchende Eltern an und zwar immer Mittwochs von 14 bis 19 Uhr unter der Nummer 030-450 529 529.

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