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StartseiteKalenderblattExplosion unter Wasser21.08.2006

Explosion unter Wasser

Vor 20 Jahren strömte tödliches Kohlendioxid aus dem Nyos-See in Kamerun

Es war eine Naturkatastrophe, wie sie die Öffentlichkeit vorher nicht gekannt hatte: Aus dem Nyos-See im Nordwesten Kameruns entwich 1986 eine tödliche Gaswolke. Sie erstickte über Nacht mehr als 1700 Menschen.

Von Anne Preger

Die Einheimischen suchten nach mystischen Ursachen für die Naturkatastrophe. (AP Archiv)
Die Einheimischen suchten nach mystischen Ursachen für die Naturkatastrophe. (AP Archiv)

"Meine Tochter war schon tot. Ich wusste nicht, dass sie tot war. Ich dachte, sie würde noch schlafen."

"Ich sah, dass der See am südlichen Ende sprudelte, wie Wasser bei einem Rohrbruch."

"Ich konnte nicht sprechen, ich wurde ohnmächtig."

"Es gab keine Zeichen von Zerstörung, die Menschen lagen einfach nur da. Drinnen und draußen, nicht mehr als ein paar Meter von ihren Hauseingängen entfernt."

"Ich fühlte mich wirklich, als würde ich träumen."

"Um zwei, drei Uhr nachts war es vorbei.""

Augenzeugenberichte vom Nyos-See im Nordwesten Kameruns. Ohne Vorwarnung spie der See am Abend des 21. August 1986 eine tödliche Gaswolke aus. In den Medien wurde bald darauf von bis zu 1800 Toten gesprochen. Eugenia Shanklin vom College of New Jersey glaubt, dass diese Zahl zu niedrig ist. Die Anthropologin war im Frühjahr 1987 im Kamerun und sprach mit Überlebenden.

""Polizei und Armee kamen erst zwei oder drei Tage nach der Explosion in das Katastrophengebiet. In der Zwischenzeit hatten schon viele Leute ihre Angehörigen beerdigt. Die Zahl der Toten lag also vermutlich über 2000, aber wir werden es nie genau wissen."

Die Ursache der Katastrophe war zunächst ein Rätsel. Hinweise gab die Lage des Nyos. Der See liegt im Schlot eines alten Vulkans und ist an drei Seiten von Hügeln umgeben. Auffällig war: Die Todeszonen waren nicht gleichmäßig um den See verteilt.

"Die Menschen, die nicht überlebten, waren die, die weiter unten wohnten. Ein Mann, mit dem ich sprach, verlor einige Ehefrauen und viele Kinder, weil die Frauen unterhalb seiner Hütte wohnten und er weiter oben auf dem Hügel."

Bald war klar: Die Gaswolke aus dem 200 Meter tiefen See bestand aus Kohlendioxid. Dieses geruchlose Gas ist schwerer als normale Luft. Deshalb wälzte sich die Wolke an Talsohlen entlang nach Norden - mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern pro Stunde. Menschen und Tiere bekamen nicht mehr genug Sauerstoff, wurden bewusstlos und erstickten - noch in 23 Kilometern Entfernung.

Das Gas stammte aus dem vulkanischen Untergrund und wurde im tiefen, kalten Seewasser zwischengespeichert. Leichteres, wärmeres Oberflächenwasser wirkte wie ein Korken auf einer Sektflasche. So viel Gas hatte sich angesammelt, dass eine kleine Bewegung des Wassers - möglicherweise ausgelöst durch einen Erdrutsch am Ufer - reichte, um den See explodieren zu lassen.

Bereits zwei Jahre zuvor waren an einem anderen kamerunschen See 37 Menschen auf dieselbe Weise umgekommen. Zugleich gab es Hinweise auf viel länger zurückliegende Katastrophen: Geschichten der einheimischen Bevölkerung, in denen Seen Menschen töten. Diese Erzählungen hatte Eugenia Shanklin schon seit Anfang der 80er Jahre gesammelt.

"Das im See gespeicherte Gas erklärte mir, was in all den Geschichten über explodierende Seen passiert sein könnte, die ich vorher gesammelt hatte. Plötzlich verstand ich, dass es das Kohlendioxid war, das die Menschen umbrachte."

Die Einheimischen suchten nach mystischen Ursachen, wie einen ungehaltenen, verstorbenen König.

"Niemand, mit dem ich in der Nyos-Region gesprochen habe, interessierte sich für die wissenschaftliche Erklärung. Es tut mir leid, das zu sagen, aber es ist nichtsdestotrotz wahr."

Etwa 3400 Überlebende aus dem Katastrophengebiet wurden in zunächst sieben Camps untergebracht. Die Lebensbedingungen dort waren teilweise schlecht: Es gab nicht genügend Land für den Ackerbau, Wasserpumpen fehlten, und die Menschen konnten nicht genügend Einkommen erwirtschaften, um ihren Kinder den Schulbesuch zu ermöglichen. Zurück in ihre alten Dörfer um den Nyos durften sie nicht.

"Woran ich mich fast besser erinnere als an die Augenzeugenberichte, sind die Besuche in den betroffenen Dörfern. Da war nicht eine Menschenseele, und das war sieben Monate später. Da ist nicht ein Mensch, die Umgebung ist unglaublich fruchtbar, aber nichts und niemand ist dort, wo ein Jahr zuvor Hunderte von Menschen waren."

Die Gegend um den Nyos ist auch heute noch Sperrgebiet. Trotzdem siedeln dort inzwischen wieder Menschen. Das ist gefährlich, denn der See sammelt weiterhin Gas. Dafür sorgt eine stetige Nachlieferung aus dem vulkanischen Untergrund. Ausländische Wissenschaftler versuchen zwar, das Gas zu entfernen, aber noch ist die Zeitbombe Nyos nicht entschärft.

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