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StartseiteCorsoSpiel mit dem Feuer27.03.2019

Exportschlager RammsteinSpiel mit dem Feuer

Brachialer Sound und gewaltige Bühnenshows sind die Markenzeichen von Rammstein - Deutschlands erfolgreichstem, aber auch umstrittenstem Musikexport. Gerade das "ironische Spiel mit dem Teutonischen" mache sie so erfolgreich, sagte Pophistoriker Peter Wicke, Autor einer neuen Bandbiografie, im Dlf.

Peter Wicke im Corsogespräch mit Achim Hahn

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Rammstein Konzert im Madison Square Garden in New York  2010 (imago stock&people (UPI))
Sänger Till Lindemann beim legendären Rammstein-Konzert im Madison Square Garden, 2010 (imago stock&people (UPI))
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Brachial schön

Der Pophistoriker Peter Wicke hat in seinem neuen Buch "Rammstein", das er für die Reclam Reihe "100 Seiten" geschrieben hat, das Phänomen und den andauernden Erfolg dieses Exportschlagers der deutschen Musikszene analysiert. Er selbst habe durch Zufall den allerersten Auftritt der Band 1994 miterlebt, erzählt er im Corsogespräch. Schon damals habe ihn die Eigenwilligkeit dieser Band fasziniert. Neben der damals gerade bei Ostbands eher verpönten deutschen Sprache, hatten sie einen sehr eigenwilligen Auftrittsstil, der geprägt war von einer "drastischen Verletzung aller performativen Regeln, die die Rockmusik kennzeichneten."

Ironisches Spiel mit dem Teutonischen

Das Geheimnis ihres Erfolges liege in der ausgezeichnet gemachten Musik mit einzigartigem, professionellem Niveau. Auch wenn man die Texte im Ausland nicht verstünde, werde "dieses ironische Spiel mit dem Teutonischen, was diese Band auszeichnet" gerade in den USA geschätzt, weil es beliebte Klischees bediene. "Die Brechungen gehen da aber vielfach unter."

Der Vorwurf, Rammstein würde mit ihrer Überwältigungsästhetik eine Nähe zur Naziästhetik oder Herrenmenschenattitüde provozieren, wie der Band ja immer wieder vorgeworfen werde, widerspricht Peter Wicke: "Das ist ein sehr oberflächlicher Vorwurf, denn das, was mit diesen Symbolen gemacht wird, ist schon etwas ganz anderes, als wofür sie in der Geschichte stehen." Rammstein konfrontierten uns vielmehr mit unserer eigenen Geschichte, aber sie hätten eine permanente Brechung darin. "Das ist ein ironisches Spiel, und die Ironie ist auch nicht zu übersehen. Wer das pur nimmt, ist schon böswillig."

Virtuose Uneindeutigkeit

Der rechte Missbrauch sei allerdings nicht ausgeschlossen, "den können Sie aber mit Kunst nie verhindern, da gibt es keine Garantie", sagte Peter Wicke. Dieses Spiel mit den permanenten Brechungen der Symbolik habe den Sinn, "dass man seinen eigenen Kopf benutzt und sich selber befragt. Das gesamte, ästhetische Konzept hat ja so etwas Kathartisches."

Rammstein-Songs seien nicht zu greifen. "Sie funktionieren, indem sie immer etwas anstoßen, bei denjenigen, die hören. Und immer, wenn man glaubt, jetzt weiß man's, wird das wieder gebrochen. Und das bedeutet, dass man am Ende ganz bei sich ist. Man muss sich befragen. Und das ist eine ausgesprochen innovative und originelle Form der Kunstproduktion."

Rammstein sei für Peter Wicke ein perfekt gemachtes Theater als Stachel im Fleisch des bundesdeutschen Wohlfühlkapitalismus. "Eine Form von Theater, die uns mit uns selber konfrontiert und anstachelt sich zu befragen, was wir aus uns machen und wer wir eigentlich geworden sind."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Peter Wicke: "Rammstein. 100 Seiten"
Reclam Verlag Stuttgart, 2019. 100 Seiten, 10 Euro.

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