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StartseiteForschung aktuellAb 105 stagniert das Sterberisiko29.06.2018

Extremes AlterAb 105 stagniert das Sterberisiko

Je älter wir werden, desto höher die Sterbewahrscheinlichkeit - bis wir 80 sind: "Dann wendet sich das Blatt, bis wir bei 105 Jahren ein Plateau erreichen", sagte Kenneth Wachter, Mitautor einer neuen Studie, im Dlf. Außerdem steige unsere Lebenserwartung immer weiter: "Da ist keine Grenze."

Kenneth Wachter im Gespräch mit Christiane Knoll

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Liesel Verleger (l-r), Stefanie Wahl und Ruth Remus aus Frankfurt blicken in Frankfurt am Main (Hessen) in die Kamera. Alle drei Damen konnten schon ihren 100. Geburtstag feiern. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
"Diese Grundlagenforschung könnte zukünftig helfen, Lebenserwartung und Gesundheit im Alter zu verbessern", sagte Kenneth Wachter von der Universität von Kalifornien in Berkeley im Dlf (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
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Christiane Knoll: Je älter wir werden, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir den nächsten Tag nicht mehr erleben. Das entspricht soweit unserer Lebenserfahrung, stimmt aber gar nicht. Es gibt Hinweise, dass der Mensch - statistisch betrachtet - irgendwann das Schlimmste hinter sich hat und wieder entspannter in die Zukunft schauen kann. Über 105, so die These, sind wir über den Berg.

Einig waren sich die Experten nicht, aber jetzt gibt es eine neue Studie, die genau das belegt. Sie ist in der Fachzeitschrift Science nachzulesen und einer der Autoren ist Kenneth Wachter. Ihn hab ich gestern an der Universität von Kalifornien in Berkeley erreicht.

"Das Sterberisiko hört im extremen Alter auf zu steigen"

Kenneth Wachter: Unsere Studie hat Männer und Frauen aus Italien einbezogen, die in einem Zeitraum von sieben Jahren 105 Jahre alt geworden sind und sie dann begleitet, bis der letzte von ihnen mit 116 gestorben war. Wir haben uns also das extrem hohe Alter angeschaut, ein sehr seltenes Ereignis, das erreicht noch nicht einmal ein Tausendstel Promille, nämlich 300 von einer Milliarde Menschen. Jetzt haben wir verlässliche Daten für das Überleben dieser Menschen.

Knoll: Sie wollten mehr über die Sterblichkeit in diesem hohen Alter wissen, was haben Sie herausgefunden?

Wachter: Wie wir alle wissen, steigt das Sterberisiko immer schneller, wenn wir älter werden. Aber dann sehen wir, dass das im extremen Alter aufhört. Es wird nicht besser, Sie wollen nicht 105 sein, aber das Risiko hört auf weiter zu steigen. Die Kurve flacht ab. Wir nennen das Plateau und das ist wichtig, weil es ein Muster ist. Wir Menschen teilen es offenbar mit Arten, die Genetiker gerne untersuchen, mit Fliegen und Würmern. Der exponentielle Anstieg der Sterblichkeit geht für uns bis in die 50er, 60er, 70er, 80er - dann nimmt sie langsam ab, bis wir bei 105 Jahren ein Plateau erreichen.

Demografische und Darwinsche Selektion

Knoll: Haben Sie eine Erklärung für diesen Effekt?

Wachter: Haben wir. In den letzten zehn Jahren konnten wir mit theoretischen Modellen diese Muster mit dem Prozess der Selektion verknüpfen, und zwar auf zweierlei Weise. Ich erkläre das kurz: Die erste ist leichter zu verstehen und wird demografische Selektion genannt. Wir kennen das alle. Wenn Sie sich eine Gruppe alter Menschen, vielleicht 70-Jährige anschauen, dann sind einige schon gebrechlich und andere klettern immer noch auf Berge und singen dabei auch noch. Dieses Bild haben Sie, wenn Sie Leute nehmen, die alle im selben Jahr geboren sind.

Aber wenn Sie sich die Gruppe 25 Jahre später anschauen, dann sind viele von den Gebrechlichen gestorben. Und so sehen sie nur noch die, die überlebt haben, und das sind die, die Vorteile hatten: Vorteile in ihrer genetischen Ausstattung, Vorteile durch ihre Lebensweise. Ihre Sterberate sinkt, weil sie bezogen auf den ganzen Jahrgang die robuste Gruppe bilden. Das nennen wir demografische Selektion und wir vermuten, dass die Sterberaten sich irgendwann auf ein konstantes Maß einpendeln.

Daneben gibt es die Darwinsche natürliche Selektion, die damit zusammenhängt, aber zehntausende von Jahren zuvor stattgefunden hat. Damals entstand die Last der alles andere als idealen Genvarianten, die wir in uns tragen. Und da gibt es eine Theorie, mit der wir zeigen können, dass der Prozess der natürlichen Selektion auch zu einer nicht weiter steigenden Sterberate bei sehr hohem Alter führen kann. Diese Theorie bildet einen der wichtigesten Teile im Hintergrund dieser Studie, weil Demografen und Genetiker jetzt in der Lage sind, die verschiedenen Genvarianten in Individuen zu untersuchen. In den nächsten zehn oder 15 Jahren könnten wir verstehen, wie viele kleine genetische Effekte mit Ernährung, Lebensstil, sozialer Unterstützung und anderen Einflussfaktoren zusammenspielen, um diese Fälle extrem hohen Alters hervorzubringen. Dann könnten wir auch verstehen, wie wir mit Medizin und Gesundheitsverhalten reagieren müssen für eine höhere Lebensspanne. Das ist heute Grundlagenforschung, aber in zehn bis 15 Jahren könnte es helfen, Lebenserwartung und Gesundheit im Alter zu verbessern, im sehr hohen Alter.

"Ein ganzes Netzwerk von Wechselwirkungen"

Knoll: Was macht Sie so optimistisch. Sie waren bisher mit all den neuentdeckten Genen nicht sonderlich erfolgreich.

Wachter: Viel Aufmerksamkeit fließt logischerweise in die Suche nach Genen mit großem Effekt. Viele Forscher haben nach einem  Durchbruch gesucht. Und wie Sie sagen: Da sind ein paar Effekte aufgetaucht, aber die Anstrengungen waren nicht sehr erfolgreich. Ich glaube, dass der andere Ansatz, nämlich, das Verständnis eines ganzen Netzwerks von Wechselwirkungen sich langfristig besser auszahlen wird.

"Wir erreichen keine maximale Lebensspanne"

Knoll: Sie haben noch etwas herausgefunden in Ihrer Studie: Die Lebenserwartung steigt weiter, die Menschen werden immer noch älter Jahr für Jahr.

Wachter: Das ist richtig. Und das ist nicht ganz überraschend, aber doch bemerkenswert. Wir wissen alle, dass die Sterberaten sinken genauso wie die Häufigkeit von Behinderung. Deutlich für die 80-Jährigen und etwas für die 90-Jährigen. Unsere Daten zeigen erstmals, dass es immer noch leichte Fortschritte gibt bis hinauf zum Alter von 105. Das sind keine großen Fortschritte bei 105, aber die Tatsache, dass wir immer noch Veränderungen über die Zeit sehen in diesem fortgeschrittenen Alter, legt nahe, dass da keine Grenze ist. Wir erreichen keine maximale Lebensspanne. Es könnte so etwas geben, wir können jenseits der 110 oder 115 wenig sagen, aber für die Zukunft, über die wir uns hier Gedanken machen sollten, gibt es keinen Hinweis, dass wir gegen eine Wand stoßen, an der der Fortschritt bei der Lebenserwartung endet. Es geht immer noch weiter, auch beim extremen Alter.  

Knoll: Kenneth Wachter war das, Professor für evolutionäre Demografie an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Mit 105 sind wir über den Berg - eine Studie mit 4.000 hochbetagten Italiener hat das jetzt bestätigt.

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