Mittwoch, 20.11.2019
 
Seit 10:10 Uhr Länderzeit
Startseite@mediasresAccounts von kritischen Journalisten gezielt manipuliert13.12.2018

Facebook-SperrungenAccounts von kritischen Journalisten gezielt manipuliert

Gelöschte Beiträge, gesperrte Nutzerkonten: Facebook ist offenbar gezielt manipuliert worden, um kritische Journalisten und Blogger aus Ländern mit mangelnder Pressefreiheit einzuschränken, berichtet Reporter ohne Grenzen. Facebook gab bekannt, aufgrund der Fälle bereits bestimmte Benutzerregeln geändert zu haben.

Von Benjamin Dierks

Zu sehen ist eine Tastatur und ein Laptop Bildschirm, auf dem die Seite von Facebook aufgerufen ist.  (imago / Bruno Amaral)
Lücken in den Benutzerregeln von Facebook ließen gezielte Manipulationen zu (imago / Bruno Amaral)
Mehr zum Thema

Vietnamesisches Magazin thoibao.de Kritischer Journalist Opfer von Facebook-Lücke

Cambridge Analytica "Jede Minute, die Facebook verzögern kann, ist extrem viel wert"

Zahlreiche kritische Journalisten und Blogger aus Vietnam sind durch einen direkten Angriff auf Facebook blockiert worden. Wie die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet, hat das Online-netzwerk seit Monaten Beiträge gelöscht und Benutzerkonten gesperrt, weil deren Inhaber angeblich gegen die Gemeinschaftsstandards des Unternehmens verstießen.

 "Es gibt 23 Fälle von Menschen im Exil als auch in Vietnam, wo offenbar Dritte die Menschen zu Administratoren von Fanpages mit illegalem Inhalt gemacht haben, um so eine Sperrung und – ich würde an der Stelle so weit gehen – eine Zensur zu ermöglichen", sagte Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, die sich weltweit für Presse- und Informationsfreiheit einsetzen.

Der Deutschlandfunk hatte bereits über den prominentesten Fall berichtet: Der in Berlin lebende Vietnamese Trung Khoa Le, der den Online-Nachrichtendienst Thoibao.de betreibt, war im November auf Facebook gesperrt worden, weil er über Nacht zum Administrator einer Facebook-Gruppe ernannt worden war, die besonders drastisch gegen die Regeln des Netzwerks verstieß. Koah hatte für den darauffolgenden Tag ein Live-Videointerview mit einem prominenten vietnamesischen Menschenrechtsanwalt angekündigt, der zu Gast im Menschenrechtsauschuss des Bundestags war.

"Infolge dieser Ankündigung – und das muss man, glaube ich, schon in der Direktheit sagen – wurde Trung Khoa Le als Administrator einer Kinderporno-Facebook-Seite hinzugefügt. Und das hat dazu geführt, dass Trung Khoa Le wegen Verletzung der Community-Standards als Person auf Facebook gesperrt werden konnte und damit alle von ihm administrierten Seiten."

Facebook spricht von "böswilligem Angriff"

Nun wird klar, dass diese Lücke in den Facebook-Regeln häufiger missbraucht wurde als bisher bekannt. Facebook hatte auf Anfrage bereits bestätigt, dass die Benutzerregeln infolge dieses Falls mittlerweile weltweit geändert wurden. Es ist heute nicht mehr möglich, Facebook-Nutzer ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung zu Administratoren einer Seite oder Gruppe zu machen. Wie  Facebook nun bekannt gab, war dieser Missbrauch nicht auf Vietnam beschränkt. Das Unternehmen sprach in einer schriftlichen Stellungnahme von einem "böswilligen Angriff" auf die betroffenen Blogger und Journalisten. Gegen die Täter wolle man vorgehen. Wer dahintersteckt, sagte Facebook nicht.

Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen ist von überzeugt, dass diese Fälle weitere Folgen haben müssen: "Ich denke, dass an dem Beispiel deutlich wird, dass Facebook mehr ist als ein privater Konzern. Facebook konstituiert Öffentlichkeit. Es ist ein Kommunikationsraum, in dem Journalismus stattfindet, ein Marktplatz. Es ist gut, dass Facebook reagiert hat, aber Facebook hat ja auch erst reagiert nach Druck. Und wenn eine Plattform wie Facebook öffentlich ist, muss sie auch öffentlich reguliert werden."

Facebook sei besonders in Ländern wie Vietnam von besonderer Bedeutung für die Öffentlichkeit, weil freier professioneller Journalismus kaum möglich sei und viele Websites gesperrt seien. Vietnam liegt auf dem 175. Von 180 Plätzen auf einer Rangliste, mit der Reporter ohne Grenzen die Pressefreiheit weltweit misst.

Auch Profile von Menschenrechtsaktivisten wurden gesperrt 

Auch die Website Thoibao.de sei in Vietnam gesperrt worden, nachdem er kritische Berichte über die Regierung gepostet habe, berichtet Le Trung Khoa: "Deswegen muss ich mit Video, mit Audio arbeiten, meine Texte nachsprechen und dann über Youtube, über Facebook versenden und verbreiten, damit die Leute in Vietnam es sehen und hören können."

Trung Khoa Le hatte versucht, über die Beschwerdefunktion bei Facebook gegen die Sperrung seiner Seite Thoibao.de anzugehen, hörte aber zunächst nichts von dem Unternehmen. Erst nach einer Woche wurde sein Account wieder freigegeben. Kurz darauf erhielt er eine Entschuldigung des Unternehmens. Auch bekannte Menschenrechtsaktivisten berichteten, dass ihr Profil gesperrt worden sei.

Christian Mihr zufolge mussten deren Gegner sich eines Tricks bedienen, um die Regimekritiker zu behindern: "Weil Facebook als Website erstmal technisch sehr schlecht gesperrt werden kann bzw. kein Regime es sich trauen würde eine populäre Website wie Facebook.com zu sperren. Und deswegen muss man, um Kommunikation zu unterdrücken, um unbeliebte Inhalte zu unterdrücken, zu anderen Mitteln greifen."

Die vietnamesiche Botschaft in Berlin reagierte nicht auf eine Anfrage.   

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk