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Fällt der Vorhang?

Wirtschaftlich ein Erfolg, sportlich eine Pleite. Das ist die Bilanz des David-Beckham-Experiments in der amerikanischen Fußballliga. Der Fünf-Jahres-Vertrag des 36-Jährigen mit Los Angeles Galaxy läuft mit dem Finalspiel heute abend aus. Seine Manager pokern um einen neuen Deal.

Von Jürgen Kalwa | 20.11.2011

Der Held trug Strubbelbart und kurze Haare, einen grauen Anzug mit silberner Krawatte und jenes Lächeln, das jemand wohl nur dann aufsetzt, wenn er mit sich und der Welt zufrieden ist. 700 Journalisten waren angereist, und etwa 5000 Fans tummelten sich erwartungsfroh auf den Rängen des Stadions in Carson, einem Vorort von Los Angeles.
O-Ton Alexi Lalas

""Now the moment, we've all been waiting for. Ladies and Gentleman, it is my distinct pleasure and honor to introduce to Los Angeles and the world the new member of the Los Angeles Galaxy - Mr. David Beckham.”"

Für eine zweitklassige Fußball-Liga wirkte die Show allzu selbstbewusst. Aber Alexi Lalas, damals der Chefmanager der Los Angeles Galaxy, hatte beschlossen, seinen Coup der Öffentlichkeit mit Konfetti und Bombast zu verkaufen.

""It seemed like a very big, oversized American thing.”"

Das ist Grant Wahl, der Fußballexperte der einflussreichen Wochenzeitschrift Sports Illustrated. "Das war sehr amerikanisch”, sagt er. "Überdimensioniert und wie das, was wir aus Los Angeles kennen. Er kam als Prominenter und wurde zum bedeutendsten Sportthema des Sommers 2007.”

Eine Begeisterung, die sich kurzfristig in Euphorie steigerte, als er kurz darauf sein erstes Tor erzielte. Ein sauber gezirkelter Freistoß hinweg über die Mauer von DC United und in den Winkel.

""Can he bend it? Beckham! It's in the net. Do you believe it?”"

"Beckham can bend it”, brüllte der Fernsehreporter. Eine Anspielung an den oft zitierten Titel eines britischen Kinofilms. Ja, er konnte ihn noch, diesen mit viel Effet getretenen Distanzschuss. Und er wusste, wie man nicht nur dieses Markenzeichen inszeniert, sondern die ganze Marke David Beckham: mit Werbeauftritten und vielen Interviews, die halfen, im ersten Jahr mehr als 600.000 Beckham-Trikots zu verkaufen. Grant Wahl:
""Die Liga hat gutes Geld verdient. Die Leute, die Major League Soccer managen, werden das bestätigen. Geschäftlich war das gut für jeden.”"

Es gibt Gründe, sich mit Grant Wahl über den mutmaßlich berühmtesten Fußballspieler der Welt zu unterhalten. Nicht zuletzt diesen: Der Journalist publizierte 2009 ein 300-Seiten dickes Buch mit dem Titel "The Beckham Experiment”, das wenigstens zwei Dinge ohne viel Umschweife klar machte. Das Spektakel um den Mittelfeldspieler kaschierte den sportlichen Wert - "eigentlich ein Disaster”, sagt Wahl. Und es zeigte, dass der Star in der Mannschaft nicht unantastbar war. Niemand anderer als Amerikas bester Fußballer Landon Donovan hatte dem Reporter sein Herz ausgeschüttet und sich über die Allüren von Beckham beschwert. Der Mann, der hundertmal so viel verdient wie der Durchschnitt der Galaxy-Profis, jettete ständig zu den Spielen der englischen Nationalmannschaft und verbrachte den in den USA spielfreien Winter beim AC Mailand. Grant Wahl:

""Landon war 2008 sehr unfroh. Er war Torschützenkönig in der Liga, aber die Galaxy standen weit unten in der Tabelle und konnten sich nicht für die Playoffs qualifizieren. Ein Versagen auf dem Spielfeld. Die Kontroverse drehte sich darum, dass ein Mannschaftskollege Beckham so deutlich kritisiert hatte.”"

Am Ende verschuf die Episode Donovan mehr Respekt, während der Engländer in der öffentlichen Gunst in den USA an Ansehen verlor. Erst in dieser, am Sonntag zu Ende gehenden Saison zeigte der Mann mit der Nummer 23, dass er auf dem Niveau von Major League Soccer als Schaltstelle im Mittelfeld und damit als Verstärkung einer Mannschaft fungieren kann. Los Angeles qualifizierte sich - auch dank seiner Vorlagen - für das Finale gegen Dynamo Houston, das heute abend im Home Depot Center in Carson ausgetragen wird. Doch mit diesem Match könnte der Vorhang im bisweilen ziemlich absurden Beckham-Theater fallen. Sein Vertrag läuft aus. Grant Wahl:

""Es wäre sicher gut für die Liga, wenn Beckham noch ein Jahr bleibt. Er sorgt nicht mehr für höhere Einschaltquoten und nicht mehr für mehr Stadienbesucher. Aber er spielt gut. Wenn jemand heute Los Angeles Galaxy sehen will, dann weil sie eine gute Fußballmannschaft sind.”"

Wird Beckham noch ein Jahr in Amerika dranhängen? Niemand weiß es. Die letzten Gerüchte, wonach ihn Paris St. Germain haben will, wirken so, als seien sie bewusst gestreut, um in den Verhandlungen mit Los Angeles seine Gehaltsvorstellungen durchsetzen zu können.