
Das Fluchen von Auto- und Taxifahrern in französischen Großstädten ist ein guter Gradmesser für den Erfolg grüner Verkehrspolitik. Ob in Paris, Lyon oder Straßburg – immer mehr Städte widmen Straßen und Fahrspuren zu Fahrradwegen um, verringern die Anzahl der Parkplätze und erhöhen Parkgebühren.
Vorreiter der Entwicklung ist Paris. Seine ehemalige Bürgermeisterin Anne Hidalgo steht für die konsequent vorangetriebene grüne Verkehrswende – auch gegen Widerstände. Doch längst nicht alle partizipieren, manche können gar nicht Rad fahren. Anderen ist es schlicht zu gefährlich, denn sichere Radwege gibt es noch nicht überall.
Wer fährt vor allem Fahrrad?
Studien zeigen, dass Radfahrende im Durchschnitt eher jünger und gut ausgebildet sind, unter ihnen sind vor allem junge Männer mit höherem Einkommen. Soziologisch gesehen ist das Fahrrad eine Sache der Mittelschicht, während Reiche nach Beobachtungen von Fahrradaktivist François Fatoux weiter mit dem Auto fahren. Auch Jugendliche unter 20 Jahren fahren kaum Rad - sie nehmen lieber den ÖPNV.
Unter Ärmeren galt das Fahrrad lange Zeit als sozialer Abstieg. Das ändert sich, weil die Radwege in den direkt angrenzenden Vororten von Paris ausgebaut wurden.
Zugleich können mindestens ein Viertel der Erwachsenen in der Region Paris nicht Rad fahren, schätzt Fatoux. In den Kursen der Fahrradschule für Erwachsene Vélo-école de Montreuil im gleichnamigen Pariser Vorort sind 90 Prozent der Teilnehmenden Frauen. 80 Prozent der Teilnehmenden wurden außerhalb Frankreichs geboren.
Fahrradinfrastruktur ist nicht gleichmäßig ausgebaut
Trotz der Fortschritte der ehemaligen Bürgermeisterin Anne Hidalgo wurde der Fahrradplan für 2021 bis 2026 bislang nur zu 40 Prozent umgesetzt. Im Osten der Stadt gibt es mehr Radwege, im Westen weniger. Das hat vor allem politische Gründe: Der Westen von Paris ist eher konservativ geprägt, die Menschen fahren mehr Auto. Zugleich habe die seit 25 Jahren linke Stadtregierung ihre eigene Wählerschaft bevorzugt, die eher im Osten der Stadt wohnt, sagt Corentin Roudaut vom Radverein Paris en Selle.
So hat die Stadt Radwege vor allem dort ausgebaut, wo sie eingefordert wurden und wo es politisch einfacher war. Auch Fahrradschulen und Tempo-30-Zonen gibt es im Osten der Stadt häufiger.
Die Radschule Vélo-école de Montreuil fordert, das Radwegenetz im Westen von Paris und in den westlichen Vororten auszubauen, damit ein vollständiges und einheitliches Netz entsteht und alle Bewohnerinnen des Großraums Paris Fahrrad fahren können.
Fahrradwende geht zulasten anderer Verkehrsteilnehmer
Die grüne Verkehrswende findet nicht nur Zustimmung, sondern ruft auch politischen Unmut hervor. Denn der Ausbau des Fahrradverkehrs geht klar zu Lasten des Autoverkehrs – mit Folgen etwa für die Anwohner. Im Stadtviertel Montmartre etwa fehlen Parkplätze. Vor allem für ältere Menschen, die oben am Berg wohnen und auf das Auto angewiesen sind, ist das ein Problem.
Auf der dreispurigen Rue de Rivoli im Zentrum von Paris müssen sich Busse, Taxis und die Autos der Anwohner seit 2019 eine Spur teilen, während die beiden anderen Spuren nur für den Fahrradverkehr zugelassen sind. Manche Straßen sind nun Einbahnstraßen, in denen die andere Spur für Radfahrer in beide Richtungen freigegeben ist.
Es gibt weniger Parkplätze für Autos und die Parkgebühren wurden erhöht. Manche Straßen sind komplett für den Autoverkehr gesperrt und zu Fußgängerzonen umfunktioniert worden. Viele sind nun Schulstraßen - Rues aux écoles, wo Eltern ihre Kinder abholen können. Sie sind oft noch mit Beeten und Büschen begrünt und schaffen dadurch Abkühlung im Sommer.
Es gibt den Vorwurf, dass Anne Hidalgo eine Disneylandisierung von Paris betrieben habe, die nur dem Tourismus gefällt. Finanziell sieht Hidalgos Bilanz ebenfalls weniger gut aus: In ihrer Amtszeit hat die Stadt ihre Schulden mehr als verdoppelt – auf fast zehn Milliarden. Das liegt jedoch nicht nur an der Verkehrspolitik, sondern auch am sozialen Wohnungsbau.
So konnte die Fahrradwende in Paris schnell umgesetzt werden
Grüne Verkehrspolitik hat eine lange Tradition in der Stadt, so wurde der Ausbau des Radwegenetzes schon Mitte der 1990er-Jahre unter der damals konservativen Stadtregierung beschlossen.
Unter der rot-grünen Stadtregierung von Bürgermeisterin Anne Hidalgo wurde das Fahrradnetz in Paris in den vergangenen zwölf Jahren dann kräftig ausgebaut auf inzwischen 1500 Kilometer. Hidalgo führte zudem ein allgemeines Tempolimit von 30 Stundenkilometern ein.
Ein Faktor für die erfolgreiche Umsetzung der Maßnahmen ist die relativ stabile Regierungsmehrheit aus einer Linkskoalition von Sozialisten, Grünen und weiteren linken Gruppierungen gewesen. Hidalgo hat der Stadt während ihrer beiden Amtszeiten als Bürgermeisterin von 2014 bis 2026 ihren Stempel aufgedrückt und den öffentlichen Raum in Paris nachhaltig verändert. Der neue Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire will diesen Kurs fortsetzen.
Beitrag: Elisa Kautzky, Cai Rienäcker, Onlineartikel: Tina Hammesfahr















