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Fake-Blitzer
Anwohner machen mobil gegen Raser

Sie sind täuschend echt und veranlassen viele Autofahrer, auf die Bremse zu treten: sogenannte "Fake-Blitzer". Mit dieser Art Attrappe wehren sich immer öfter Anwohner gegen Raser vor der Haustür. Oft drücken die Behörden ein Auge zu. Ein Grund: Ein funktionsfähiger Blitzer ist oft zu teuer.

Von Thomas Wagner | 13.04.2017
    An dem selbstgebauten Starenkasten von Anwohner Dietmar Groterhorst fährt am Donnerstag (09.06.2011) in Moers ein Auto vorbei. Der Starenkasten sieht aus wie ein richtiger Starenkasten, der zum Blitzen von Rasern verwendet wird, ist aber ein aus zwei Schubladen zusammengebautes Vogelhäuschen mit Loch in der Rückwand für brütende Vögel.
    Selbstgebauter Starenkasten in Moers: Ob altes Kanalrohr oder umgebautes Vogelhäuschen: Mit Fake-Blitzern machen Anwohner mobil gegen Raser. (dpa/picture alliance/Roland Weihrauch)
    Hepbach, ein 600-Einwohner-Örtchen im Bodenseekreis: Zahlreiche Autos, brausen durch den Ort, häufig schneller als mit den erlaubten 50 Sachen:
    "Im größten Teil fahren die viel schneller hier durch, so mit 70, 80. Aber jetzt, seit Neuestem, fahren viele ein bisschen langsamer, muss ich sagen, wegen der Blitzer-Attrappe."
    Und die hat Claus-Dieter Rau, der in seinem Häuschen direkt am Straßenrand lebt, selbst gebaut: Einen 'Fake-Blitzer", also einen Nachbau eines modernen Radargeräts. Es ist bloß ein präpariertes Kanalrohr, sieht aber täuschend echt aus. Viele Autofahrer treten instinktiv auf die Bremse, wenn sie die Attrappe sehen – und genau das ist der Zweck:
    "Der ernste Hintergrund ist: Wir haben da unten den Kindergarten. Die können hier ja nicht so ohne Weiteres über die Straße gehen. Und Hepbach hat halt gar nichts: Kein Fußgänger-Überweg und nix, keine Ampel – und die fahren wirklich größtenteils alle zu schnell."
    Mit seiner Blitzer-Attrappe will Rau die Raser zur Raison bringen. Und damit weiß er sich in guter Gesellschaft: Denn aus ähnlichen Gründen werden solche "Fake-Blitzer" bundesweit immer häufiger aufgestellt. Im nordrhein-westfälischen Moers haben Anwohner bereits vor Jahren eine Radarfalle aus einem Vogelhäuschen nachgebaut. In Sachen-Anhalt sorgte vor zwei Jahren ein "Fake-Blitzer" für Furore, in dem die Erbauer eine rot blinkende Fahrrad-Rückleuchte eingebaut hatten. Erst einmal aufgestellt, dürfen diese Anlagen häufig stehenbleiben, auch die im Bodenseekreis.
    Behörden drücken ein Auge zu
    "Wir als Behörde schauen da natürlich genau hin. Wir schauen, ob von dieser Einrichtung dann eine Gefahr für den Verkehr ausgeht, ob da jemand gestört wird, ob die irgendwie gefährlich wird. Das ist in diesem Fall nicht der Fall. Deshalb sind wir davon ausgegangen, dass von dieser Attrappe keine Gefahr ausgeht und haben gesagt: Die kann man stehen lassen, die dulden wir."
    So Robert Schwarz, Sprecher des zuständigen Landratsamtes in Friedrichshafen. Auch die nahegelegene Stadt Markdorf, zu der das kleine Örtchen Hepbach gehört, entschied: Der "Fake-Blitzer" darf stehen bleiben, weil
    "dadurch auch indirekt diese Fahrgeschwindigkeiten eingehalten werden, die auch schon durch Verkehrszeichen vorgeschrieben sind."
    Selbstgebasteltes Tempo-30-Schild in Köln
    Ob mit selbst gebastelten Straßenschildern oder Fake-Blitzern: Anwohner wehren sich gegen Raser vor der Haustür. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)
    So Markdorfs Hauptamtsleiter Klaus Schüle. Allerdings: Allmählich spricht sich herum, dass der Blitzer vor Raus Haus nur ein "Fake-Blitzer" ist. Immer häufiger machen Autofahrer beim Vorbeifahren ihrem Ärger Luft – durch auffälliges Hupen. Denn nicht bei allen kommt die Idee gut an:
    "Ich find das nicht in Ordnung, dass man sich solche Attrappen in den Garten stellt. Die Abschreckungsmacht sollte der Staat wahrnehmen. Das sollten nicht Privatpersonen irgendwie selber in die Hand nehmen."
    "Das wird keine Lösung sein auf Dauer. Irgendwie ist ja auch allgemein bekannt, dass das nur eine Attrappe ist."
    Viele äußern, angesichts der Raserei auf den Straßen, aber auch Verständnis für die Aufstellung von "Fake-Blitzern".
    "Wo ist das Problem, wenn einer so einen Blitzer aufstellt, der nicht mal blitzt? Und wenn er dazu beiträgt, dass sich die Leute an die Geschwindigkeit halten, sehe ich da kein Problem."
    "Wenn man da wohnt, kann ich das sehr gut verstehen. Das ist dann wegen der Lautstärke oder weil die so schnell da durchrasen. Kann ich verstehen!"
    Dabei wäre Claus-Dieter Rau durchaus bereit, seine Attrappe wieder abzubauen – vorausgesetzt, es käme stattdessen ein richtiger Blitzer dorthin.
    "Ich habe sogar den Standort hier angegeben, dass sie den hierher bauen, den richtigen!"
    Enorme Investitionskosten für echte Blitzer
    Indes: Raus Wunsch nach einem echten Kontrollgerät, den viele in Hepbach unterstützen, wird so schnell nicht in Erfüllung gehen. Als der Bodenseekreis im vergangenen Jahr acht neue stationäre Blitzer aufstellen ließ, ergoss sich in den sozialen Netzwerken ein riesiger Shitstorm über die Behörde. Erboste Autofahrer erhoben den Vorwurf der Abzocke. Hinzu kommt: Viele Gemeinden klagen über Raser, wünschen sich einen Blitzer. Nicht immer kann das Landratsamt einen aufstellen. Denn so ein echter Blitzer ist ganz schön teuer, betont Landratsamtssprecher Robert Schwarz:
    "Die Größenordnung ist so, dass die Säule, also nur die Säule, um die 50.000 Euro kostet. Und die eigentliche Mess-Einheit schlägt auch noch mal mit dem gleichen Preis zu Buche. Das heißt: Das sind dann enorme Investitionskosten."
    Da sind Attrappen deutlich günstiger. Für knapp unter 100 Euro werden sie zwischenzeitlich im Internet angeboten – und sollen- angeblich – so manchen Autofahrer zum besonnenen Fahren erziehen.
    "Mit der Blitzer-Attrappe? Naja, wenn die echten auch Attrappen wären, wär's ja gut."