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Startseite@mediasresJournalist oder Gaffer mit Kamera?26.08.2021

Falsche Blaulicht-ReporterJournalist oder Gaffer mit Kamera?

Bei Unfällen oder Katastrophenereignissen sind Berichterstattende meist schnell vor Ort. Doch zunehmend kommen auch Menschen, die Bilder und Videos über die sozialen Medien verbreiten wollen. Sie nutzen die Informationen der Polizeipressestellen - und behindern in besonderer Weise die Einsatzkräfte.

Von Thomas Wagner

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Gaffer (imago images / vmd-images)
Die Polizei in Oberschwaben beklagt, dass sie nicht immer zwischen Journalisten und Gaffern unterscheiden könne (imago images / vmd-images)
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"Es war erst vor wenigen Wochen, bei mir um die Ecke, direkt auf der Bundesstraße, da ist ein PkW in einen LkW gefahren, der ihm die Vorfahrt genommen hat. Und ich konnte nach einiger Zeit hinkommen und meine Aufnahmen machen", erinnert sich Tobias Kreutz. Er arbeitet als freier Kameramann im Bodenseekreis, manchmal für das öffentlich-rechtliche, manchmal für das private Fernsehen. Ab und an rückt er auch als "Blaulicht-Reporter" aus – wenn es mal wieder gekracht hat. Als hauptberuflicher Journalist wird er von der Polizei entsprechend informiert.

"Da kriegt man dann so genannte Blitz-Nachrichten: Gerade ist ein Unfall passiert. Es brennt. Ein Schiff ist untergegangen. Ein Flugzeug ist abgestürzt. Das gab es ja alles schon in unserer Region."

Zunehmend tauchen aber am Einsatzort auch Zeitgenossen auf, die keinen Presseausweis vorzeigen - weil sie keinen haben: So genannte falsche Blaulicht-Reporter, die sich in das Medienverzeichnis der Polizei eingeschlichen haben.

"Die Polizei hat einen so genannten Presseverteiler für 'Blitz-Meldungen'. Und diesen Verteiler überprüfen wir turnusmäßig und haben dabei festgestellt, dass einige nicht berechtigte Personen in diesem Verteiler waren." Und das hatte, so Daniela Baier, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums im oberschwäbischen Ravensburg, höchst unerwünschte Folgen.

Zugriff auf die "Blitz-Meldungen der Polizeipressestellen

"Wir haben nachgeforscht und festgestellt, dass diese unberechtigten Personen die Blitzmeldungen über die sozialen Medien verbreitet haben, um so unberechtigten Personen, die keine Pressevertreter sind, von diesen Vorgängen Kenntnis zu erlangen."

Schwarze Schafe also unter akkreditierten Journalisten, die Blitzmeldungen weiterleiten? Oder haben sich Personen auf den Medienverteiler gemogelt, die dazu gar keine Berechtigung mehr haben? So richtig beantworten kann die Polizei diese Fragen im Nachhinein nicht mehr. Allerdings: Alle, die auf dem Verteiler der Blitz-Nachrichten sind, mussten sich jüngst erneut legitimieren.

Häufig werde, so die Polizeisprecherin, die Arbeit der Einsatzkräfte vor Ort durch solche falschen Blaulicht-Reporter behindert. Daher scheuen sich die Beamten auch nicht vor Sanktionen: "Es gibt in Deutschland bis zur Straftat sogar Regelungen. Das Gaffen an sich, wenn man weggeschickt wird von den Polizeibeamten, stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, wenn man dem nicht nachkommt. Wenn man darüber hinaus Bilder macht, auf denen Personen zu sehen sind, auch verletzte Personen, dann kann das durchaus eine Straftat darstellen."

Auf der Suche nach Aufmerksamkeit

Bleibt die Frage, was die falschen Blaulicht-Reporter letztlich daran reizt, zu Unfällen und Katastrophen zu gelangen und sich dabei sogar widerrechtlich auf dem Medienverteiler der Polizei einzuschleichen? Diese Frage ist längst auch bei der Wissenschaft angekommen.

"Der Reiz ist natürlich schwer an die Aufmerksamkeit gekoppelt, die man damit generieren kann", sagt Jan Söffner, Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. "Wer Aufmerksamkeit hat, hat viele Facebook-Freunde und viele Likes. Sicherlich spielt aber auch eine Rolle, dass man Held sein will: Der Adrenalin-Spiegel steigt, wenn man nah an so etwas rangeht. Man will wichtig sein. Und man will auch an so etwas wie die Wahrheit ran."

Sachsen-Anhalt, Burg: Eine Sichtschutzplane mit dem Piktogramm "Fotografieren verboten" spannt am 22.03.2018 auf einem Übungsgelände der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Jerichower Land vor einem simuliertem Unfallort. Die Planen waren den Feuerwehren des Landkreises übergeben worden. Mit dem Sichtschutz wollen die Feuerwehren das Gaffen an Unfallorten verhindern. (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert) (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)Retter, Gaffer, Aggressoren - Wie mitmenschlich sind wir in Gefahrensituationen?
Gaffer stören Rettungsarbeiten, filmen Unfallopfer. Menschen sehen weg, wenn andere angegriffen werden. Es gibt aber auch die, die helfen und sogar Leben retten. Nimmt die Verrohung zu?

Dies deshalb, weil viele, die persönlich ein Unglück sehen, filmen, dokumentieren wollen, nach den Überlegungen Söffners dem Wahrheitsgehalt der von den etablierten Medien übermittelten Darstellungen misstrauen. Und deren Zahl sei stetig angewachsen.

Mögliche Auswirkungen aus die journalistische Arbeit

"Man hat das gerade am Populismus gesehen, man hat das an Figuren wie Donald Trump gesehen, in der die Institutionen, die unsere Staaten ausmachen, und dazu gehört nun mal auch die Presse, an Glaubwürdigkeit verloren zu haben scheinen, meistens ohne eigenes Verschulden, habe ich den Eindruck. Wenn man selbst dabei war und eben nicht zu einer Institution gehört, der andere Leute misstrauen, dann scheint man besonders authentisch zu sein."

Nach diesem Erklärungsansatz hätte die steigende Zahl falscher Blaulicht-Reporter auch mit steigender Skepsis gegenüber klassischen Medien zu tun. Die Vertreter der dieser "klassischen Medien" allerdings zeigen sich, so der freie Kameramann Tobias Kreutz, zunehmend genervt von der Konkurrenz mit dem Smartphone in der Hand, die sich häufig nicht an journalistische Regeln hält. Generelle Einschränkungen könnten die Folge sein – auch für hauptberufliche Journalisten.

"Es will ja auch niemand sehen, wenn ich schwerverletzte Leute im Auto schreiend aufnehme mit meiner Kamera. Das wird niemand ausstrahlen. Aber diese Leute machen das unter Umständen. Und da gibt es Regeln, die man halt nicht verletzten sollte. Und dementsprechend kann es sein: Wenn andere Leute dies tun und veröffentlichen, dass ich künftig nicht mehr meiner Arbeit nachgehen kann."

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