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Familienfreundliche öffentliche Verkehrsmittel sind rar

Wie alltagstauglich sind öffentliche Verkehrsmittel? Sie sind beispielsweise oft langsamer als das eigene Auto. Und wenn eine Familie auf Reisen geht, dann ist die Fahrt mit Bus oder Bahn außerdem teuer - oft sogar teurer als der eigene Pkw. Was tun?

Von Philip Banse | 14.02.2012

Der Deutsche Familienverband und der Verkehrsclub Deutschland wollen dies ändern, sie haben heute in Berlin Forderungen dazu vorgelegt. Philip Banse in Berlin - wie soll familienfreundlicher Transport aussehen?

Der Verkehrsclub Deutschland hat konkrete Vorstellungen, wie sich der Verkehr familienfreundlicher gestalten ließe. Autos sollten in Ortschaften nur 30 fahren dürfen, das ist sicher die grundlegendste Forderung. Es müsse zudem ein lückenloses Rad- und Fußgängernetz geben, gerade zwischen Kitas und Wohnorten und Spielplätzen. Die Routen von Bussen und Straßenbahnen sollen so gelegt werden, dass Schulen, Kitas und Spielplätze gut zu erreichen sind. Das Tarifsystem müsse verständlich und möglichst bundeseinheitlich sein, damit man sich überall schnell zurechtfindet. Damit Familien und Kinder besser zurecht kommen im Verkehr müssten auch Kinder früh in die Stadtplanung mit einbezogen werden, fordert Steffi Windelen vom Verkehrsclub Deutschland und nennt ein Beispiel aus einem Berliner Bezirk:

"In Pankow wurden gute Erfahrungen gemacht mit dem Instrument der Spielleitplanung, wo man gemeinsam mit Kindern das Wohnumfeld erkundet hat und dann die Bedürfnisse von Kindern direkt erfragt hat bei Stadtspaziergängen, bei Befragungen: Wenn ihr unterwegs seid, was stört euch? Wo seht ihre Gefahrenschwerpunkte? Da hat sich eben auch gezeigt, dass die Sicht der Kinder eine ganz andere ist als die von Erwachsenen."

Kinder an der Verkehrsplanung beteiligen – Siegfried Stresing vom Deutscher Familienverband sagt, Familien auf dem Land hätten viel grundlegendere Probleme:

"Dort erleben wir ganz, ganz stark dieses 'Taxi Mama': wenn das Kind in Schule muss, wenn es zum Sportverein muss, wenn man Opa und Oma besuchen will, dass da oft der PKW die einzige Alternative ist. Das heißt, wir fordern, dass auch in den regionalen Bereichen der ÖPNV ausgebaut wird."

In der Stadt wie auf dem Land ist Barrierefreiheit eines der wichtigsten Themen: Mit dem Rollstuhl, mit dem Kinderwagen in die Straßenbahn, in die U-Bahn, in Bus zu kommen, ist oft noch ein großes Problem. Erst ein Drittel der Berliner Straßenbahnen sei barrierefrei, sagt Jürgen Sember, Abteilungsleiter Straßenbahn bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Barrierefreiheit sei die große Baustelle:

"Unser Fahrzeugpark ist noch nicht so weit gediehen. Bekannt sind die Tatra-Fahrzeuge, wo man über drei Stufen in das Fahrzeug klettern muss, das ist natürlich nicht sehr schön, gerade mit Familie, mit Kinderwagen, die man dort hoch zu hieven muss. Barrierefreiheit - der Ausbau von U-Bahnhöfen ist ja auch nicht abgeschlossen. Da wird auch eine Menge bei der BVG investiert."

Der Verkehrsclub Deutschland appellierte heute auch an die Rücksicht aller Verkehrsteilnehmer. Eine ältere Dame an der Straßenbahnhaltestelle Schönhauser Allee beklagte sich etwa über rabiate Radfahrer:

"Die haben mich schon zwei Mal umgefahren. Ich stehe nicht mehr so sicher auf meinen Beinen, die haben mich angefahren. Das ist ganz gefährlich hier, dass die Radfahrer sich sehr oft nicht an die Fahrwege halten."

Daneben steht eine junge Mutter mit Kind vor der Brust. Sie klagt über die Art der Straßenbahnhaltestelle. Die Straßenbahn hält auf der linken Spur der dreispurigen Schönhauser Allee. Wer ein- oder aussteigt, muss also erstmal zwei Autospuren überqueren. Die Autos müssen anhalten, dürfen die Straßenbahn nicht überholen und müssen die Leute aussteigen lassen. Dennoch:

"Wenn ich manchmal sehe, wie schnell die Autos angerast kommen, dann wird mir mulmig. Ich bin es gewohnt, aber ich muss mich bewusst erinnern, ich habe jetzt ein Kind vor mir und die Sache könnte viel gefährlicher ausgehen. Ich finde es manchmal unheimlich, gerade weil manche einfach durchrasen. Und oft sind es auch Autos, die nicht aus Berlin kommen. Ich denke, die realisieren gar nicht, dass hier eine Straßenbahn hält. Das ist oft keine Absicht, denke ich, sondern es ist einfach nicht klar genug, dass hier gleich ganz viele Leute über die Straße laufen."

Die beste Lösung wäre wohl, die Leute nicht nach rechts zur Straßenbahn aussteigen zu lassen, sondern nach links zur Verkehrsinsel. Doch dazu braucht man Straßenbahnen mit Türen auf beiden Seiten. Solche Straßenbahnen haben die Berliner Verkehrsbetriebe, sagt der Leiter der Abteilung Straßenbahn. Aber

"Sie haben einen höheren Instandhaltungsaufwand durch die doppelte Anzahl der Türen und die zwei Fahrerstände. Konsequenz: In der Unterhaltung und im Betrieb sind die teurer."