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Fangzäune für Schlammlawinen

Geologie. - Nicht nur in den Alpen und anderen Hochgebirgen, sondern zunehmend auch in Mittelgebirgen wird es häufiger gefährliche Lawinen und Muren geben. Bereits jetzt sind sieben Prozent der Fläche des Rheinischen Schiefergebirges von Erdrutschen bedroht. Für einen Mainzer Geologen ist der Klimawandel die Ursache. Er fordert von der Politik eine bessere Vorsorge angesichts der wachsenden Gefahr.

14.05.2003
    Im Januar ist im Moseltal zwischen Traben-Trarbach und Kröv eine gewaltige Schlammlawine, eine so genannte Mure, heruntergegangen. Sie begrub die Bundesstraße 53 vollständig unter sich. Derzeit bauen Arbeiter dort Deutschlands bisher aufwändigste Sicherungsmaßnahme gegen Erdrutsche auf: viereinhalb Meter hohe und bis zu 70 Meter lange Fangzäune sollen künftige Erdrutsche verhindern. Grundlage für den Bau ist ein Gutachten des Mainzer Geologie-Professors Edmund Krauter. Der Grund für die Mure vom Januar seien die extremen Niederschläge gewesen, so Krauter: "Sie werden immer häufiger, wir müssen uns also gegen diese Gefahren wappnen. Das heißt, es müssen Gebiete beobachtet werden, die früher nicht durch solche Niederschläge gefährdet waren."

    Edmund Krauter ist ein international gefragter Spezialist für Erdrutsche und Felsstürze, der unter anderem am Jangtse-Fluss in China und in den Anden gefährdete Gebiete erkundet hat. Seit eigenen Jahren muss er auch hierzulande eine Zunahme von Erdrutschen feststellen. Die Gefahr ist längst nicht mehr nur in Hochgebirgslagen zu finden, sondern zunehmend auch in den deutschen Mittelgebirgen, berichtet Krauter: "Früher gab es hier und da mal nach extrem hohen Niederschlägen einen Murenabgang, aber diese Ereignisse häufen sich. Die Konzentration der Niederschläge ist wesentlich höher als früher. Das erhöht die Gefahr von Murenabgängen in Gebieten, von denen man früher nicht gedacht hätte, dass sie gefährdet wären."

    Neben Fangzäunen werden die kritischen Stellen auch elektronisch überwacht. Dazu installiert Miran Gudell, Bauleiter beim Fangzaunprojekt, so genannte Felsspione: "Es wird die Temperatur gemessen, in Verbindung mit den Niederschlägen und diese Daten kommen dann in unser Büro, wo täglich ausgewertet wird, ob hier zusätzliche Gefahren entstehen oder ob Gefahr im Verzug ist, um dann weitere Maßnahmen zu ergreifen." Solche Überwachungen werden künftig auch in den Flusstälern der Mittelgebirge nötig sein, glaubt Krauter.

    Neben dem Klimawandel sind auch Veränderungen in der Landwirtschaft Grund für das höhere Erdrutschrisiko - vor allem für Straßen und Bahnlinien. "Speziell an der Mosel und am Mittelrheingebiet wurden zahlreiche Weinberge aufgelassen", so Krauter. "Die Weinbergsmauern werden nicht mehr unterhalten, sie beginnen einzustürzen, und dadurch wird das Gelände gestört." Der Mainzer Geologe rät den deutschen Politikern, sich ein Beispiel an der Schweiz zu nehmen. Dort seien Landkarten, auf denen alle besonders gefährdeten Stellen verzeichnet sind, inzwischen gesetzlich vorgeschrieben.

    [Quelle: Ludger Fittkau]