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Fantasien eines Triebtäters

Emotional aufwühlende und tiefenpsychologisch angelegte Musikdramen gehören zum Erbe Franz Schrekers, den die Nazis mit Aufführungsverbot belegten. Das Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz lässt die ganze Fülle von Schrekers Klanguniversum der "Gezeichneten" aufleuchten.

Von Christoph Schmitz |
    Eine reichere Palette aus Farben, Stimmungen und Lichtreflexen findet man vielleicht nur noch bei Richard Strauss. Außerdem geht auch Franz Schreker immer wieder bis an die Grenzen der Tonalität und setzt ab und an einen Fuß über die Linien seines Dur-Moll-Amalgams hinweg. Souverän verarbeitet Schreker die Avantgarde seiner Zeit. Und den musikalischen Fortschritt der Jahrzehnte vor und zu Beginn von 1900. Franz Schreker ist der Kosmopolit der europäischen Musik. Debussy, Puccini, Wagner – alles fließt bei ihm zusammen, und jede Signatur bleibt sichtbar, wie hier beim Vorspiel seiner Oper "Die Gezeichneten" von 1918. Nach "Der ferne Klang" war der Komponist jetzt auf der Höhe seines Ruhms im deutschen Sprachraum, nicht weniger bekannt und bewundert als Richard Strauss.

    Das Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz läßt die ganze Fülle von Schrekers Klanguniversum wunderbar aufleuchten. Den irisierenden Impressionismus, die melodiöse Italianitá aus dem Verismus und das wagnersche Raunen. Mit musikantischem Vergnügen folgt Stenz auch allem Süffigen, ja Kitschigen, was mitunter an die Filmmusik Hollywoods erinnert. Der akustisch spröde Klangraum der Kölner Ausweichspielstätte, eine ehemalige Industriehalle, gerät unter Einwirkung der Gürzenich-Musiker förmlich in Schwingung. Und so wie die musikalischen Strömungen, Stile und Zeiten bei Schreker ineinander verknotet werden, so lässt auch das Bühnengeschehen verschiedene Epochen miteinander verschmelzen. Denn eigentlich spielt die Geschichte ja im Genua des 16. Jahrhunderts. Adelige Schnösel entführen, mißbrauchen und vergewaltigen die schönsten Töchter der reichsten Bürgerfamilien. Und zwar auf einer kleinen Insel vor Genua, in einer Art Paradiesgarten namens Elysium, geschaffen vom häßlichsten Mann der Stadt, dem buckeligen und grimassierenden Alviano Salvago. In der Inszenierung des anglo-irischen Regisseurs Patrick Kinmonth ist dieser Alviano Salvago kein Edelmann der Renaissance. Er ist ein humpelnder, verwahrloster, schmuddeliger Autoschrotthändler von heute. Er haust auf seinem Betriebsgelände.

    Alviano: "Lasst! Genug! Ich will nichts mehr hören! Es widert mich an, entsetzt mich! Und doch ich, der's ersonnen, ausgebrütet in Nächten, in Nächten, ah! Ihr ahnt nicht! (…) Teufel, was gab die Natur mir mit dieser Fratze und diesem Höcker, solch ein Fühlen, solch eine Gier!"

    Stefan Vinke singt und spielt diesen von äußeren und inneren Missbildungen Gezeichneten mit einer gestischen und stimmlichen Intensität, nimmer müde, immer schmerzhaft strahlend, dass wir mitgerissen werden von seinen Qualen und aufgesogen vom Strudel seiner Verbrechen. Gerade, noch während des Vorspiels, hat Alviano seine Geliebte einer Nacht ermordet, die etwas verrückte Künstlerin Carlotta. Sie wohnte und malte bei ihm auf dem Schrottplatz. Und einem Mann hat der Schrotthändler die Kehle durchgeschnitten. Carlottas Liebhaber. Das Ende der Oper ist so vorweggenommen. Der Mörder imaginiert nun die Vorgeschichte, die reale der Gegenwart und ein phantasierte. Er liest nämlich sein Leiden, seine Triebhaftigkeit, seine Gier und seine Taten ein in die Renaissance-Story von Schrekers Libretto. Genuas Adel mit Krauskragen, Degen und blasierter Mimik tritt auf den Schrottplatz. Carlotta ist jetzt die Tochter des obersten Stadtrepräsentanten, des Podestá. Ihr Geliebter, ein Graf. So wird Schrekers altes Genua zum Resonanz- und Symbolraum des Sexualverbrechers Alviano. So wie Schreker als Komponist die europäischen Musikstile um 1900 miteinander verquickte, so verzahnt Regisseur Kinmonth im Verlaufe des Abends mit Alvianos zunehmendem Wahn immer verrückter die Erzählebenen. Ein fabulierfreudiges, intelligentes und kurzweiliges Regietheater mit viel Sinn für die Möglichkeiten des Bühnenraumes, für die abgewrackte Industriewerkstatt, und mit viel Sinn für den musikalischen Augenblick. Den auch Chor und Solisten allesamt aufs beste nutzten. Wie Nicola Beller Carbone als getriebene, besessene und kühl kalkulierende Künstlerin Carlotta. "Die Gezeichneten" in Köln zeigen Schreker als musikalischen Meister und meisterhaften Psychologen.

    Carlotta: "Uns're Zeit ist voll seltsamer Dinge. Ich kannt' eine Frau, sie lernte malen gleich mir an Antwerpens Schule, die malte Hände. Feine, schlanke, mit zartem blauen Geäder, grobe, derbknochige Männerfäuste, die beringte Hand eines Weibes, üppig und weich, mit Nägeln, spitz und rosig, blinkend wie Tropfen blassen Blutes."